Videokamera dokumentiert den Zustand der Kanalisation

Fahrt durchs Gedärm der Stadt

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Der Kanalroboter ist mit moderner Technik vollgepackt. Vor den gleißend hellen LED-Lichtern nimmt jede Ratte reißaus.

Rodgau - Eine Videokamera auf Rädern surrt durch die Abwasserrohre in Rodgau: zehn bis 15 Zentimeter pro Sekunde und zehn bis 15 Kilometer im Jahr. Von Ekkehard Wolf 

Wie leistungsfähig ist die Kanalisation? Das fragen sich viele Bürger spätestens seit den verheerenden Regenfällen, die im Mai und Juni mehr als 200 Keller unter Wasser setzten. Zwei Fahrzeuge stehen auf der Straße „Zum Wingertsgrund“ in Hainhausen. Das eine hat einen großen Tank, das andere ist ein blauer Lieferwagen. Die Untersuchung im Gedärm der Stadtentwässerung läuft immer nach dem gleichen Schema: Zuerst wird das Rohr gespült, dann mit der Kamera inspiziert. Ein Arbeiter lässt die sogenannte Spülbombe in den Kanalschacht hinunter. Sie zieht zwei Schläuche hinter sich her: einen Wasserschlauch und einen breiteren Saugschlauch. Mit Hochdruck schießen Wasserstrahlen aus den Düsen, die kreisförmig angeordnet sind. Der Wasserdruck schiebt die Spülbombe vorwärts. An einem Drahtseil wird sie zurückgezogen. Eine starke Saugpumpe, ähnlich wie ein riesiger Staubsauger, saugt den gelösten Schmutz an. Ein Filter im Saugfahrzeug säubert das Schmutzwasser für den nächsten Spülvorgang, die Rückstände landen in einem Extratank.

Nebenan im Lieferwagen sitzt Ludwig Sahl an einem engen Computer-Arbeitsplatz. Er arbeitet seit 1998 als Kanalinspekteur. „Als erstes hatten wir eine Fischaugenkamera“, erinnert er sich. Heute arbeitet er mit einer Schwenkkopfkamera, die er mit zwei Steuerknüppeln lenkt. Mit dem Gerät kann er auch um die Ecke in einen Hausanschluss hineinblicken. Und wenn ein Zulaufrohr etwas höher angesetzt ist, kann er den Kamerakopf anheben. Die neuesten Kameramodelle haben eine HD-Auflösung, mit der man auch feine Details erkennen kann. Früher liefen Kanaluntersuchungen viel einfacher ab: „Da hat man einen Schacht aufgemacht und einen Spiegel reingehalten. Im nächsten Schacht hat man eine Lampe heruntergelassen. Wenn man das Licht am anderen Ende gesehen hat, war alles okay.“

Mit zwei Lenkknüppeln steuert Kanalinspekteur Ludwig Sahl die Kamera durch die Eingeweide der Stadt. Schadhafte Stellen der Kanalisation beschreibt er mit kurzen Texten. Beim Abspielen der Videoaufzeichnungen kann man genau ablesen, wo sich die Problemstelle befindet.

Die Videokamera fährt mit zehn bis 15 Zentimetern pro Sekunde durch die Rohre. Meist fährt Ludwig Sahl 100 bis 150 Meter ab. Auch mehr wäre möglich: Die Leitung ist 300 Meter lang. Zu markanten Stellen auf den Videos tippt er Stichworte ein. „Linker Kämpfer“ heißt es da zum Beispiel. Fachleute wissen, was damit gemeint ist: ein Vorsprung im Kanal. Seit mehr als 20 Jahren wird die Kanalisation in Rodgau mit Videokameras inspiziert, wie Ingenieur Manfred Wasserek von den Stadtwerken sagt. Der Erfolg: „Die Schadstellen werden immer weniger.“ Die Kanalisation sei in einem guten Zustand. Kanaleinbrüche gebe es so gut wie nicht mehr, höchstens durch eine zufällige Beschädigung bei Tiefbauarbeiten. „Was wir schon hatten, ist, dass Kabelverlegebetriebe ihre Leitungen nicht in offener Bauweise verlegen, sondern schießen.“ In der Friedensstraße in Nieder-Roden wurde auf diese Weise ein Kanalrohr durchschossen. „So etwas hat man früher gar nicht gesehen“, so Wasserek, „insofern ist die Kanaluntersuchung ein Segen.“

Ab und zu findet die Kamera einen Blindanschluss, der nur mit Brettern verschlossen wurde, weil kurz danach ein Neubau angeschlossen werden sollte. Wenn aus dem Bauvorhaben dann doch nichts wurde, kann so ein Anschluss jahrelang ungenutzt liegen. Irgendwann verrottet das Holz. „Das ist dann ein ideales Schlupfloch für Ratten“, weiß Wasserek. Den Nagetieren begegnet man bei der Kontrolle immer wieder. Sie ernähren sich unter anderem von Essensresten, die über die Toilette entsorgt werden, anstatt in der Biotonne zu landen. Manche Ratten nähern sich neugierig der Kamera und blicken dem Kanalinspekteur dann aus dem Bildschirm entgegen, andere fliehen vor dem blendend hellen LED-Licht. Ludwig Sahl trieb einmal ungewollt eine Ratte vor sich her, bis sie nur noch einen Ausweg sah: Sie huschte in den nächsten Hausanschluss.

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In der Kanalisation findet man auch manches, was dort nicht hingehört. Kleidungsstücke, Rundhölzer, Zeitungspakete oder Rucksäcke sorgen für Verstopfung. „Wir haben sogar schon einen Computer herausgeholt“, erzählt Ingenieurin Ingrid Sattler von den Stadtwerken. Offenbar hatte jemand einen Kanalschacht geöffnet, um das Gerät zu entsorgen. Auch Ablagerungen vermindern den Kanalquerschnitt. Sie entstehen etwa durch Bauabfälle: Kalk- und Farbreste oder Zementschlämme. „Ein Phänomen, das leider nicht beherrschbar ist“, seufzt Manfred Wasserek: „Bei Neubaugebieten kommen wir an die Handwerker nicht ran.“ Aber auch Frittierfett kann tückisch sein: Es verbindet sich mit dem Schmutz zu einem festen Klumpen, der ebenfalls für Probleme sorgt.

Aus den erkannten Schäden stellen die Stadtwerke einen Sanierungsplan zusammen. Dabei gibt es mehrere Stufen der Dringlichkeit. Oberste Priorität hat die Reparatur defekter Rohre, durch die Schmutzwasser ins Erdreich gelangen könnte. Ingrid Sattler: „Im September, Oktober werden wir sanieren.“ Eine Kanalinspektion ist nur bei trockenem Wetter möglich. „Als es vor ein paar Tagen geregnet hat, war der Kanal zu 90 Prozent voll“, berichtet Ludwig Sahl. Bei plötzlichen Regengüssen kann es passieren, dass er auf dem Bildschirm sieht, wie der Schwall auf die Kamera zukommt. Und was dann? „Abwarten, bis der Regen vorbei ist.“

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