Lebensretter aus der Blutbahn

Hoffnungen, Ängste und Gefühle eines Stammzellenspenders

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Peter Petrat würde jederzeit wieder Stammzellen spenden.

Rodgau - Die Registrierung in der Stammzellenspenderdatei ist längst vergessen, das eine Röhrchen extra beim regelmäßigen Blutspendetermin kaum aufgefallen. Da klingelt das Telefon: „Sie kommen als Spender in Frage. Wann können Sie vorbeikommen?“ Peter Petrat aus Dudenhofen kam in eben diese Situation. Er berichtet über den Ablauf einer Stammzellenspende und schildert seine Gedanken, Ängste und Hoffnungen.

Irgendwie war ich nervös, als der Anruf kam. „Ja klar“, war meine Antwort, kaum nachdem mein Gegenüber ausgeredet hatte. Eine Stammzellenspende ist für Patienten mit Blut- oder Lymphknotenkrebs oftmals die letzte Möglichkeit zu überleben. Doch die notwendigen Zellen können, ebenso wie Blut, noch nicht künstlich hergestellt werden. Deshalb braucht es Spender, die den kranken Menschen eine zweite Chance geben. Genauso hatte es mir die nette Dame beim Blutspendetermin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) erklärt, als vor einiger Zeit die Möglichkeit bestand, sich für die Stammzellenspenderdatei registrieren zu lassen (Typisierung). Und genau diese drei Sätze haben mich überzeugt.

Während ich im Terminkalender schaute, wann ich Zeit habe, spürte ich die Aufregung. Doch warum? Bisher war ja kaum etwas passiert. War es dieses Unwohlsein, das ich bei Ärzten immer verspüre? War es die möglicherweise große Verantwortung oder die Freude darüber, etwas Gutes tun zu können? Etwa eineinhalb Jahre waren zwischen der Registrierung und dem Anruf vergangen. Oftmals dauert es deutlich länger, wenn man überhaupt einmal kontaktiert wird. Dabei erhält in Deutschland alle 16 Minuten ein Patient die Diagnose Blutkrebs. Sobald ein Kranker auf fremde Stammzellen angewiesen ist, werden die verschiedenen Register abgefragt. Am bekanntesten dürften die Deutsche Stammzellenspenderdatei und die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) sein. Gibt es einen Treffer mit den überprüften Gewebemerkmalen, wird der Freiwillige zu einer ersten Voruntersuchung eingeladen, um die Passgenauigkeit detaillierter zu überprüfen und den allgemeinen Gesundheitszustand des potenziellen Helfers festzustellen. Nach diesen Tests steht dann fest, ob man tatsächlich der passende Geber ist.

Der Zellseparator wäscht die Stammzellen aus dem Blut.

Auch nach diesem Termin im Blutspendezentrum des DRK in Frankfurt verging wieder etwas Zeit, bis ich die Bestätigung erhielt. Jetzt wurde es langsam ernst. Zwar kann man als Spender jederzeit und ohne Angabe von Gründen von allen weiteren Maßnahmen Abstand nehmen, doch sollte man sich seiner Verantwortung bewusst sein. Ist man der Passende, ist das wie ein Lotto-Jackpot für den Kranken. Eine andere Chance auf Heilung gibt es in den meisten Fällen nicht. Außerdem wird die ärztliche Behandlung des Patienten in Erwartung auf die neuen Stammzellen angepasst. Einige Tage vor der Übertragung werden die eigenen Stammzellen des Empfängers mit einer starken Chemotherapie zerstört, damit die neuen angenommen werden können. Kommt die Transplantation dann doch nicht zustande, stirbt er.

Bloß nicht krank werden!

Bloß nicht krank werden! Auch wenn ich mir sicher war, unter keinen Umständen einen Rückzieher zu machen, spürte ich auf einmal die Verantwortung auf meinen Schultern lasten. Wenn da etwas wegen mir schief gehen sollte, könnte ich mir das wohl nie verzeihen. Nach einer mehrstündigen Untersuchung und Aufklärung beim Blutspendezentrum in Frankfurt waren es noch genau drei Wochen bis zum Spendentermin. Deshalb packte ich mich in dieser Zeit in Watte. Dass die Spende genau auf meinen Geburtstag fiel, war der Ärztin nicht aufgefallen. Für mich war das aber kein Problem. Je länger ich darüber nachdachte, umso perfekter schien es mir zu sein. Einen halben Tag lag ich im Blutspendezentrum. Der Eingriff ist schon seit Jahren nicht mehr mit einem Krankenhausaufenthalt verbunden. Stattdessen werden die Stammzellen aus dem Blut herausgewaschen, also wie bei einer Dialyse herausgefiltert. Das erspart dem Spender in der Regel die Operation unter Vollnarkose, bei der mit einer langen Nadel Stammzellen aus dem Beckenknochen entnommen werden. Diese Methode kommt nur noch zum Einsatz, wenn nicht genug Material aus dem Blut entnommen werden kann.

