Siegfried Schulz (75) ist Student im „dritten Lebensalter“

Die Dozenten könnten seine Kinder sein

Messenhausen - Menschen, die aus dem Berufsleben ausscheiden, sind nicht zwangsläufig nur Betreuungspersonen für ihre Enkelkinder und nehmen auch nicht nur an Kaffeefahrten und Seniorenfeiern teil. Von Christine Ziesecke

Zu Recht stolz ist Student Siegfried Schulz auf seine Abschlussarbeit an der U3L, der „Universität des dritten Lebensalters“ an der Goethe-Universität Frankfurt.

Guter Beweis: Siegfried Schulz aus Messenhausen ist schon seit vielen Jahren Student der U3L, der „Universität des dritten Lebensalters“ an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. Der Pensionär aus Messenhausen besucht regelmäßig Seminare und Vorlesungen aus dem Angebot von mehr als 100 Veranstaltungen. Bisheriger Höhepunkt seines Studentenlebens: Stolz nahm der 75-Jährige im Mai während einer Feierstunde als einer von 14 Absolventen dieses Studienganges mit Abschlussarbeit aus den Händen des Ehrenvorsitzenden der U3L sein Zertifikat entgegen. Traurig stimmt Siegfried Schulz, dass Professor Günther Böhme Anfang August im Alter von 93 Jahren in Wiesbaden gestorben ist. Aus dem Berufsleben schied Siegfried Schulz etappenweise zwischen dem 60. und dem 67. Geburtstag aus. In jener Zeit hat er bereits sehr gezielt nach neuen Betätigungsfeldern Ausschau gehalten; Hobbys alleine reichten ihm nicht. Volkshochschule oder Universität? Über einen Freund kam er zur Uni Frankfurt, wo er mittlerweile seit zwölf Semestern eingeschrieben ist und sich zuerst Vorlesungen und Seminare ausgesucht hat, die ihn besonders interessierten. Zunächst tat er’s ohne konkretes Ziel.

Gelandet ist er bei den „strukturierten Studiengängen mit Zertifikat“ der U3L, Das bedeutet jeweils vier Semester regelmäßige Teilnahme und eine Arbeit im fünften Semester unter Beratung eines Betreuers. Unter rund 100 Angemeldeten (darunter weit mehr Frauen als Männer) schrieben aber nur wenige ihre Abschlussarbeit; doch alle 14, die zur Prüfung antraten, haben ihr Zertifikat erreicht. In diesen Zirkel gehörte natürlich auch der zielorientierte Siegfried Schulz. Sein Studienthema: „Das Öffentliche und das Private“. Mittlerweile hat Siegfried Schulz den dritten Studiengang abgeschlossen, im Herbst nimmt er den vierten in Angriff, denn das Lernen, Erarbeiten und Präsentieren ist zu einer Leidenschaft geworden. Gegen Ende wirkt sich das auf alle Bereiche aus – auch auf zuhause: „Wenn er über seiner Arbeit sitzt und schwitzt, muss ich mich möglichst in Luft auflösen und nicht im Weg herumstehen“, schmunzelt seine Frau Inge. Dann nämlich steht der Herr Gemahl unter Strom.

Jeder Studiengang ist mit der Urkundenüberreichung beendet. „Erst habe ich mich dafür entschieden, und dann kommt der Ehrgeiz!“, sagt Siegfried Schulz. Eines seiner Probleme: Die Dozenten - er spricht etwas nostalgisch vom Lehrkörper - sind allesamt weitaus jünger als er selbst. Das gilt es zu akzeptieren. „Da wir Studierenden aber alle Gleichgesinnte waren, haben wir erst mal einen Arbeitskreis gebildet, der sich zum Frühstück traf, und uns selbst Aufgaben gestellt, ohne Dozent. Wir haben ja alle unterschiedliche Themen, aber das gleiche Ziel.“ Der Messenhäuser hat das Thema „Erziehung in der DDR und in der BRD“ gewählt, obwohl er in seinem Job damit nie viel zu tun hatte. Bisher hat er diese Hausarbeit abgeliefert und ein Referat zum Thema „E-Commerce in der Möbelbranche“ - womit er natürlich zuvor auch nichts zu tun hatte.

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Das Studium ist erschwinglich: pro Semester 110 Euro sowie 15 Euro pro Jahr für den Verein, der natürlich für Spenden dankbar ist. „Preis und Leistung sind im Verhältnis durchaus gerechtfertigt“, meint Schulz. Und der 75-Jährige ist nicht allein so verrückt. Der U3L an der Goethe-Uni hat über 3 500 eingeschriebene Studenten. „Als ich angefangen habe, gab’s noch Kontaktmöglichkeiten mit den jungen Studierenden; die werden heute im Vorlesungsverzeichnis nicht mehr angeboten.“

Zweimal in der Woche fährt Siegfried Schulz nach Frankfurt, meistens ins Audimax auf dem Campus Bockenheim. „Ich könnte aber auch als Gast Vorlesungen an der „normalen“ Uni belegen.“ Siegfried Schulz empfiehlt das Angebot der U3L und den nächsten strukturierten Studiengang, der im Oktober beginnt, aus voller Überzeugung: Infos über www.U3L.de oder über Siegfried Schulz, Tel.: 0173/3482201. Er will informieren, nachdem Freunde und Bekannte seinen Schilderungen über sein Studium an der U3L unwissend, ja fast ungläubig verfolgt hatten, stets mit dem Tenor „Ja, musst du dir denn das noch antun?“ Seine Antwort lautet „Ja, ohne Einschränkung“. Denn mit 60 ist noch lange nicht Schluss: „Die Uni ist zwar nicht der Ersatz für meinen Beruf, aber sehr gut zur Vervollkommnung.“

Rubriklistenbild: © Ziesecke, Christine

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