„Mutter wollte da nicht mehr rein“

Günter Roth (80) erinnert sich an tragische Bombennacht vor 75 Jahren

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Nach dem Bombeneinschlag räumten Helfer die Trümmer des zerstörten Hauses Ludwigstraße 13 zur Seite. Später wurde es wieder aufgebaut. Das Foto ist im Heimatmuseum zu sehen.

Jügesheim - Eine kleine Gedenkstätte auf dem alten Friedhof hält die Erinnerung wach: Heute vor 75 Jahren tötete eine Sprengbombe vier Menschen an der Ludwigstraße. Zwei Brüder, die den Bombenabwurf als Kinder überlebten, wohnen noch heute in Jügesheim. Von Ekkehard Wolf 

„Es gibt Erlebnisse, die brennen sich ein, auch wenn man erst fünf ist“, berichtet Günter Roth (80). Er und sein Bruder Richard (85) überlebten die Explosion zusammen mit ihrer Mutter. Der Sprengkörper, von einem britischen Bomber abgeworfen, tötete ihren Vater, ihren Bruder sowie eine Tante und deren Kind. Das Sirenengeheul jener Nacht war wohl der erste Fliegeralarm des Krieges in Jügesheim. „Wer hat denn damals gedacht, dass hier ein Angriff kommt?“, sagt Günter Roth heute. Seinem Vater sei es jedoch wichtig gewesen, die Familie im Freien in Sicherheit zu bringen. Das war gegen 1.40 Uhr nachts. Dann ging der Vater noch einmal ins Haus, um seinen Sohn Leonhard zu holen. Der Zehnjährige hatte in dieser Nacht nicht bei seinem Zwillingsbruder Richard, sondern oben unter dem Dach geschlafen. In diesem Moment schlug die Bombe ein und explodierte im Schlafzimmer. Eine Schwester des Familienvaters, die mit ihrem Baby im Haus bleiben wollte, wurde schwer verletzt ins Schwesternhaus gebracht. Beide starben kurz darauf.

Wie es nach der Detonation im ersten Stockwerk aussah, schildert Günter Roth so: „Ich weiß, dass wir oben im Flur gestanden haben. Das Schlafzimmer war total zerstört: der Schrank, die Kleider, alles. Wir konnten vom Flur aus den Himmel sehen. Und uns war nichts passiert - ein Wunder.“ Die Wohnung der Großeltern im Erdgeschoss war teilweise verschüttet, weil die Decke eingebrochen war. Die Großeltern überlebten den Einschlag - ebenso wie eine weitere Tante der beiden Buben, die mit ihrem Baby im Parterre in einem hinteren Raum schlief: Sie war beim Fliegeralarm aus dem Fenster ins Freie gesprungen. Die Nationalsozialisten nutzten die Beerdigung für ihre Propaganda. Hakenkreuzfahnen flatterten, Uniformträger standen stramm und Böllerschüsse knallten. Wie sich die Hinterbliebenen dabei fühlten, war wohl egal.

Vieles blieb damals ungesagt: „Am Anfang ist gar nicht darüber gesprochen worden, erst Jahre später nach dem Krieg. Noch heute fällt es dem 80-Jährigen schwer, über manche Folgen des Bombenabwurfs zu sprechen. Eine Witwe mit zwei Kindern konnte damals nur schwer überleben. „Wir sind nicht verhungert, aber es war schon eine schlimme Zeit“, sagt Günter Roth. Trauer und Trauma prägten viele Familien: „Sie haben sich gegenseitig getröstet.“

Günter Roth überlebte die Detonation unverletzt.

Das zerstörte Haus wurde bald wieder aufgebaut, so dass die Großeltern wieder in ihre eigenen vier Wände einziehen konnten. „Meine Mutter wollte nicht mehr da rein“, berichtet Günter Roth. Auch zwei Nachbargebäude mussten von Grund auf neu errichtet werden. Der Druck der Detonation hatte auch die Häuser 11 (Rücker), 15 (Sattler) und das gegenüber stehende Wohnhaus der Familie Zang beschädigt. Dass das Haus der Familie Roth getroffen wurde, war möglicherweise ein tragischer Zufall. In dem Buch „Jügesheim und St. Nikolaus, Dorf und Pfarrei in der Geschichte“ von Hermann Bonifer aus dem Jahr 2004 heißt es, britische Bomber hätten damals nur vereinzelt Nachtangriffe geflogen und ihre Bomben „ziemlich wahllos“ abgeworfen. Die Ludwigstraße bildete damals den Ortsrand. Günter Roth: „Eine Sekunde später und es wäre auf dem Feld gewesen. Das ist eben Schicksal.“

So begann der Zweite Weltkrieg

Die Gräber der vier Bombenopfer sahen aus wie viele andere aus jener Zeit - mit eisernen Kreuzen auf Holzpfählen. Diese Anlage wurde wenige Jahre nach Kriegsende beseitigt. Stattdessen wurde ein normaler Grabstein errichtet. Nachdem die Ruhefrist der Grabstätte abgelaufen war, wollte die Friedhofsabteilung der Stadtwerke den Grabstein wegen seines lokalhistorischen Werts erhalten. Der Stein wurde an den Hauptweg des alten Friedhofs versetzt und um eine Informationstafel ergänzt. Zwischen blühenden Stauden führen Gehwegplatten zu dem Stein. Die Stauden sind so ausgewählt, dass fast zu jeder Zeit etwas blüht, wie Christina Breuninger von den Stadtwerken berichtet.

Mit dem Ergebnis ist Günter Roth sehr zufrieden: „Was da gemacht worden ist, ist wirklich gut.“ Seine Runde in den Ort führt ihn oft über den Friedhof - vielleicht sogar öfter als früher. Dem 80-Jährigen ist es wichtig, dass die Erinnerung an die Schrecken des Krieges wach bleibt: „Viele von meiner Generation sind ja nicht mehr da.“

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