Familie Löw setzt auf Direktvermarktung

Milch wird selbst gezapft an Automaten-Tankstelle

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Svenja Löw vor dem Container, der die beiden Automaten beherbergt. - Foto: siw

Jügesheim -  Stadtkindern wird immer vorgeworfen, sie glaubten, die Milch komme aus dem Tetrapack oder Kühe seien grundsätzlich lila. Von Simone Weil

Doch selbst diejenigen, die wissen, dass die Milch von der Kuh stammt, werden nun von der Familie Löw eines Besseren belehrt: Bei ihnen nämlich kommt die Milch von der Tankstelle. Die Milchbauern Harald und Svenja Löw stellen alles auf den Kopf: Um ihr unbehandeltes Naturprodukt zu vermarkten, haben sie einen Automaten angeschafft, an dem die Kunden rund um die Uhr Milch kaufen können. Der Automat steht am Wegesrand vor dem landwirtschaftlichen Betrieb. Einen Euro zahlen Käufer für den Liter Rohmilch, die vorm Verzehr einmal kurz erhitzt werden muss. Darauf weist ein Schild ausdrücklich hin.

An einem zweiten Automaten, der neben der Milchtankstelle in dem Container steht, sind weitere regionale Lebensmittel zu haben. Angedacht sind Käse, Rindfleisch, Eier, Apfelwein und weitere Molkereiprodukte. Insgesamt 30.000 Euro hat die Familie in die Automaten und die notwendige Schulung zu Betrieb und Reinigung investiert. „Alle sind Feuer und Flamme“, erzählt Svenja Löw, die den Start der Milchtankstelle kaum abwarten kann. Die Kundschaft bringt entweder selbst Flaschen mit oder kauft diese am Automaten. Die Milchtankstelle schluckt alles vom Fünf-Cent-Stück bis zum 20-Euro-Schein und gibt Wechselgeld heraus.

Bis vor wenigen Wochen war die 24-jährige Landwirtin amtierende hessische Milchkönigin. Nun wird ihre Nachfolgerin Sarah I. am Sonntag, 10. Juli, 11.30 Uhr, den Automatenbetrieb offiziell einweihen. Mit Musik, Gegrilltem sowie Kaffe und Kuchen wird dann gefeiert. Immer häufiger seien sie darauf angesprochen worden, ihre Milch doch direkt anzubieten, erzählt die Milchbäuerin, die sich zur Agrar-Betriebswirtin weitergebildet hat. Sie liebt die Arbeit mit den sanftmütigen Kühen, die übrigens Namen haben – alle 260 Tiere.

Der landwirtschaftliche Betrieb besteht seit 1956 auf den Feldern hinter dem heutigen Bauhof der Stadt (Ostweiler 1). Seitdem hat sich einiges verändert. „Wir müssen jeden Handgriff dokumentieren“, erzählt Svenja Löw. Was gesät wurde, ob den Tieren Medikamente verabreicht wurden und vieles mehr. Der Arbeitstag ist lang und dauert von 5.30 bis 19 Uhr. „Während der Ernte kann es passieren, dass mal eine Nacht durchgearbeitet werden muss, wenn das Wetter passt“, erzählt die junge Frau. Denn Heu oder Getreide wird nur bei trockener Witterung eingeholt.

An jedem zweiten Tag fährt die Molkerei Hochwald die Milch ab: 6500 Liter. Mit der Hand werden die Kühe schon längst nicht mehr gemolken. Diese Aufgabe haben zwei Melkroboter übernommen, die von den Tieren rund um die Uhr aufgesucht werden können, wenn sie wollen. Dass ein Großteil der Kühe in einem offenen Stall steht, liegt nicht an den derzeit sommerlichen Temperaturen. Sie sind auch im Winter dort, die Tiere haben es nämlich lieber ein wenig kälter als zu warm.

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