Mehr Kühe als Autos auf Straßen

Geschichtsverein porträtiert mit Kalender tierische Zeiten

Um 1940 herum war die heutige B 486 eine Allee mit viel Platz für Fuhrwerke. Katharina Seib und Franz Kreis überholen mit ihrem Gespann Radfahrerin Susanne Kreis. Das Bild ist das April-Motiv im Kalender des Heimat- und Geschichtsvereins.
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Um 1940 herum war die heutige B 486 eine Allee mit viel Platz für Fuhrwerke. Katharina Seib und Franz Kreis überholen mit ihrem Gespann Radfahrerin Susanne Kreis. Das Bild ist das April-Motiv im Kalender des Heimat- und Geschichtsvereins.

Rödermark - Die Oweräirer und Orwischer samt ihrem lieben Vieh sind die Hauptpersonen im Kalender 2016, den der Heimat- und Geschichtsverein Rödermark in gewohnt kleiner Auflage veröffentlicht hat. Von Michael Löw 

Zwölf alte Ansichten aus Ober-Roden und Urberach hatten 2013 den Anfang gemacht. In den 1950er Jahren konnte man zumindest noch gelegentlich die Fuhrwerke der Landwirte durch die Straßen ziehen sehen, in den 1930er Jahren hatten sie nahezu gänzlich das Straßenbild geprägt. Einige solcher Gespanne - darunter auch eines, das von Ziegen durch die Bachgasse gezogen wird -, finden sich im 2016er Kalender des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) wieder. Hinzu kommen Menschen, die von Berufs wegen mit Tieren zu tun hatten; Hufschmied, Milchhändler, Schäfer.

Milchhändler Adam Kipferl hatte Frau und Sohn auf den Kutschbock geholt und ließ sich ungefähr 1910 fotografieren. Der HGV hat die Alt-Ober-Röder Ansicht als Januar-Bild gewählt.

Nahezu alle alten Aufnahmen sind eingebettet in das Dorfgeschehen, so dass der Betrachter zusätzlich einen Eindruck in die Historie der Stadtteile gewinnen kann. Und natürlich gibt es immer die eine oder andere Geschichte dazu. Das Januar-Kalenderblatt zum Beispiel zeigt einen Abschnitt der Trinkbrunnenstraße um 1910. Der Betrachter steht vor der Schule und blickt Richtung Bücherturm. Dort stand einst das Haus des Milchhändlers Adam Kipferl. Spätestens in den dreißiger Jahren betrieb die Familie auch ein Kolonial- und Schreibwarengeschäft. Eine Lehrerin dieser Zeit hatte zusammen mit dem Schreibwarengeschäft ihre eigene Methode, Schüler anzuspornen. „Hatte ein Schüler nach einer Schularbeit eine 1 in der Benotung, so bekam er von Fräulein Stumm ein Fleißkärtchen. Für dieses Fleißkärtchen erhielt der Schüler von Herrn Kipferl, der bei der Schule ein Schreibwarengeschäft führte, kostenlos einen Bleistift oder auch einen Schiefergriffel. Bei 3 Kärtchen gab es schon mal ein Schulheft. Diese Utensilien wurden später von Fräulein Stumm bezahlt“, haben Angehörige des Jahrgangs 1929/30 den Kalendermachern erzählt.

Wie karg das Ober-Röder Bauernleben noch Mitte der dreißiger Jahre war, sieht man an Sophie Winter. Die „Schäferecks-Sophie“ kommt mit einem Gespann voller „Straasel“ - Streu aus Laub, Moos und Zweigen - von den Tannenäckern in Waldacker zurück. Die meisten Vieh- und Ziegenhalter nutzten das „Straasel“, um es im Stall auszulegen, und hatten danach Mist zum Düngen. Stroh war hierfür nämlich zu teuer und wertvoll und wurde als Sattmacher unters Viehfutter gemischt. Das „Straasel“-Sammeln ging äußerst geordnet zu, denn das angestrebte Gebiet musste beim Förster angemeldet sein. Gegen ein paar Pfennig Gebühr durften die Bauern dann im Wald mit Rechen und Mistgabel an die Arbeit gehen. Ein Förster namens Franz soll das Sammelgut angeblich bis aufs letzte Zweiglein genau kontrolliert haben.

Bilder: Kalender aus Rödermark

Einen Wagen voller Mist zogen die Kühe von Bauer Georg Weber an drei Urberacher Traditions-Gasthäusern vorbei: „Krone“, „Traube“ und „Goldener Löwe“. Vor der benachbarten Metzgerei Schließmann parkte der Viehtransporter, der Rinder und Schweine zum Schlachten brachte. Das Oktober-Motiv ist ein vergleichsweise junges Foto. Es stammt aus den fünfziger Jahren. Doch selbst da ist außer dem Viehtransporter noch kein Auto zu sehen.

Das liebe Vieh brauchte nicht nur Futter, sondern auch Service. Ende der zwanziger oder Anfang der dreißiger Jahre gab es in Ober-Roden drei Hufschmiede. Die Familie Haus hat ein Bild aus ihrem Hof an der Dieburger Straße beigesteuert, auf dem Adam Robert Haus und drei Gehilfen ein Pferd beschlagen. Und auch da liefert der HGV Ortsgeschichte mit: Spätere Generationen führten die Schmiede als Bauschlosserei und Wagenbau fort. Kalender Nummer fünf folgt im Herbst.

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