Schlimmste Dürre seit Jahrzehnten

+
Keine Chance hat diese winzige Ähre, die noch im Halm verborgen ist: Ohne Niederschläge verdorrt das Getreide auf dem Acker. Auf den Rodgauer Sandböden sieht es besonders schlimm aus.

Rodgau - Eine ungewöhnlich frühe und lange Trockenperiode lässt Weizen und Gerste auf den Feldern verdorren. Landwirte sprechen von der schlimmsten Dürre seit 1976. Ihr größter Wunsch: Endlich Regen!. Von Ekkehard Wolf

Eigentlich sollte das Getreide im Frühling in die Höhe schießen. Doch die Kulturen verkümmern. Statt sattgrüner Getreidefelder erblickt man zunehmend gelbbraune Flächen. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Sogar das Unkraut verbrennt“, sagt Karoline Holler, die beim Wasserzweckverband ZWO Landwirte berät. Künstliche Beregnungsanlagen wie in Weiskirchen konzentrieren sich meist auf so genannte Sonderkulturen wie Spargel und Erdbeeren.

Das Badesee-Wetter der letzten Wochen hat eine Schattenseite. Sie heißt Trockenheit. „Seit dem 1. März hatten wir nur 13 Liter Niederschläge pro Quadratmeter“, sagt Landwirt Jürgen Klein aus Weiskirchen. Bei Sommerhitze ist das praktisch nichts. „Täglich verdunsten vier bis fünf Liter pro Quadratmeter“, erklärt Beate Mahr aus Dudenhofen. Und es kommt noch schlimmer. „Wir haben jetzt auch keinen Morgentau“, berichtete Ehemann Karl-Heinz am Mittwoch: „Bisher hatte sich das Getreide über Nacht erholt. Seit acht Tagen fällt gar kein Niederschlag mehr.“

Betretene Gesichter machten Landwirte aus der Region am Mittwoch bei einer Feldbegehung mit dem Zweckverband Wasserversorgung Stadt und Kreis Offenbach (ZWO) in Dudenhofen. Foto: eh

Etwa 40 bis 50 Prozent der Getreideernte werden ausfallen, schätzt Karl-Heinz Mahr: „Wenn in den nächsten paar Tagen kein Regen fällt, können es sogar 70 bis 80 Prozent werden.“ Das hänge jedoch stark von den Bodenverhältnissen ab: „Die Schäden halten sich im Rahmen, wenn der Boden von unten her noch wasserführend ist.“ Gerade in der Gemarkung Dudenhofen sind die Unterschiede extrem, wie Mahr gerade jetzt wieder bei der Maissaat erlebt: „Am einen Ende hole ich noch feuchte Erde raus und am anderen Ende meint man, man fährt in Mehl spazieren, so staubt es. Wir drillen jetzt zwar den Mais, aber ob er etwas wird, wissen wir nicht.“

„Es sieht schauerlich aus“, meint Ewald Ebert von der Düngerfirma Alz-Chem. Ganz Europa leide unter der Trockenheit. Nur in Sachsen und im Südosten Bayerns habe es genug geregnet. Die geringere Ernte werde zwar höhere Preise zur Folge haben, doch der Preis könne die Verluste des einzelnen Landwirts nicht wettmachen. Auf vielen Feldern seien statt 60 bis 70 Doppelzentner pro Hektar vielleicht nur noch fünf zu erreichen. „Da überlegst du dir, ob du überhaupt den Mähdrescher drüberschickst“, sagt Landwirtin Susanne Ries aus Münster.

Manche ihrer Kollegen haben keine Wahl: Sie werden auch geringste Mengen ernten müssen, weil sie sich vertraglich gebunden haben. Viele Landwirte sichern sich auf diese Weise bereits zu Beginn des Jahres einen festen Preis für einen Teil der Ernte. Das geht meistens gut. Wenn der Ertrag jedoch so weit unter den Erwartungen liegt wie in diesem Jahr, kann es teuer werden. Im Extremfall muss der Landwirt sogar Getreide zukaufen, um genug liefern zu können.

„Jede Tonne, die man unterschreibt, ist ein Risiko“, sagt Karl-Heinz Mahr. Er hält nichts von solchen Kontrakten und fühlt sich in seiner Haltung bestätigt: „Manchmal ist ein bisschen weniger ein bisschen mehr.“ Auch beim Düngen halte er sich lieber zurück. Das Wetter gibt ihm Recht: Ohne Regen nützt der beste Dünger nichts.

„Nur grünes Zeug ohne Ertrag“

Das überschüssige Nitrat im Boden macht dem Wasserwerk Sorgen. Der Dünger muss in Pflanzen gebunden werden, damit er nicht im Grundwasser landet. Christoph Puschner (ZWO) sieht für viele Getreidefelder schwarz, falls die Dürre anhält: „Wenn es erst in zwei Wochen regnet, dann treiben die Pflanzen neu aus. Das gibt nur grünes Zeug ohne Ertrag.“ Lediglich der robuste Roggen komme gut mit Trockenheit zurecht. Darüber hinaus sieht Puschner nur noch Chancen für den Mais, dessen Wachstumszeit erst noch beginnt: „Für die anderen Kulturen ist es schon zu spät.“

Die angespannte Lage lässt sich manchmal nur mit Sarkasmus ertragen. Harald Löw aus Jügesheim: „Das ist das Schöne an der Landwirtschaft: Immer etwas Neues – und man muss sich darauf einstellen.“ Als Milchviehbauer hat Löw immerhin die erste Heuernte in der Scheune, aber wie der zweite und der dritte Grasschnitt ausfallen, kann er nur hoffen.

Der Spielraum für die Getreidebauern bemisst sich in Tagen. „Es kommt jetzt auf die nächsten zwei, drei Tage an“, sagt Karl-Heinz Mahr: „Entweder kriegen wir Regen oder nicht. Oder es gibt Hagel, dann ist sowieso alles vorbei. Dann war ein ganzes Jahr Arbeit umsonst.“

Kommentare