Letztes Puzzleteil gesucht

Michaela Müller war alleine auf Jakobsweg unterwegs

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Mit diesen Wanderschuhen war die 48-Jährige unterwegs: Die zierliche Frau ist am liebsten alleine gelaufen, hat aber dennoch viele Leute kennenlernt. 

Rollwald - Michaela Müller will schon seit vielen Jahren auf dem Jakobsweg wandern. In diesem Sommer hat sie es geschafft: 350 Kilometer legte sie auf der Tour nach Santiago de Compostela in etwa drei Wochen zurück. Allein und ohne vorbestellte Herberge. Von Simone Weil

Die Begeisterung für diese „größte Abenteuerreise meines Lebens“ ist tatsächlich ansteckend: Michaela Müller ist noch völlig beseelt von der Erfahrung, allein eine solch gewaltige Tour von etwa 350 Kilometern bewältigt zu haben. Zwischen 20 und 27 Kilometer hat sie täglich zurückgelegt – zum Teil bei über 30 Grad. Dabei ist die körperliche Leistung das Eine, die Begegnung und Auseinandersetzung mit sich selbst das Andere. Das ist aber vermutlich das größere Erlebnis, wenn „Kopf und Herz eins werden“, wie die 48-Jährige erzählt.

Am liebsten sei sie allein gelaufen, um ihren Gedanken nachhängen und die „irre Natur“ genießen zu können. Denn sie habe zwei persönliche Fragen auf die Reise mitgenommen, um ein letztes Puzzleteil von sich zu finden. Die Rodgauerin hält ihre Reise für „eine sehr bereichernde Zeit“. Nur ausgestattet mit einem Flugticket über Madrid nach Leon macht sie sich auf den Weg. Ein elf Kilogramm schwerer Rucksack ist ihr ständiger Begleiter, weil sie das Gepäck nicht einfach vorausschicken will. Denn in dem Rucksack ist ihr ganzer Besitz, der ihr auf dieser Reise zur Verfügung steht.

Endlich angekommen: Michaela Müller vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. 

Der Platz ist zwar arg begrenzt und doch sind Lippenstift und Wimperntusche im Gepäck: „Abends habe ich mich sogar noch hübsch gemacht“, erzählt Michaela Müller. Auch ein Smartphone ist dabei, um die Lieben daheim sprechen zu können. Zu den abendlichen Ritualen gehört für sie außer dem regelmäßigen Verarzten der Füße („Die Pilger erkennen sich daran, dass alle humpeln“) auch das Tagebuchschreiben. Denn von dieser wichtigen Erfahrung will sie so wenig wie möglich vergessen. Im Gegenteil: Michaela Müller möchte auch Andere ermutigen, das Abenteuer Jakobsweg anzugehen und plant, im Herbst vor Publikum von ihren Erfahrungen zu berichten. Morgens loszuziehen mit Hut, Stock und Trinkflasche, ohne zu wissen, was sie erwartet, wen sie treffen wird unterwegs und wo sie ihr müdes Haupt betten wird: von der einfachen Herberge mit Mehrbettzimmer, das sie auch mal mit sieben Männern teilen musste, bis zur kleinen Pension sei alles prima gewesen. Diese Erfahrung möchte sie nicht missen, sagt die zierliche Frau: „Angst habe ich nicht einen Moment gehabt.“

Die Ruhe unterwegs: Pilgerreise ist mehr als Lifestyle

Doch es habe auch Momente totaler Erschöpfung und schlimmer Schmerzen gegeben: „Na klar, ich habe auch mal geflucht und meinen Stock in die Ecke geworfen“, räumt sie ein. Ohne Hemmungen spricht sie auch davon, dass sie als Chefsekretärin jahrelang den falschen Beruf ausgeübt habe. Über ihre Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizhelferin aber hat sie ihre Berufung gefunden und arbeitet nun als Schulassistentin für körperbehinderte oder verhaltensauffällige Kinder. Derzeit begleitet sie den zwölfjährigen Ben in seinem Schulalltag. Den Jungen mag sie sehr: „Das macht mein Leben so glücklich“, verrät Michaela Müller.

Schon in jungen Jahren sei sie sehr beeindruckt von der Idee gewesen, den Jakobsweg zu gehen. Während Kritiker fragen, ob Hape Kerkeling mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ den Pilgerpfad ruiniert habe, hat die Verfilmung dieser Erfolgsgeschichte im vergangenen Jahr die Wahl-Rollwälderin beflügelt, ihren Wunsch nun endlich in die Tat umzusetzen.

Dass ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem sie an der Kathedrale von Santiago de Compostela eintraf, auch noch die Heilige Pforte der Wallfahrtskirche geöffnet war, hält Michaela Müller für ein ganz besonderes Zeichen.

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