Bei Heimatbesuch verschleppt

Allgemeinmediziner Oliver Düll behandelt auch Flüchtlinge

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Der Froschhausener Arzt Oliver Düll zeigt das Röntgenbild seines eritreischen Patienten, auf dem die Kugel im Rücken des Mannes zu sehen ist.  

Froschhausen - „Wir haben eine sehr bunte Praxis“, sagt Facharzt Oliver Düll, der seit 19 Jahren in Froschhausen praktiziert und auch Flüchtlinge behandelt. Das Schicksal eines Eritreers beschäftigt ihn nachhaltig. Von Sabine Müller 

Dieser hatte in Deutschland seine Jugend verbracht und war beim Besuch der alten Heimat verhaftet worden. Nach albtraumhaften Jahren der Verfolgung und Misshandlung ist der heute 37-Jährige als Asylbewerber zurückgekehrt. Er bittet darum, weder seinen Namen noch ein Foto zu veröffentlichen. Zu groß ist die Angst des Mannes, dass die eritreische Regierung seine Familie in der Heimat drangsalieren könnte. Die Heimat ist das kleine Eritrea, auch „Nordkorea Afrikas“ genannt, aus dem Hunderttausende vor lebenslangem Militärdienst, Terror und Verfolgung fliehen. Seitdem sich das Land nach Jahrzehnten die Unabhängigkeit von Äthiopien erkämpft hat, bricht der Konflikt mit dem Nachbarn immer wieder auf. Dies legitimiert Diktator Isayas Afewerki, an der Macht zu bleiben und den Ausnahmezustand aufrechtzuerhalten.

Vor den Anschlägen Äthiopiens seien seine Eltern damals nach Saudi-Arabien geflohen, berichtet Dülls Patient. Den zweijährigen Sohn ließen sie bei den Großeltern zurück, bis es 1991 in Deutschland zur Familienzusammenführung kam. Hier besuchte der junge Eritreer die Realschule und absolvierte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Automechaniker. Sein Traum: „Ich wollte eine Garage in Eritrea eröffnen.“ Im Jahr 2000 – er hat etwas Geld gespart – fliegt er nach Afrika, um den im Sterben liegenden Großvater zu besuchen, obwohl ihn ein älterer Landsmann eindringlich davor gewarnt hat. „Ich habe ihm nicht geglaubt, dass es gefährlich für mich werden könnte“, sagt er, „in Deutschland war das doch undenkbar.“ Doch sieben Tage nach Einreise, der Besucher ist unterwegs um einzukaufen, nehmen ihn Soldaten auf offener Straße fest. „Sie fragten nach meinem Pass, der aber in der Wohnung lag, und nahmen mich dann in Handschellen mit zum Polizeirevier.“

Seinen Schilderungen zufolge hat der Mann ab diesem Zeitpunkt Jahre in Militärlagern und Gefängnissen erlitten, die einer Versklavung gleichkommen. Zusammen mit Hunderten anderer willkürlich Verhafteter wird er mit Schlägen zum Wehrdienst gezwungen, nach nur wenigen Tagen Ausbildung an die Front geschickt und durch Handgranaten verletzt. „Beim Fluchtversuch nach Sudan wurde ich an der Grenze gestellt“, berichtet er. Ein erneuter Versuch zu entkommen, bringt ihm eine Kugel im Rücken ein – „die steckt noch im Körper und muss raus“, sagt sein Arzt Oliver Düll.

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Als „Landesverräter“ wird er für ein Jahr und sechs Monate eingesperrt. Die tägliche Verpflegung bei 50 Grad Hitze: Zwei Tassen Wasser, zwei Scheiben Brot, eine „Suppe“ mit fünf oder sechs Linsen. 45 Mann schlafen in Säcken auf dem Boden, der Raum so klein, dass man nur auf der Seite liegen kann. Ein Mal pro Monat dürfen die Kleider mit Wasser gewaschen werden; um die Flucht zu verhindern, werden die Schuhe weggenommen. Die ranghohen Militärangehörigen hätten gottgleichen Status, sagt der Eritreer, sie selbst seien schlechter als Tiere behandelt worden. „Es gibt keine Gerechtigkeit dort, Sie können sich das nicht vorstellen.“ Viele seien krank geworden, gestorben, einfach verschwunden.

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Bis 2006 tut er Dienst an der Waffe, der Sold beträgt 150 Nakfa pro Monat – etwa sieben Euro. Muss sich dann immer wieder vom Militärdienst freikaufen, um als Landwirt arbeiten zu können. Da er zwischenzeitlich geheiratet hat, ist auch seine Frau den Repressalien ausgesetzt. Im vergangenen Jahr gelingt ihm endlich die Flucht: Mit Hilfe von Schleusern gelangt er nach Sudan und Libyen, in einem Holzboot mit 630 Menschen an Bord übers Mittelmeer nach Italien, seit sechs Monaten ist er wieder in Deutschland. Während der Eritreer auf sein Asylverfahren wartet, nutzt er seine Sprachkenntnisse in der Flüchtlingshilfe und hofft, auch seine Frau und die drei Kinder bald außer Landes bringen zu können.

Solche Berichte sollten jene hören, die fragten, was denn die Asylsuchenden alle bei uns wollten, meint Oliver Düll. Der Allgemeinmediziner ist oft gereist, hat dabei viel Gastfreundschaft erlebt. „Das ist eine ganz andere Not als bei uns“, sagt er. „Es ist selbstverständlich, dass diese Menschen versorgt werden.“

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