Die schöne Tradition der Kräutersträuße

„Bludsdrobbe“ und Spargelkraut

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Zwischen Kirche und Gemeindezentrum sortieren die Kräuterfrauen nachmittags ihre Schätze, vervollständigen sie mit Mitgebrachtem aus den heimischen Gärten und binden die Sträuße.

Urberach - Der Feiertag „Maria Himmelfahrt“, an dem in den katholischen Kirchen die „Werzweih“, die traditionelle Kräuter- und Gewürzweihe, gefeiert wird, ist zwar erst am heutigen Montag. In der Kirche St. Gallus gab es die duftenden Gebinde mit all ihrer nachgesagten Heilkraft schon gestern. Von Christine Ziesecke 

Zwei Tage zuvor hatte Ingrid Kilian von der Katholischen Frauengemeinschaft der Gallusgemeinde zum jährlichen Kräutersammeln vor Maria Himmelfahrt eingeladen, diesmal wieder notgedrungen mit Gummistiefeln und Regenjacke, dafür mit frischem Kräuterduft aus regennassen Blättern. „Wir werden alle Jahre weniger“, bedauerte die bewanderte Kräuterfachfrau, und die verbliebenen vier, fünf Sammlerinnen erinnerten sich auch gern all derer, die nicht mehr dabei sind – „unsere inzwischen verstorbene Maria Götz etwa hat’s immer mit der Schafgarbe und den Bludsdrobbe gehabt“.

An die Kleiderständer aus dem Gemeindezentrum kommen die Kräutersträuße erst mal zum Trocknen (im Bild mit Rosi Schindler) und warten dann auf ihre Abnehmer.

Erschwerend wirkt sich aber auch das Sammelgebiet rund um Orwisch aufs Ergebnis aus: Eine üppige Kräuterwiese ist in diesem Jahr mit Mais bepflanzt und damit für Kräuter verloren. Das Sammelgebiet rund um den FR Viktoria wiederum ist vor einigen Wochen dem Mähen zugunsten eines Zeltlagers der Feuerwehrjugend zum Opfer gefallen. Doch findet sich bei genauem Hinschauen noch genügend: Spitzwegerich, Spargelkraut und Beifuß, gelbe Königskerzen, „Mäde süß“ und echtes Johanniskraut werden wieder Farbe in die Gebinde bringen, dazu auch die Gele Raafone (für Nicht-Orwischer: der gelbe Rainfarn). Rund 100 Sträuße sind es mittlerweile bei den Kräuterfrauen, die selbst noch vieles aus ihren heimischen Gärten beisteuern wie etwa Salbei oder Lavendel, Rosmarin oder Thymian – möglichst sechs Sorten Blumen und sechs Sorten Kräuter sollten es sein, das Eine fürs Auge, das Andere für die Gesundheit, erinnert Ingrid Killian, selbst ausgewiesene Spezialistin in Sachen Kräuterbestimmung, ihr Team. Sie hat von Grund auf bei ihren Vorgängerinnen gelernt; seit der Amtszeit von Pfarrer Rainer Rosenberger in der Gallusgemeinde sind die Frauen der kfd eifrig beim Sammeln.

Fast ohne Erde - Gärtnern auf Strohballen

Am Freitag wurden die duftenden und leuchtenden Gebinde im Pfarrgarten zu bunten Sträußen verarbeitet. Nach dem Familiengottesdienst am Sonntag wurden sie gegen eine Spende abgegeben und gingen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln – auch wenn sie heutzutage kaum mehr in den Pferde- oder Kuhställen zur Abwehr von Krankheiten aufgehängt werden, wo sie dann – wenn ein Tier im Stall erkrankte – ins Futter gemengt wurden.

Meist stehen die bunten Kunstwerke als Schmuck in den Wohnungen, bis sie allzu verstaubt sind. Die Verbindung zum Hochfest Maria Himmelfahrt kam wohl nur daher zustande, weil Mitte August eben die meisten Blumen und Kräuter blühen. In Urberach hat schließlich auch noch die ganze Gemeinde etwas davon: Die fertigen Sträuße wechseln ihre Besitzer gegen eine Spende. Der Erlös kommt alljährlich dem Blumenschmuck in der Galluskirche zugute.

Wer diesen Termin in St. Gallus versäumt hat: Heute Abend, am Festtag Maria Himmelfahrt, ist um 19 Uhr in der Kirche St. Nazarius noch die Möglichkeit, selbst mitgebrachte Sträuße weihen zu lassen.

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