Angeklagter muss 18 Monate ins Gefängnis

Haftstrafe wegen Sex-Attacke am Badesee in Nieder-Roden

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Nieder-Roden - Der Angeklagte wollte es als Scherz verkaufen. Richter Manfred Beck vom Offenbacher Amtsgericht und seine Schöffen sahen die Sache aber ganz anders. Sie sprachen eine Haftstrafe von 18 Monaten ohne Bewährung aus. Von Stefan Mangold 

Der Straftatbestand: Sexuelle Nötigung am Textilstrand des Badesees in Nieder-Roden, begangen am Abend des 6. Juli 2015. Die Staatsanwältin trägt vor, der Angeklagte habe sich auf die Geschädigte gelegt und „zu seiner sexuellen Erbauung“ sein erigiertes Genital an deren Gesäß gerieben. Der Pflichtverteidiger Fatih Kantekin spricht hingegen von einer Art Mutprobe. Eine Bekannte des Angeklagten habe versprochen, die Nacht bei ihm zu verbringen, wenn er sich auf die unbekannte Frau lege, die bäuchlings lag und auf dem Smartphone tippte. Die Bekannte erklärt während der Verhandlung als Zeugin, sie habe den Vorschlag scherzend gemeint und keineswegs vermutet, der Angeklagte werde ihn umsetzen. „Der macht das nicht, dann muss ich nicht bei ihm übernachten“, sagt die 24-Jährige.

Von dem 25-jährigen Angeklagten will Richter Beck wissen, wie er sich ein Tête-à-Tête in heimischen Wänden überhaupt vorgestellt habe. Schließlich wohne er mit Lebensgefährtin und dem heute zweijährigen Sohn in Offenbach zusammen. Der Befragte erklärt, damals habe es in der Beziehung rumort. Seine Lebensgefährtin hatte sich samt Kind bei ihren Eltern aufgehalten. Das Motivationsgestrüpp kann der Geschädigten egal sein. Die selbstbewusst wirkende Frau erzählt, das Gefühl, sich frei bewegen zu können, habe an diesem 6. Juli geendet. Den Badesee meide sie seit damals. Die 29-Jährige sagt aus, sie habe bei der ersten Berührung gedacht, das sei ihr Mann. Sie habe sich sofort umgedreht und schockiert reagiert, als sie den Fremden sah.

Leicht sei es nicht gewesen, sich von dem Angeklagten zu befreien. Geschrien habe sie. „Bist du blöd?“, habe er mit „Blöd, aber geil“ retourniert. Der Angeklagte und seine Clique hätten gelacht. Anschließend sei sie zum Bademeister gegangen. Der verhinderte, dass der Angeklagte stiften ging und setzte ihn fest, bis die Polizei eintraf. Derweil habe er ihr gegenüber prophezeit: „Mir passiert doch nichts“. Was zumindest der Justizerfahrung seiner Jugend entspricht. In seinem Vorstrafenregister stehen elf Einträge. Delikte wie gemeinschaftlicher Diebstahl im Kontext mit zwölffacher Körperverletzung und Einbruch mündeten nach diversen Ermahnungen samt Jugendarrest in Bewährungsstrafen, bis der Angeklagte als Erwachsener schließlich einsaß. Nach Gefängnisaufenthalten agierte er stets weiter abseits von Gesetzesnormen.

Die Staatsanwältin fordert 22 Monate Haft. Die Geschädigte habe unter der Tat bis heute zu leiden. Die Sozialprognose des Angeklagten sei allerdings mittlerweile günstig. Er absolviere eine Ausbildung und komme seiner Vaterrolle nach. Deshalb könne die Strafe auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden.

Drachenfest 2015 am Badesee Nieder-Roden: Fotos

Anwalt Fatih Kantekin argumentiert, es handelte sich zwar um einen üblen Scherz, sexuelle Nötigung sehe er aber nicht. Wenn sich einer aus der Schwergewichtsklasse des Angeklagten auf eine Frau lege, könne sich das in deren Wahrnehmung für einen Moment wie das Simulieren von Beischlafbewegungen anfühlen. Von denen hatte das Opfer gesprochen. Der Angeklagte habe sich danach sofort entschuldigt und den Wettcharakter seiner Tat erwähnt.

Hinsichtlich der Geschädigten habe ihn keine sexuelle Intention getrieben. Mit seiner Vita hätte er ohnehin öffentlich keine Straftat begehen wollen. Der Verteidiger sieht den subjektiven Tatbestand nicht erfüllt und liegt mit seiner Forderung nach Freispruch so gar nicht auf der Linie von Richter Manfred Beck.

„Sie schieben die Rechte anderer immer zur Seite“, begründet der Vorsitzende sein Urteil von 18 Monaten Haft ohne Bewährung. Wegen des prallen Vorstrafenregisters des Angeklagten, der sich im Gerichtssaal bei der Geschädigten entschuldigt, sieht Beck keinen Spielraum für Bewährung. Echte Einsicht habe er zudem nicht gezeigt. Die Persönlichkeit der Frau habe für ihn keinen Wert dargestellt: „Sie denken, Sie können machen, was Sie wollen.“

Bilder: Strandbadfestival am See in Nieder-Roden

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