Aus 90 Jahren Technikgeschichte

Jügesheimer Sammler besitzt 200 Motorsägen

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Mit diesem seltenen Modell, Baujahr 1938, fing alles an.

Jügesheim - Die Technik im Dienst des Menschen – dieses Thema hat Harald Weber schon immer gereizt. Der Maschinenbauingenieur sammelt seit zwölf Jahren motorisierte Sägen – zuletzt zählte er etwa 200 Stück. Jedes Sammlerstück ist zugleich ein Stück Geschichte, das Weberfestgehalten hat. Von Natalie Kotowski

Der Mann auf dem alten Foto hat die Natur bezwungen. Stolz sieht er aus, gleichzeitig aber auch völlig erschöpft. Er lehnt gegen den gefällten Baum, gegen den Stammdurchmesser von mindestens zweieinhalb Metern sieht der Waldarbeiter winzig aus. Und doch hat er den Riesen allein mit einer großen Handsäge zu Fall gebracht. Das Bild hängt auf dem Dachboden von Harald Webers Maschinenhandel in Jügesheim. Halb verdeckt hinter einer der ersten elektrischen Kettensägen von Stihl aus dem Jahr 1926 – so als müsse sich die Tradition hinter dem Fortschritt verstecken.

„Benzin- und Elektrosägen waren früher echte Hilfsmittel für schwer arbeitende Menschen, gerade für Holzfäller, die gigantischen Bäumen nur mit einer Axt zu Leibe rückten, waren sie eine extreme Erleichterung.“ Die Technik im Dienst des Menschen – dieses Thema hat Harald Weber schon immer gereizt. Der Maschinenbauingenieur sammelt seit zwölf Jahren motorisierte Sägen – zuletzt zählte er etwa 200 Stück. Sägen thronen auf deckenhohen Regalen in den Verkaufsräumen, der Garage und der Werkshalle seines Maschinenhandels am Alten Weg. Sägen hängen auch unter den Decken, große 60-Kilogramm-Exemplare für den Zweimannbetrieb stehen auf dem Fußboden.

Maschinenbauingenieur Harald Weber aus Jügesheim hat fast 200 motorisierte Kettensägen gesammelt. 

Nun könnte so eine Galerie aus bis zu 1,80 langen Blättern, scharfgezackten Ketten und Motoren, von denen manche fast einen Kleinwagen auf Touren bringen, wie eine Folterkammer wirken. Stattdessen hat die Privatausstellung etwas Museales, atmet Geschichte. In der Ecke steht ein Kaminofen, antike Möbel und Lampen rahmen die Exponate, ein Schraubstock von Anno Dazumal dient als Schautisch, Retro-Blechschilder prangen an Holzwänden. Die Sammlerstücke könnten ohrenbetäubend laut loskreischen – denn fast alle Sägen sind restauriert und betriebsbereit.

Auch wenn Otto Normalverbraucher unter den Herstellernamen Festo, Solo, dem französischen Rexo oder Teles bestenfalls der Name Dolmar etwas sagt: Dass bei Weber Beruf und Berufung Hand in Hand gehen, ist spürbar. Als Ingenieur war er an den Motoren und deren schon damals langlebiger und sparsamer Konstruktion interessiert. Privat begründet er sein Faible für Altes – auch antike Möbel und Oldtimer hat Weber in seinem Fundus – mit seinem Wunsch, zu retten und zu erhalten. „Manche schleppen alles nach Hause, lassen es dann draußen im Regen vergammeln und haben nicht einmal Gewissenbisse.“ Das kann er nicht nachvollziehen. Seine Sägen sollen es besser haben.

Denn jedes Sammlerstück ist zugleich ein Stück Geschichte, das Weber festgehalten hat. Viele Exponate stammen aus dem Geburtsjahrzehnt der Motorsäge, den 1920er Jahren, „und dieses Modell hat Hitler für die Wehrmacht von Stihl konstruieren lassen“, erläutert der Jügesheimer und deutet auf eine riesige Zweimannsäge, die knapp über Kopfhöhe hängt. Nachdem bei Stihl die Kapazitäten nicht ausgereicht hätten, seien viele Hersteller im Zweiten Weltkrieg mit dem Bau identischer Modelle beauftragt worden. Der Krieg habe die Herstellung quasi in Schwung gebracht, berichtet der 57-Jährige.

Auf seine Geräte stößt Weber im Internet oder auf Oldtimerbörsen. Auf so einem Treffen erstand er auch die „Mutter“ seiner Sammlung, eine gewaltige Magfam, Baujahr 1936. Nur wenige davon gibt es in Deutschland, Weber besitzt weitere fünf. „Ich kannte die Firma damals nicht und habe einen Experten aus Norddeutschland angeschrieben. Der sagte nur: Was hast du? Eine Magfam? Einen Katalog hast du, aber doch keine echte.“ Weitere Recherchen brachten Weber auf die Frankfurter Familie Göbel, deren Vater die Maschinenfabrik Göbel Frankfurt am Main, kurz Magfam, gehörte. Bis heute tauscht er sich mit dessen Kindern aus.

Ende Februar hat Weber seinen Maschinenhandel geschlossen. Dass immer mehr Kunden mit ihm um günstigere Preise aus dem Internet feilschen wollten, habe ihn zu sehr gestört. Doch schwer scheint es der Sammler das nicht zu nehmen. Er habe genug zu tun, zum Beispiel mit dem Umbau seines Verkaufsraums zur Ausstellungsfläche – wenn auch zunächst einmal nur für sich selbst und interessierte Insider. Doch vielleicht wird irgendwann doch ein Museum aus der „sägenhaften“ Sammlung. Weber grinst: „Ich könnte doch eigentlich das „Café Schwungrad“ hier eröffnen.“

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