Geschäftsleute sorgen sich um Zukunft

Mehr Leben in die Stadtmitte

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So belebt wünscht man sich die Ortsmitte häufiger: Bei Frühlings- und anderen Festen ist die Rodgau-Passage ein Ort zum Bummeln und Verweilen.

Jügesheim - Welche Zukunft hat der Einzelhandel in Rodgau? Besonders aktuell ist diese Frage in Jügesheim. Innerhalb weniger Monate haben zwei Fachgeschäfte zugemacht. Von Ekkehard Wolf 

In einem Brief an die Stadt äußert Feinkosthändlerin Ilona Jäger die Sorge, dass Rodgau zur reinen Schlafstadt werden könne. Einen Schub voran verspricht ein Einkaufs- und Dienstleistungszentrum, das seit zwei Jahren im Gespräch ist. Projektentwickler Guido Berndt soll seine Vorstellungen Ende Mai präsentieren. „Innenstädte stehen unter Druck“ berichtete unsere Zeitung vor drei Wochen im Wirtschaftsteil. Die Rodgauer Geschäftsfrau Ilona Jäger nahm diesen Bericht zum Anlass, die städtische Wirtschaftsförderung anzuschreiben. Ihre Sorge: „Der Leerstand nicht vermietbarer Ladenflächen in ganz Rodgau ist extrem und wird sich nach den Entwicklungen weiter verstärken, wobei ich auch das ,Jügesheimer Culinara’ nicht ausschließen kann.“ Positive Impulse erhofft sie sich von der Stadt Rodgau. Bereits mehrmals hätten Geschäftsinhaber darauf hingewiesen, „dass das unattraktive Stadtbild, ungepflegte Straßen und vernachlässigte öffentliche Flächen immer mehr Kunden abzieht“.

Wie viel Kaufkraft aus Rodgau abfließt, ermittelte das Gutachterbüro „Stadt + Handel“ (Dortmund) im Jahr 2013. Demnach kauften nur 54 Prozent der Rodgauer am Ort ein. Allein für Bekleidung gaben sie elf Millionen Euro pro Jahr auswärts aus. Nicht nur Einkaufszentren der Region locken Kunden aus Rodgau fort. Die größte Konkurrenz lauert im Internet. Mit kompetentem Rat und einer persönlichen Note versuchen Händler vor Ort sich gegen die Preisbrecher aus dem Netz zu behaupten. Im inhabergeführten Einzelhandel kann sich der Kunde noch als König fühlen. Manche Geschäftsleute zelebrieren das regelrecht. Wie man treue Kunden noch etwas enger an sich binden kann, beweisen die Geschäfte der Rodgau-Passage mit ihrer Aktion „Kauf’ ein, geh’ aus“. Zwölf Geschäfte geben blaue „Treuetürmchen“ aus, je eines für sieben Euro Umsatz. Wer 99 Märkchen gesammelt hat, bekommt zwei Theater- oder Konzertkarten. Die Aktion läuft gut: Allein bei den Theatervorstellungen „Loch im Kopf“ brachte sie dem Impuls-Kulturverein fast 600 Euro in die Kasse - bezahlt von der Werbegemeinschaft der Rodgau-Passage. Jetzt strebt die Passage eine Kooperation mit der städtischen Kulturagentur an.

„Man muss auch selber etwas tun“

„Man kann nicht immer nur sagen: Die Stadt muss was machen. Man muss auch selber etwas tun“, sagt Renate Haller, die Inhaberin des Bioladens. Ein Beispiel: Aus Limburg hat sie die Idee mitgebracht, anstelle teurer Blumenkübel bepflanzte Kunststoffsäcke im Ort aufzustellen - „das kostet kaum Geld und sieht klasse aus“. Unterstützung aus dem Rathaus sei unter anderem dadurch gegeben, dass Wirtschaftsförderer Bernhard Schanze Aufgaben übernehme. Auch Bürgermeister Jürgen Hoffmann habe ein offenes Ohr für die Belange der Geschäftsleute. Eine hohe Kundenfrequenz ist die wichtigste Grundlage für florierende Geschäfte. Ein Supermarkt oder ein großer Drogeriemarkt könnten viele Kunden anziehen. Beides fehlt im Herzen Jügesheims. Auch Guido Berndt von der IS Projektentwicklung setzt auf einen solchen „Frequenzbringer“. Seit einem Jahr arbeitet Berndt am Konzept einer neuen Stadtmitte. „Wir werden voraussichtlich zur ersten Sitzungsrunde den aktuellen Sachstand vorstellen und zur Diskussion stellen“. kündigte Bürgermeister Hoffmann kürzlich gegenüber unserer Zeitung an. Die erste Arbeitssitzung des neuen Stadtparlaments ist am 30. Mai.

Damit Jügesheim als Einkaufsort eine Zukunft hat, hält Wirtschaftsförderer Schanze drei Dinge für wichtig. Erstens müsse der Einzelhandel klar seine Ziele formulieren. Zweitens dürfe das betriebliche Marketing nicht nachlassen. Und drittens gelte es die Innenstadtentwicklung in die Tat umzusetzen. Erst einmal steht Kommunalpolitikern, Geschäftsleuten und Bürgern eine Diskussion bevor: Was soll aus Jügesheim werden? Bernhard Schanze hat bescheidene Erwartungen: „Für mich ist die Klärung der Frage, ob wir’s schaffen oder nicht, schon ein Erfolg.“ Die Ungewissheit über die Zukunft sei für alle Beteiligten lähmend. Aus Schanzes Sicht sitzen alle in einem Boot: „Keiner ist an einem Zustand alleine schuld und keiner kann das Blatt alleine wenden.“

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