Ferienakademie der Heinrich-Böll-Schule

Fabians Flaschenflitzer streikt

+
Seinen ersten Akademie-Besuch absolvierte Kai Darmstädter, neuer Schulleiter an der HBS (links), bei Petra Carbon. Er war erstaunt, wie viele Mädchen sich für Naturwissenschaften interessieren.

Nieder-Roden - Wackelkurs im Testlauf und ein Kurzschluss in der Flasche – lösbare Probleme für 26 Jungwissenschaftler in der Ferienakademie der Heinrich-Böll-Schule (HBS). Von Oliver Klemt 

Im Versuchsfeld Energie hat das Erfolgsprojekt von Lehrerin Petra Carbon schon eine ganze Flotte von Elektroautos aus PET-Flaschen hervorgebracht. Und das soll erst der Anfang sein: Wasserräder, Thermik-Windmühlen und Solarkocher folgen. „Hier ist immer Stimmung“. In der Tat finden die Lehrerin Petra Carbon, ihr Sohn Marc (21) als Co-Trainer und Assistent Tim Idel (17) im provisorischen Forschungslabor keine Minute Ruhe. Auf den ersten Blick sieht die Aufgabe, die sie den 10 bis 13 Jahre alten Schülern gestellt haben, einfach aus: E-Motor und Batteriefach mit Heißkleber in die ausgedienten Limo-, Wasser oder Saftflaschen montieren, ein kleiner Schalter, zwei Achsen mit vier Rädern und ein Gummiband als Antriebsriemen. Fertig ist der Mini-Renner, Start frei auf der Teststrecke in der Aula.

In der Praxis aber steckt – wie bei jedem technischen Experiment – der Teufel im Detail. Fabians Flaschenvehikel streikt, auch wenn schwarze und rote Drähte an den richtigen Stellen sitzen. Weil sein Wagen bockt und schlingert, hat Benjamin das Heck über der Antriebsachse mit kleinen Steinen beschwert. Andere fixieren Stifte oder Steuergewichte mit Tesafilm. Während Marc zig Löcher nachbohrt, damit die Achsen besser laufen, hat Annika entdeckt, wie sie ihren Flaschenflitzer rückwärts fahren lassen kann: Die Batterie umdrehen, umgekehrte Polarität – Grundlagen-Physik im richtigen Leben. „Es ist faszinierend, wie die Kinder die Probleme angehen“, freut sich Petra Carbon, „manchmal einfach genial“. Was in den Nachwuchstechnikern steckt, verblüfft die ausgewiesene Expertin auch nach Jahren immer wieder. Auch Schulleiter Kai Darmstädter, erst seit Ende Juni im Amt, schaut bei seinem ersten Akademie-Besuch verwundert in die Runde: So viele Mädchen unter den Tüftlern hatte er nicht erwartet. Was die Kollegin dafür tue? „Gar nichts“, antwortet die: „Sie kommen von selbst“.

Mit mehr Spielraum läuft es besser: Co-Trainer Marc Carbon vergrößert die Achsenlöcher an Veronikas Flaschen-Vehikel. 

Laut Carbon lässt sich das von allen sagen, die seit der Premiere 2008 die Ferienakademie besucht haben: „Die Initiative kam sogar von den Kindern“. Zwar sei im Unterrichtsschwerpunkt Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) schon zuvor zwei Stunden pro Woche in der Nawi-Werkstatt experimentiert worden, das habe aber vielen nicht gereicht: „Erst wollten sie mal samstags, dann ganze Wochenenden, schließlich in den Ferien ran“. Die so geschaffene Ferienakademie sei bisher immer ausgebucht gewesen – keineswegs nur von HBS-Schülern: Diesmal sind unter anderem Kinder von der Schule am Bürgerhaus, der Carl-Orff-, der Freiherr-vom-Stein-, der Georg-Büchner-, der Geschwister-Scholl- und der Gartenstadtschule dabei, sogar je eines aus Hainburg und Großzimmern.

Klassisch und modern: Die besten Spick-Methoden

„Wenn wir hier fertig sind, werden sie viel zu schleppen haben“, meint die Akademieleiterin – denn selbstverständlich dürfen alle Bastler, deren Eltern je 45 Euro für die Woche bezahlen, alle ihre Technik-Wunder nach der Abschlussfeier mit nach Hause nehmen. Auch der Wissensschatz wiegt um einiges schwerer. So ist seit der Theorie-Sitzung allen klar, dass Energie nie erzeugt, sondern immer nur umgewandelt werden kann und wie das etwa in einem Kraftwerk funktioniert. „Das ist schwieriger Stoff, aber sie haben das wunderbar hingekriegt“, lobt die Lehrerin. Nach den Praxistagen mit Wasser- und Windkraft steht noch ein Film über Fotovoltaik aus.

Mit solchen Konzepten haben die HBS und vorneweg ihre MINT-Beauftragte schon bundesweit Furore gemacht. Mehrfach gewannen Petra Carbon, inzwischen auch Vorstandsmitglied des nationalen MINT-Lehrerforums, und ihre experimentierfreudigen Schüler den begehrten MINT-Award des Chemiekonzerns Procter & Gamble und andere Auszeichnungen. Die Akademiewoche unterstützt regelmäßig der Darmstädter Pharmariese Merck. Für 2017 Jahr plant Carbon parallel zur Ferienakademie eine englischsprachige Variante, auch als Zugang für junge Migranten. Für die Teilnehmer, sagt sie, dürfe das aber nicht zu teuer werden.

Kommentare