Maßnahmen gegen Jahrhundertregen

20-Meter-Rohr gegen „urbane Sturzfluten“?

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„Urbane Sturzfluten“ hatten unsere Leserin Ulrike Dreyer Anfang Juni im „Zilliggarten“ eingeschlossen. Mit 35 Litern pro Stunde und Quadratmeter war’s nicht einmal das schlimmste Unwetter.

Rödermark - „Urbane Sturzflut“ nennen Fachleute Unwetter, wie sie am 23.  Juli auf Rödermark niederprasselten. 38 Liter Regen fielen innerhalb von gut 30 Minuten auf einen Quadratmeter. Experte Thomas Schäfer erklärt Maßnahmen zum Schutz vor Überschwemmungen. Von Michael Löw 

Die Feuerwehr pumpte im Breidert mehr als 100 Keller und Souterrainwohnungen leer; weitere 100 Hausbesitzer erledigten das nach Schätzungen der Kommunalen Betriebe Rödermark (KBR) in Eigenhilfe. Zum Vergleich: Die normale jährliche Niederschlagsmenge liegt bei 11,9 Litern je Quadratmeter. Können Kommunen ihre Einwohner vor Regenmassen, die statistisch gesehen nur alle 200 Jahre vom Himmel stürzen, schützen? Nein, sagt Hydraulikexperte Thomas Schäfer, Geschäftsführer der Firma rohrtec-consult in Ober-Roden. Auch sein Keller war an einem Sommersamstag abgesoffen, an dem der Deutsche Wetterdienst in nur einer halben Stunde 38 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen hatte. Bei 33 Litern in der Stunde sprechen Statistiker von einem Jahrhundertregen.

Schäfer hat die Dimensionen eines Kanals ausgerechnet, der eine „urbane Sturzflut“ über dem ganzen Stadtgebiet schlucken könnte: Die Rohre müssten von Taubhaus und Bulau kommend kontinuierlich dicker werden und am Ende des Netzes, also an der Kläranlage, einen Durchmesser von 20 Metern haben. Sowas ist weder zu bauen noch zu bezahlen. „Urbane Sturzfluten haben so gut wie keine Vorwarnzeit, weil sie über einem extrem eng begrenzten Raum niedergehen“, erklärt Thomas Schäfer. Auch für diese Aussage ist der 23.  Juli ein typisches Beispiel. In Urberach regnete es während der kritischen halben Stunde kaum. Doch auch ohne Urberacher Zustrom konnte der Kanal die Regenmassen nicht fassen. Das Wasser strömte von Straßen und Höfen über Lichtschächte, Fenster und Treppen in die Keller - das war noch der saubere Teil der Überflutung. Schlimmer kam’s, wenn mangels Rückstausicherung in den Abwasserleitungen eine stinkende Brühe voller Fäkalien zurück ins Haus gedrückt wurden. Schlecht gewartete Rückschlagventile hatten die gleichen Folgen. Teuer war’s sowieso, denn viele Keller dienen längst als Wohnung, Büro oder Lager hochwertiger Haushaltsgegenstände.

Thomas Schäfer und die KBR nehmen die Hausbesitzer in die Pflicht. Die nämlich hätten ein viel zu geringes Risikobewusstsein, sagt Schäfer. KBR-Leiter Wolfgang Mieth macht klar: „Unsere Kompetenz endet an der Grundstücksgrenze!“ Kaum ein Altbaubewohner wisse, wo genau seine Abwasserleitungen laufen und welche Sicherungen installiert sind. Im Breidert gebe es zudem unter etlichen Rasen verbotene Drainagen: Die nehmen den Regen auf, der aufs Gras klatscht, und geben ihn ans ohnehin übervolle Kanalnetz weiter. „Diese Leute haben sich selbst gewässert“, beschreibt Mieth die Konsequenzen. Wäre der Regen im Rasen versickert, wäre vielleicht mancher Keller trocken geblieben.

Unwetter: Bilder aus der Region

Im Feld vor der Kläranlage lauf die Hauptsammler aus dem Breidert und Ober-Roden zusammen. Dieser Knotenpunkt der städtischen Kanalnetzes wird ebenso einmal pro Jahr mit Hochdruck gespült wie alle übrigen Rohre.

Mieth und Schäfer kennen die bauartbedingten Grenzen des rund 112 Kilometer langen städtischen Kanalnetzes. 95 Prozent sind ein Mischsystem, das sowohl häusliches Schmutzwasser als auch das Niederschlagswasser von Dächern, gepflasterten Höfen, Straßen und Plätzen aufnimmt. Lediglich die Neubaugebiete „Karnweg“ und „Rennwiesen“ haben ein getrenntes System, das Dreckwasser über den Kanal in die Kläranlage und Niederschläge in Vorfluter wie Bäche oder Gräben transportiert. 15 solcher Vorfluter gibt es in Rödermark.

Angesichts von Jahrhundertregen, die inzwischen alle fünf oder zehn Jahre vorkommen, müssen Städte mehr solcher Rückhaltebecken oder Versickerungsflächen anlegen, stellt Mieth fest. Der KBR-Chef regt eine „Risikomanagement Sturzfluten“ nach dem Vorbild des Hochwasserschutzes entlang von Flüssen und Bächen an. Daran sollten Stadt-, Raumordnungs-, Straßen-, Umwelt- und Klimaschutzplaner, Fachbehörden, Architekten und Grundstücksbesitzer beteiligt werden. Schäfer schlägt gezielte Informationen für die Bewohner von Risikogebieten inklusive einer Kostenermittlung für Rückschlagventile und andere private Schutzmaßnahmen.

Die KBR versuchen, das öffentliche Abwasser im Fluss zu halten. Die 4 100 Sinkkästen am Straßenrand werden zweimal jährlich von einem Unternehmen gesäubert. Im Urberacher Seewald, der Rodaustraße und dem Industriegebiet schauen die KBR-Männer häufiger nach dem Rechten. Denn die Hanglage unterhalb der Bulau bringt viel Sand in diese Straßen. Ihr 112 Kilometer langes Kanalnetz lassen die KBR alle zwölf Monate mit einem Hochdruckreiniger durchspülen. Trotz aller Anstrengungen bleibt Wolfgang Mieth aber skeptisch: „Einen 100-prozentigen Überflutungsschutz wird es nicht geben!“

Geht es dem Breidert wie Venedig? Das fragen ironisch die Bewohner des Stadtviertels, das die häufigsten „urbanen Sturzfluten“ abbekommt. Die Initiative „Wir sind Breidert“ veranstaltet deshalb zusammen mit den KBR am 8.  November einen Informationsabend zu Starkregen. Er beginnt um 19 Uhr im Foyer der Kulturhalle.

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