Fahrtausfälle mit drastischen Folgen

Bus fährt nicht - neuer Job ist weg

Nicht jeder Bus fährt so pünktlich wie diese beiden Stadtbusse der Linie 42 gestern am Busbahnhof Jügesheim. Auch Fahrgäste der Linie 99 hoffen nach den Chaoswochen vom Dezember auf verlässliche Verbindungen.
+
Nicht jeder Bus fährt so pünktlich wie diese beiden Stadtbusse der Linie 42 gestern am Busbahnhof Jügesheim. Auch Fahrgäste der Linie 99 hoffen nach den Chaoswochen vom Dezember auf verlässliche Verbindungen.

Rodgau - Ausfallende Busse und verspätete S-Bahnen sind nicht nur ärgerlich, sondern können sogar die wirtschaftliche Existenz bedrohen. Von Ekkehard Wolf 

Eine junge Frau aus Rodgau hat deshalb ihre neue Arbeitsstelle verloren: Weil zwei Busse der Linie 99 nicht fuhren, konnte sie den Job am ersten Arbeitstag nicht pünktlich antreten. Das ist kein Einzelfall: Eine angehende Erzieherin verlor ihren Praktikumsplatz, weil eine S-Bahn ausfiel. Auf der Busfahrt zur Arbeit nach Dietzenbach hat Ute Buschmann aus Jügesheim schon viel mitgemacht. Doch was sie am 1. Dezember erlebte, wird sie so schnell nicht vergessen.

Am Jügesheimer Busbahnhof traf sie am frühen Morgen eine junge Frau, die schüchtern und verunsichert auf den Bus wartete. Um 7 Uhr sollte sie ihre Arbeitsstelle bei einer Kosmetikfirma in Dietzenbach antreten. Doch der Bus um 6.25 Uhr war ausgefallen. Da klingelte das Handy der jungen Frau: Die Chefin fragte, wo sie denn bleibe. Auch der nächste Bus um 6.55 Uhr kam nicht. Dafür aber ein zweiter Anruf aus der Firma: Wenn sie so unpünktlich sei, brauche sie die Stelle gar nicht erst anzutreten.

Mit einem Schadenersatz kann die junge Frau kaum rechnen. Die Zehn-Minuten-Garantie der Kreisverkehrsgesellschaft ist in diesem Fall nicht viel wert: Bei einer Verspätung von mehr als zehn Minuten am Zielort gibt es nur den Fahrpreis zurück. Einen höheren Ersatzanspruch schließt der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) in seinen Beförderungsbedingungen aus. RMV-Pressesprecher Sven Hirschler reagiert betroffen auf den Fall vom 1. Dezember: „Das tut mir richtig leid.“ Vom Verlust eines Arbeitsplatzes durch ausgefallene Fahrten im Nahverkehr höre er zum ersten Mal: „Mir ist das so noch nicht untergekommen.“

Was der jungen Frau passierte, ist aber kein Einzelfall. Ute Buschmann weiß von mindestens einer weiteren Betroffenen, ebenfalls in jüngster Zeit. Dabei handelt es sich um eine angehende Erzieherin, die ein Praktikum antreten sollte: „Auch sie verlor den Platz, allerdings, weil die S-Bahn ausfiel.“

Marcell Biederbick von der Kreisverkehrsgesellschaft Offenbach (kvgOF) hat Verständnis für Wut und Verärgerung der Betroffenen. Niemand wolle den Arbeitsplatz verlieren, weil der Bus nicht fährt. Das sei der „worst case“. „Aber wir können natürlich nicht garantieren, dass alle Fahrten 100-prozentig stattfinden.“

Geduldsprobe für Fahrgäste der Linie 99

Die Fahrgäste der Linie 99 wurden Anfang Dezember auf eine Geduldsprobe gestellt. Zahlreiche Fahrten fielen aus. Die Teilstrecke zwischen Jügesheim und Nieder-Roden wurde zeitweise nicht mal im Stundentakt bedient. Aber welcher Bus fuhr und welcher nicht, blieb unklar. Weder die kvgOF noch die Busfirma Vineta brachten es fertig, die Kunden rechtzeitig zu informieren.

Der Hintergrund war ein Betreiberwechsel zum 13. Dezember. In den letzten zwei Wochen der achtjährigen Vertragslaufzeit fuhr Vineta laut kvgOF nur noch mit verringertem Personal. So fanden am 1. Dezember nur 78 Prozent der Fahrten statt. Der Stadtverkehr zwischen Jügesheim und Nieder-Roden wurde an diesem Tag vernachlässigt, um die Strecke zwischen Langen und Seligenstadt einigermaßen vollständig zu bedienen. Dennoch kamen viele Fahrgäste zu spät ans Ziel und eine junge Rodgauerin verlor ihren Job.

Eigentlich sollten Kunden kaum etwas bemerken, wenn eine neue Firma eine Buslinie übernimmt. Diesmal war es anders. Trotz europaweiter Ausschreibung mit langen Vorlaufzeiten wurde der Auftrag an den Omnisbusbetrieb Emil H. Lang GmbH (Urberach) so kurzfristig vergeben, dass das Unternehmen nicht rechtzeitig neue Busse bestellen konnte, wie aus einer Pressemitteilung der kvgOF hervorgeht. Der Omnibusbetrieb besorgte sich gebrauchte Busse, um die Linie bedienen zu können. Bis zum Frühjahr müssen die Fahrgäste mit eingeschränktem Komfort vorlieb nehmen.

Beispiele aus dem neuen RMV-Preissystem

Und wie sieht es mit der Pünktlichkeit aus? Die Beschwerden der Kunden nach dem Fahrplanwechsel haben nachgelassen, wie kvgOF-Verkehrsplaner Biederbick berichtet: „An den ersten Tagen hat es sicherlich das eine oder andere Problem gegeben, aber mittlerweile läuft es einigermaßen stabil.“ Der Umstieg auf die S-Bahn sei „in der Regel gewährleistet“.

Aus Sicht der Fahrgäste ist jede einzelne Panne ärgerlich, schon gar, wenn es weder einen Schutz vor Kälte noch einen Kiosk mit heißen Getränken gibt. Beispiel: Wer am 30. Dezember um 7.25 Uhr von Jügesheim nach Dietzenbach fahren wollte, musste auf den nächsten Bus warten. „Ohne Ansagen, versteht sich“, sagt Ute Buschmann: „Ich frage mich ernsthaft, was diese Schikane soll. Man möchte pünktlich bei der Arbeit sein und nicht ständig stundenweise nacharbeiten müssen, weil man wegen des Busausfalls zu spät kommt.“

Kommentare