Roland ein Italo-Rocker

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Zwei im Liebestaumel: Brenda Rae als Angelica und Paula Murrihy als Medoro in der Frankfurter Inszenierung von David Bösch.

Es darf geschmunzelt und sogar gelacht werden. Doch Vivaldis „Orlando Furioso – Der rasende Roland“ bietet auch empfindsames Moll in feiner Da-Capo-Arie. Bei seinem Frankfurter Debüt hat Regisseur David Bösch das Heitere und das Melancholische des Liebesreigens ideal austariert. Von Klaus Ackermann

Im Takt der Musik, die Dirigent Andrea Marcon rhythmisch so vehement anspitzte, dass es eine Lust war. Noch fürs Museumsorchester, das die barocken Schlager mit viel Elan auflud. Zum Publikumsliebling gedieh Mezzosopranistin Sonia Prina, ein wie im Rausch die Koloraturen stanzender Italo-Rocker.

Denn Ironie ist der dramaturgische Treibstoff dieser Oper, die Vivaldi aufs zu seiner Zeit weidlich bekannte Versepos von Ludovico Ariosto komponiert hat. Schon die von Alcina beherrschte Märcheninsel scheint nicht so öde, wie dies grobe Felsblöcke signalisieren. Es gibt eine Außen-Bar, wo Zaubertränke gemixt werden. Und an den Seiten grüßt bürgerliche Idylle mit Bilderwand, Kinderauto und einem Porzellan-Geparden, Kuscheltier der Magierin, die auf Beute nicht warten muss (Ausstattung Dirk Becker).

Ihr großer Gegenspieler ist Orlando in schwarzer Rockerkluft, der Angelica liebt und sucht, die ihrerseits in Medoro verknallt ist. Und dann gibt es noch den Ruggiero (Countertenor William Towers ist für elegischen Leidenston zuständig), den Bradamante sucht und den sich Alcina per Hexen-Cocktail gefügig macht. Als mit dem Besen herumfummelndes Faktotum versucht Astolfo, die Zauberin zu gewinnen – leider ohne Chance.

Hat man diese Konstellationen durchschaut, ist der Rest ein Kinderspiel. Zumal Meentje Nielsens Kostüme auf den Charakter zielen, mal Sekretärinnen-Look, Cocktailkleid oder dunkler Zwirn. Einzig Alcina wechselt ihr Outfit so schnell wie die Männer, eine Verführerin, die Opfer eigener Zauberei wird, durch echte Liebe ihre Magie verliert und am Ende ohne Perücke ziemlich alt aussieht – einer der melancholischen Momente, die dem Spiel Tiefe geben.

Daniela Pini bringt das souverän und glasklar in den Koloraturen rüber, das Mezzosopranistinnen-Aufgebot anführend. Dazu gehört die agile Paula Murrihy als Medoro, der Angelica liebt – die ausdrucksstarke Sopranistin Brenda Rae. Und als Bradamante, die Ruggiero zurückerobert, ist Katharina Magiera eine Macht. An diesem Paar lässt sich ideal aufzeigen wie der nie um Ideen verlegene Regisseur bei den ellenlangen, Handlung transportierenden Rezitativen auf köstlich ironische Distanz geht. Da wird die Liebesgeschichte einfach weitergesponnen – Kinder wie am Fließband, ein genervter Ehemann, dem seine Frau den Diplomatenkoffer entwindet, um als flotte Jung-Managerin zu entschwinden.

Den Rezitativen gibt zudem Andrea Marcon am Cembalo viel improvisatorische Leichtigkeit. Wie er das Orchester zum Einpeitscher macht, barocker Rhythmus wird da zum Swing, die Dreiklangsmelodik zum einprägsamen Schlager. Doch auch süffige Ariosi und ein mildes Moll mit Theorben-Klang machen süchtig, Blockflötensolo (Sabine Ambos) und eine großartige Kadenz des Konzertmeisters Ingo de Haas inklusive. Mezzosopranistin Sonia Prina ist als Orlando ein Präzisionswunder bei den Koloraturen, stark in den emotionsgeladenen Arien und selbst im Wahnsinn aus unerwiderter Liebe ohne jede Peinlichkeit.

Noch am 18., 21., 26. Februar

Am Ende „genießen die Liebenden ihren Lohn“, doch allesamt beschädigt nach gründlicher Beziehungs-Rauferei. Der von Alcina verschmähte Astolfo, Bariton Florian Plock ist einzig echte Männerstimme, rollt sogar im Krankenstuhl herbei. Und die Frankfurter Oper hat mal wieder stichhaltig nachgewiesen, dass es keiner Operette bedarf.

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