Doch ganz ohne Unannehmlichkeiten funktioniert es auch heute nicht. Denn damit sich die Stammzellen aus dem Knochenmark heraus ins Blut begeben, muss mit einer hormonähnlichen Substanz nachgeholfen werden. Und das war für mich persönlich die größte Überwindung: Denn die Spritze sollte man sich selbst setzen, etwa eine Woche lang morgens und abends. Sich mit einer Spritze in den Bauch piksen war eine echte Herausforderung für jemanden, der kein Blut sehen kann und panische Angst vor Spritzen und Nadeln hat. Natürlich wären sogar die Kosten für einen ambulanten Pflegedienst zweimal am Tag übernommen worden, doch daran hinderte mich mein Stolz. Da kämpft jemand um sein Leben und verbringt Monate im Krankenhaus, und ich jammere über zehn Spritzen? Tatsächlich war das morgendliche und abendliche Ritual in den Tagen vor der Spende äußerst unangenehm. Genau in diesem Moment wurde mir wieder klar, wie wenig man so etwas wie die eigene Gesundheit schätzt, solange man nicht krank ist.

Die eigentliche Stammzellenspende verlief recht unspektakulär. Ich musste einfach nur im Bett liegen, mit zwei Plastikschläuchen an den Armen. Auf der einen Seite ging das Blut raus aus meinem Körper, auf der anderen Seite wieder rein. Dazwischen stand der sogenannte Zellseparator, der dem Blut die Stammzellen entnimmt. Am Bett wurde man bedient: Frühstück, Süßigkeiten, etwas zu Trinken und das Wunschprogramm im Fernsehen. Oder doch lieber Musik? Nur einen Toilettenbesuch sollte man sich verkneifen, das Abstöpseln der Schläuche ist umständlich. Glücklicherweise konnten bereits am ersten Tag genug Stammzellen gewonnen werden, sodass ich zu keiner weiteren Entnahme kommen musste. Damit war von meiner Seite aus alles erledigt.

Weitere Infos unter:

www.dkms.de

www.eutsche-stammzellspenderdatei.de

Die nächsten Tage fühlte ich mich total müde, aber deutlich besser als die Tage vor der Spende. Die Nebenwirkungen der gespritzten Hormone hatten mir nicht nur den Schlaf geraubt, sondern auch für Kopf- und Rückenschmerzen gesorgt. Fünf Tage ging es mir schlecht. Doch dafür hat ein sterbenskranker Mensch die Chance bekommen, weiterzuleben. Auch im Nachhinein ist es für mich klar: Ich würde es jederzeit wieder tun. Aus medizinischer Sicht werde ich jedoch nur noch höchstens ein weiteres Mal gefragt. Zwei Stammzellenspenden pro Person sind die Obergrenze.

Natürlich habe ich auch einiges an Zeit investiert, dennoch ist der Gewinn aus meiner Sicht riesig. Ich wäre unbeschreiblich dankbar, wenn ich oder eine mir nahe stehende Person dank einer Spende eines anderen Menschen weiterleben dürfte. „Geteiltes Glück ist doppeltes Glück“, habe ich einmal gelesen. Und anders als bei einer Organspende gibt man bei der Stammzellenspende nichts endgültig weg. Die Stammzellen werden innerhalb kürzester Zeit neu gebildet, wie bei einer Blutspende. In meinem Umfeld habe ich viel Zuspruch erfahren. Von der Dienstbefreiung meines Arbeitgebers bis hin zur moralischen Unterstützung gibt es nur Positives zu berichten. Stammzellen sind ebenso wie Blut unersetzlich. Dementsprechend wird man auch äußerst sorgsam behandelt: Voller Versicherungsschutz, kompetente und einfühlsame Ansprechpartner und umfassende Betreuung.

Die ersten Bilder vom Stammzellen-Burger

Die Identität des Spendenempfängers wird bis zuletzt nicht verraten. Nach einer Übergangszeit ist eine Kontaktaufnahme – zunächst noch anonym – möglich. Die Entscheidung hierüber habe ich dem Empfänger überlassen. Für mich spielt es keine Rolle, ob der Empfänger jung oder alt, männlich oder weiblich ist. Ein kleines Opfer von mir war ein großes Geschenk für jemand anderen. Kleiner Einsatz, kaum Risiko und großer Gewinn – die Stammzellenspende ist wie die Blutspende eine tolle Sache! Möglichkeiten zur Typisierung gibt es manchmal bei Blutspendeterminen, im Blutspendezentrum in Frankfurt oder sogar für Zuhause. Das Set zur Selbstentnahme mit einem Wattestäbchen kann im Internet bestellt werden. Die Registrierung ist in der Regel kostenlos, auch wenn wegen des analytischen Aufwandes Kosten von 50 Euro entstehen. Hier sind die Datenbanken auf Spenden angewiesen.

pep

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