Jügesheimer Wasserturm wird 80

Feststimmung im Schatten des Turms

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Jede Menge Spaß hatten am vergangenen Wochenende die Besucher des Wassertormfests in Jügesheim. Diesmal galt es, zwei runde Geburtstage zu feiern.

Jügesheim - Alt genug, um über den Dingen zu stehen, jung genug für eine gute Party. Zu Füßen eines rüstigen Rentners haben mehrere hundert Menschen am Wochenende den 80. Geburtstag des Jügesheimer Wasserturms gefeiert.

Weil gegen König Fußball ohnehin nicht zu gewinnen ist, hatte der Gastgeberverein Freunde des Wasserturms die Europameisterschaft kurzerhand integriert. Aber auch ohne das Leder lief zwischen Waldfriedhof und B45 alles rund. Im Feiern haben die aktuell 165 Mitglieder der Wasserturmfreunde um ihren Vorsitzenden Frank Eser Routine. Mit dem Turm-Geburtstag feierte der Verein selbst sein 30-jähriges Bestehen, und ebenso oft fand laut Eser ein „Wassertormfest“ statt. Dafür gab es bei der Eröffnung am Freitagabend Sonderapplaus, der kräftig klang: Als die Band Badekapp gegen 20 Uhr die erste Hessenrock-Nummer anstimmte, war von den rund 450 Sitzplätzen kaum noch einer frei.

Der Lockruf der Turmfreunde wird regelmäßig über Jügesheim und Rodgau hinaus gehört. Nicht alle Gäste kommen wegen der gediegenen Speise- und Getränkekarte oder des stets attraktiven Live-Musikprogramms: Zahlreiche Bewunderer findet auch die einzigartige Architektur des Wasserturms. Zwar war das 43,5 Meter hohe Bauwerk aus Beton und Klinkersteinen bei seiner Planung ab 1933 Teil eines Drei-Säulen-Konzepts für die Wasserversorgung in der Region, zu der auch die Wassertürme in Seligenstadt und Steinheim nebst mehrerer Wasserwerke gehörten. In der Gestaltung an der neogotischen Jügesheimer St.-Nikolaus-Kirche orientiert, gilt der Entwurf eines Darmstädter Büros indessen als Unikat.

Wenngleich in der NS-Zeit errichtet, entspricht der Turm mit seinem schlanken, quadratischen Mittelpfeiler, auf dem der Hochbehälter mit 15 Metern Durchmesser sitzt, und den vier rechtwinklig angeordneten Tragpfeilern kaum dem martialisch-klobigen Baustil der damaligen Machthaber. Vielmehr ordnen ihn Kunsthistoriker der expressionistischen Architektur der 1920er Jahre zu.

Zu den rund 30 Führungen, die der Turmverein pro Jahr anbietet, kommen viele Baufachleute und Studenten. Nur zum Spaß oder für einen spektakulären Rundblick über Odenwald, Spessart und die Frankfurter Skyline erklommen am Wochenende viele Besucher die 170 Stufen durch den 400 Kubikmeter fassenden Wasserbehälter hindurch.

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In der Turmstube unter der sieben Meter hohen Dachspitze haben sich Bewohner eingerichtet – ein Turmfalkenpaar, das laut Herbert Rettner, über 15 Jahre Rechner und heute Ehrenmitglied des Vereins, dieses Jahr drei Junge großgezogen hat. Die Initiative habe um 1980 der Naturschutzbund (Nabu) ergriffen und eine Nisthilfe für die Greifvögel eingebaut, die seither rege in Anspruch genommen werde. Der Turmverein übernahm acht Jahre später die Verantwortung für das Gebäude.

Der Wasserversorgung in Jügesheim, Hainhausen, Dudenhofen und Weiskirchen, für die er 1936 errichtet worden war, diente es da schon lange nicht mehr: 1979 gingen in den drei städtischen Wasserwerken stärkere Pumpen in Betrieb, die auch ohne Hochbehälter für genügend Druck im Leitungsnetz sorgen. Eigentümerin ist seit 1988 die Stadt Rodgau, die dem Verein die Pflege und Instandhaltung überlässt. Die Mittel dafür liefern laut Vorstandsmitglied Stefan Matthes unter anderem die Wassertorm-Feste. Wenn etwas übrig bleibe, wolle der Verein in die weitere Entwicklung des Geländes zum Kultur- und Freizeit-Treffpunkt investieren.

Feiern und Musik hören geht schon jetzt recht gut. Badekapp hatten keine Mühe, ein ausgelassenes Publikum mit Songs von den Rodgau Monotones, den Crackers, Flatsch und anderen Deutschrockern der 80er Jahre in Bewegung zu halten. Am Samstag stiegen die Combos Pictures of You und Soulution ein, bevor sich die Festgemeinde vor der Fußball-Leinwand sammelte. (rdk)

Bilder: Budenzauber am Wasserturm in Jügesheim

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