Der unangenehme Beobachter

Kurzfilm „To the Last“: Regisseur Jan Ackermann will Szene erobern

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Ein letzter Kuss: Vor dem endgültigen Sturz aus der Realität bewahrt Tom (Nico Holonics) nur noch seine Freundin Julia (Janina Schauer). Der Kurzfilm „To the Last“ von Jan Ackermann zieht Zuschauer in die Grauzone zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Rodgau/Offenbach - Ein paar Flicken ergeben noch lange keinen Teppich. Und trotzdem: Die Stücke, aus denen Jan Ackermann seinen Debüt-Kurzfilm „To the Last“ zusammengewoben hat, fügen sich zu einem kunstvollen filmischen Patchwork. Regie: Rodgau. Kamera: Dietzenbach. Licht: Heusenstamm. Drehort: Offenbach. Über das ambitionierte Projekt eines Jung-Regisseurs. Von Eva-Maria Lill

Die Stadt huscht rot am Fenster vorbei, in der Ferne glühen Laternen. Tom fixiert den Asphalt, Hände am Lenkrad. Neben ihm weint Julia, Tränen haben sich zwischen ihren Wimpern verfangen. „Lass uns eine schöne Nacht haben, okay?“, flüstert sie. „Ja“, haucht Tom. „Versprichst du’s mir?“, ihre Stimme ist kaum zu hören. „Ja.“ Beide lächeln schüchtern. Tom wird sein Versprechen nicht halten können. „To the Last“ heißt Jan Ackermanns Kurzfilm-Debüt. Am 21. August ist im Filmmuseum Premiere. Geschlossene Gesellschaft. Wer das 20-Minuten-Drama sehen möchte, muss bis zu einem der Kurzfilmfestivals warten, für die sich Ackermann gerade bewirbt. „Ich glaube, ,To the Last’ muss sich nicht verstecken“, sagt der 24-Jährige.

Ackermann lebt in Dudenhofen, hat im Oktober seinen Bachelor of Arts mit Schwerpunkt Medienproduktion an der Hochschule Fresenius in Frankfurt abgeschlossen. Schon damals trieb ihn die Idee für „To the Last“, er schrieb sechs Monate am Skript. Im November 2015 drehte er den Psychothriller innerhalb von sieben Tagen. Seitdem sitzt Ackermann an Schnitt, Bearbeitung, Endprodukt. Denn: Von seinem Kurzfilm-Debüt erhofft er sich den Sprung in die Szene. „Im Idealfall sieht das jemand, klopft mir auf die Schulter und engagiert mich“, hofft der Jung-Regisseur.

Ackermanns Leidenschaft beginnt früh. Seine ersten Videokassetten stiehlt er aus dem Schrank seiner Eltern: „Schindlers Liste“ und „Rambo II“. „Nicht unbedingt Kinderkram“, witzelt Ackermann. „Ab da wusste ich aber: Ich bin durch und durch Filmmensch.“ Ursprünglich sollte „To the Last“ ein ganz kleines Projekt bleiben, schon allein, weil Ackermann die Kosten selbst tragen musste.

Jan Ackermann.

Gedreht wurde vor der Haustür. Im Keller der Oetinger Villa in Darmstadt, im „Silbergold“-Club in Frankfurt, in Dudenhofen und in Offenbach. „Man braucht nicht Berlin oder München. Auch die Region hat tolle Orte“, betont der Filmliebhaber. Es sei hart gewesen, mit so wenig Geld zurechtzukommen. „Meine Crew bestand gefühlt aus zwanzig Macgyvers“, lacht Ackermann. Selbst die Schauspieler verzichteten freiwillig auf Gage. Nicht zuletzt dank ihnen wuchs „To the Last“ zu einem ziemlich großen Ding. Denn Talent Nico Holonics (Tom) begeistert normalerweise am Schauspiel Frankfurt, unter anderem in „Die Blechtrommel“. Janina Schauer (Julia) zeigt am Staatstheater Wiesbaden, was in ihr steckt, glänzte schon an der Seite von Armin Rohde im Frankfurter „Tatort“. „Gute Schauspieler machen vieles leichter“, lobt Ackermann. „Und gute Geschichten.“

Sowieso: Geschichten. Die Zauberzutat für Ackermanns Vision. „Im Kurzfilm ist es nicht einfach, Figuren glaubhaft zu entwickeln“, sagt er. Und: „Eine Geschichte spricht nicht nur über Worte, Handlungen, sondern auch auf visueller Ebene.“ Der Regisseur legt viel Wert auf Farbgebung und Musik. Der Soundtrack kommt von Dominik Wassermann, einem DJ aus Zürich, und ist für Ackermann „mit das Wichtigste überhaupt. Ich will, dass die Musik der unangenehme Beobachter ist, zeigt, dass der Zuschauer keinen Einfluss auf das Schicksal meiner Figuren hat.“ Die Special Effects übernimmt eine kanadische Filmschule, an allen Ecken und Enden arbeitete Ackermann eng mit der Firma Art-shake in Dietzenbach zusammen. Nicht nur die Musik beeindruckt schon in der Vorabversion. Thomas Thiedeckes Kamera tastet nach Nähe. Liebt die borstige Unordnung von Toms Bartstoppeln, die Konstellation von Leberflecken an Julias Haaransatz. So etwas wie Privatsphäre lässt Ackermann seinen Protagonisten nicht, jede Pore ein Portal nach innen.

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Die Idee zu „To the Last“ hat Ackermann geträumt. Ein Schattenspiel aus grotesken Masken, zwischen Szenen flimmert ein Cartoon, rotes Licht blitzt in graffitiverschmierten Gängen. Protagonist Tom wacht in seinem ganz persönlichen Albtraum auf und versucht, durch die Dunkelheit zu fliehen. Ackermann fügt Bilder zu einer fragmentarischen Paranoia zusammen. „Ich finde es spannend, wie sich Traum und Wirklichkeit überlappen“, sagt der Regisseur. Daraus entsteht ein Gewebe aus Zitaten, inspiriert von Genreklassikern wie „Vertigo“ oder „The Shining“.

Ohnehin gibt es für Ackermann nicht das eine Vorbild, den einen Stil. Wichtig sei, dem Zuschauer nicht alle Erklärungen zu liefern. „Sind wir ehrlich: Blockbuster können unterhaltsam sein, aber verkaufen Kinobesucher oft für dumm“, sagt der gebürtige Seligenstädter. „To the Last“ soll nachwirken. Die Macht liegt dabei im Detail, in Momentaufnahmen, Kamerabildern, Schnappschüssen. „Es gibt viele Regisseure, die erst spät auf ihrem Karriereweg eine endgültige Ästhetik entwickeln“, erläutert Ackermann. Er sei noch bei den ersten Schritten, bewundere aber Größen wie Alejandro González Iñárritu („Birdman“, „The Revenant“), Nicolas Winding Refn („Drive“) und – natürlich – Steven Spielberg. „Einfach die Art, wie er Geschichten erzählt, die Art, wie er Magie erschafft“, schwärmt der 24-Jährige. „Jedes Mal, wenn ich einen Spielberg sehe, werde ich aufs Neue daran erinnert, warum ich das Kino liebe.“

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