Gesundheit geht vor

Abschied vom Kauftreff „Ums Eck“ in Jügesheim

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Für Familie, Freunde und Stammkunden öffnete Christa Sattler (rechts) gestern noch einmal den Kauftreff „Ums Eck“.

Jügesheim - Eine Ära ist zu Ende: Christa und Wolfgang Sattler müssen ihren Kauftreff „Ums Eck“ aus gesundheitlichen Gründen schließen. Gestern stand Christa Sattler zum letzten Mal hinter der Theke. Von Ekkehard Wolf

Die Jalousien waren schon seit zwei Monaten geschlossen. Gestern öffnete Christa Sattler noch einmal die Tür des Ladens an der Dudenhöfer Straße, um sich von den treuen Kunden zu verabschieden. Die Nachricht machte rasch die Runde. Und sie kamen alle: Freunde, Bekannte, Weggefährten und die vielen Handwerker, für die Sattlers Laden ein Stück Heimat war. Einer der Stammkunden ist Reinhard Geißler aus Babenhausen. „Als kleiner Steppke war ich vor über 50 Jahren mit meiner Mutter hier und habe die Eier geliefert“, erzählt er. Später, mit eigener Gerüstbaufirma, legte er hier seine Kaffeepause ein.

Abschiedsworte statt Sonderangebote waren gestern auf den Tafeln vor dem Ladengeschäft zu sehen.

„Schlemmerparadies zum Handwerkertreff“ steht auf einem Schild, das von der Decke baumelt. „Das haben sie selbst gemacht“, erzählt Christa Sattler. Auch der Kaffeetresen entstand auf Anregung der Kunden - eine Maßanfertigung zum Freundschaftspreis. Unten ein Schränkchen für Tassen und Kaffeevorrat, oben ein Tisch mit abgeschrägten Ecken, an dem der Platz nie ausging. Wenn ein weiterer Kollege kam, rückten die anderen eben zusammen. „Da hat immer noch einer hingepasst“, sagt Christa Sattler. Telefone waren am Kaffeetisch tabu. Diese Regel hatten die Handwerker selbst aufgestellt. Keiner tatschte oder wischte auf seinem Smartphone herum. Und wenn dann doch mal ein Telefon piepste, schickten ihn die anderen ins „Büro“: eine Ecke am Schaufenster, ein paar Schritte entfernt.

Auf einem Tischchen lagen täglich die Offenbach-Post und die Bildzeitung zum Lesen bereit. An der Wand darüber hängen Fotos zur Erinnerung an die Kunden, die hier aus- und eingingen. Gestern wurden auf dem Tischchen Abschiedsgrüße und Genesungswünsche verfasst. „Heute gibt’s für mich in eurem Lädchen das letzte Salamibrötchen“, schrieb eine langjährige Kundin, die schon als Kind die Mutter zum Brötchenholen begleitete: „Vielen Dank für die vielen schönen Erinnerungen.“

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Christa Sattler kochte Kaffee, belegte Brötchen, begrüßte Kunden, stellte Blumen ins Wasser, umarmte und wurde umarmt. Die Herzlichkeit, die den Kauftreff „Ums Eck“ prägte, war auch beim Abschied spürbar. 1974 hatte Christa Sattler im Geschäft ihre Schwiegereltern angefangen, zehn Jahre später übernahmen sie und ihr Mann den Laden in eigene Regie. Als die Konkurrenz der Supermärkte und Discounter übermächtig wurde, fanden sie ihre Nische als Frühstückstreff, der ab 4.30 Uhr offen hat - auch wenn das hieß, dass der Wecker um 2.30 Uhr klingelte.

„Eigentlich wollten wir nächstes Jahr aufhören“, berichtet die Ladeninhaberin. Doch dann wurde Wolfgang Sattler krank und alles war anders. Jetzt zählt nur eines: Die Sorge um ihn und die Hoffnung, dass er bald wieder gesund wird. „Er ist auf dem Weg der Besserung“, berichtet Christa Sattler. Und dann winkt sie drei Männern im Blaumann zu, die nach der Kaffeepause wieder an die Arbeit gehen: „Macht’s gut, ihr Männer und schafft schön!“

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