Krankheit Mangelernährung

Gefährlich für Senioren

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Ingrid Acker eröffnete 2006 im Breidert eine Praxis für Ernährungsberatung. Sie hatte in Amsterdam studiert, das Diplom „Bachelor of Health“ erworben und in den Niederlanden unter anderem als Dozentin für Fortbildung im Gesundheitswesen gearbeitet. In Rödermark kennt man sie als Mitorganisatorin der Messe „Fitness & Business“.

Ober-Roden - Mangelernährung im tendenziell übergewichtigen Deutschland? Man kann sich’s kaum vorstellen, doch rund 1,5 Millionen überwiegend alte Menschen oder chronisch Kranke leiden darunter. Von Michael Löw

Ernährungsberaterin Ingrid Acker aus Ober-Roden, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Berufsverbandes Oecotrophologie, nimmt sich eines verdrängten Themas an, das das deutsche Gesundheitssystem jährlich rund neun Milliarden Euro kostet. Mangelernährung ist aus Sicht des Mediziners Mediziners im offensichtlich eher überernährten Deutschland durchaus ein Problem. Mangelernährt ist, wer zu wenig Energie, Eiweiß und Vitamine zu sich nimmt. „Nicht bedarfsdeckend“, nennt das Ingrid Acker. Die Ernährungsberaterin aus dem Breidert ist seit 2014 stellvertretende Vorstandsvorsitzende im Berufsverband Oecotrophologie (VDOE). Der VDOE ist seit 40 Jahren die berufspolitische Vertretung der Oecotrophologen, Haushalts-, Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaftler in Deutschland.

Bei der Dreiländertagung von Ernährungswissenschaftlern und -medizinern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Dresden forderte Ingrid Acker ein flächendeckendes so genanntes Screening, also die genaue Beobachtung des Gewichtsverlaufs. Purzeln die Pfunde ungewollt, ist das ein Alarmsignal. Ungefähr 1,5 Millionen Deutsche sind von Mangelernährung bedroht oder betroffen, chronisch Kranke und Alte sind die größten Risikogruppen. Ingrid Acker hat im vorigen Sommer 165 Senioren - Patienten von neun Rödermärker, Dietzenbacher und Rodgauer Allgemeinmedizinern - gescreent. Sie fragte unter anderem nach dem Gewichtsverlust der vergangenen Monate, Appetitverlust, Kau- oder Schluckbeschwerden und akuten Krankheiten. Ergebnis des Screenings: drei Prozent der Patienten sind mangelernährt, 30 Prozent sind gefährdet.

Parallel dazu legte Ingrid Acker einen allerdings abgespeckten Fragebogen 91 Patienten unter 65 Jahren vor. In dieser Altersgruppe leiden 13 Prozent an Mangelernährung, 11 Prozent sind davon bedroht. Die Expertin nennt zwei Ursachen: Zum einen muten immer mehr junge Frauen ihrem Körper extreme Diäten zu. Aber auch „vermeintliche Nahrungsmittelunverträglichkeiten“ sind ihrer Ansicht nach schuld an Mangelernährung. Ingrid Acker macht’s am Beispiel eines Mädchens mit Lebensmittelallergie fest. Auch hier spricht Ingrid Acker von einer „vermeitlichen“ Allergie. Diese Patientin hat sich über Jahre hinweg mit einer sehr geringen Auswahl an Lebensmitteln ernährt und sich so in die Mangelernährung gegessen.

Alte Menschen sind aus ganz anderen Gründen mangelernährt. „Ich arbeite doch nicht mehr, da brauch ich doch kein großes Stück Fleisch mehr“, bekommt Ingrid Acker in ihrer Praxis immer wieder von älteren Männern zu hören. Deren typisches Mittagessen: Kartoffeln, Gemüse und ein bisschen Soße. Fleisch kommt selten auf den Teller, Milchprodukte sind in den Augen solcher Senioren „nur was für kleine Kinder“.

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Mangelernährte Menschen werden laut weltweit erhobenen Studien häufiger krank und müssen länger in der Klinik bleiben: durchschnittlich 2,4 Tage länger als gut genährte Patienten mit der gleichen Krankheit. Außerdem steigt das Risiko, dass die Therapie nicht anschlägt oder abgebrochen wird. „Ohne es zu wollen, verursachen sie zusätzliche Kosten von rund neun Milliarden Euro jährlich“, sagt Ingrid Acker. Zum Vergleich: Fettleibigkeit und ihre Folgen belasten das deutsche Gesundheitssystem mit 15 Milliarden Euro.

Der VDOE fordert daher gemeinsam mit den Ernährungsmedizinern ein flächendeckendes Gewichts-Screening bei Aufnahme in der Klinik - bei Risikogruppen sogar beim Arztbesuch - sowie eine für alle zugängliche Ernährungstherapie. Die Chancen eines verpflichtenden Screenings sind allerdings gering, da deutsche Krankenkassen Hausärzten pro Patient und Quartal nur eine Fallpauschale bezahlen - egal, wie oft er in die Praxis kommt. „Ich muss mich dann entscheiden, ob ich einen Verband wechsele oder ein Ernährungsscreening durchführe“, schilderte einer der befragten Hausärzte Ingrid Acker gegenüber das Dilemma.

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