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Asche über die Felder verstreut

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Stolpersteine: Sidonia, Ellen und Blanka Salomon. Familienvorstand Sally fehlt.
Stolpersteine: Sidonia, Ellen und Blanka Salomon. Familienvorstand Sally fehlt. © mho

Seligenstadt - Mehr als 50 000 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern inzwischen in vielen unserer Städte an das Schicksal von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. Von Michael Hofmann

Wenige Worte auf einer Messingplatte, die uns auffordern, uns mit dem Undenkbaren zu befassen. „Die Erinnerung bewahre vor neuem Unrecht“ steht auf Deutsch, Russisch und in hebräischer Sprache auf dem Gedenkstein im Wald von Blagowschtschina, nicht weit von der weißrussischen Hauptstadt Minsk, geschrieben. Und das Eingeständnis, dass Verwaltung und Bürger der Stadt Frankfurt am Main sich im Nationalsozialismus an Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung jüdischer Frankfurter beteiligten. „Allein nach Minsk wurden im November 1941 über 1000 deportiert, wovon nur zehn überlebten“, so der etwas ungelenke Text weiter.

Unter den Opfern sind (mindestens) drei Seligenstädter Juden: Sidonia Salomon (damals 48 Jahre) sowie ihre beiden Töchter Ellen (21) und Blanka (17) und auch die Familie Adolf Vieth aus Klein-Krotzenburg. Drei „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig vor dem Frankschen Haus an der Freihofstraße fassen in wenigen Stichworten das schreckliche Schicksal der Salomons zusammen. „Deportiert 1941“ und „tot in Minsk“ steht neben Namen und Geburtsjahr kurz und knapp zu lesen. Aber auch ein langer Text dürfte dem Grauen nicht annähernd gerecht werden.

Familiengeschichte der Salomons

Sally Salomons letzte Ruhestätte in Frankfurt: Selbstmord, um der drohenden Deportation in das Vernichtungslager Minsk zu entgehen.
Sally Salomons letzte Ruhestätte in Frankfurt: Selbstmord, um der drohenden Deportation in das Vernichtungslager Minsk zu entgehen. © p

Heimatforscher Georg Giwitz hat die Familiengeschichte der Salomons recherchiert – von den Anfängen in Beerfelden (Odenwald) über die Zwischenstation Frankfurt, den Freihof in Seligenstadt, wieder Frankfurt und den Abtransport nach Minsk. Auch die weißrussische Hauptstadt hat er schließlich besucht, war zunächst irritiert, dass ihm dort niemand sagen konnte, wo die Gedenkstätte im nahen Wald von Blagowschtschina zu suchen sei. Immerhin war dies der zentrale SS-Vernichtungsort für Juden aus dem Bezirk Minsk, in den ab dem Jahr 1942 (Wannseekonferenz) auch tausende reichsdeutsche Juden transportiert und zusammen mit vielen tausend Minsker Glaubensgenossen ermordet wurden. Schätzungsweise 60.000 Menschen brachten die Nazi-Schergen und ihre Helfer dort um. Unfassbar: Als sich das Kriegsglück von den Deutschen abwendete, wollte das Reichssicherheitshauptamt die Spuren des Minsker Massenmordes verwischen, zwang Arbeitskräfte und Gefangene/Häftlinge in der „Aktion 1005“, die Leichen auszugraben, die Toten auf Scheiterhaufen zu schichten und zu verbrennen. Die Asche wurde dann über die Felder verstreut. Doch davon wissen viele heute gar nichts mehr.

Erinnerungsschilder an 13.500 österreichische Juden, die in Minsk ermordet wurden.
Erinnerungsschilder an 13.500 österreichische Juden, die in Minsk ermordet wurden. © p

Dennoch fand Giwitz den Weg hinaus in die Nähe des Landguts Maly Trostinez. „Die Mulden, in denen sich vorher die Massengräber befanden, sind noch gut zu erkennen. Heute ist dort ein Waldstück mit Kiefern, an denen ein österreichischer Verein für die 13 500 Juden aus seinem Land Erinnerungsschilder anbrachte“, sagt Giwitz und zeigt Fotos. Im Wald von Blagowschtschina und auf den Feldern der Umgebung endet auch die Geschichte von Sidonia, Ellen und Blanka Salomon, deren letztes und traurigstes Kapitel mit dem Transport am 11. November 1941 an der Frankfurter Ostendstraße begann. Doch ist dies nicht die ganze Geschichte. Sidonias Ehemann Sally Salomon (Jahrgang 1886) war aus dem Ersten Weltkrieg als schwer Kriegsbeschädigter nach Hause gekommen, konnte seine Familie in Beerfelden nur mit Mühe ernähren und die ihm fortan widerfahrende Ungerechtigkeit nicht begreifen: „Habe ich die feste Überzeugung, dass der Führer Adolf Hitler nicht duldet, dass ein 80 % Kriegsbeschädigter fortgesetzt gedemütigt wird“, schreibt er an den dortigen Gemeinderat. Vergebens. Als er die Miete nicht mehr zahlen kann, muss die Familie ausziehen, die Odyssee beginnt. Ab September 1935 lebt die Familie in Seligenstadt.

Wie sich die Handlungsstränge im Sommer 1939 auseinanderentwickelten, konnte auch Giwitz nicht im Detail eruieren. Doch fand er heraus, dass Sally nicht in die Frankfurter Ostendstraße 26, sondern in die Nummer 76 zog. Offensichtlich wegen der drohenden Deportation nahm er sich dort am 26. Oktober 1941 das Leben, wie Adolf Diamant in seiner Dokumentation über Frankfurter Juden, die 1938 bis 1943 durch Freitod aus dem Leben schieden, berichtet. Giwitz hat Salomons Grab besucht, das in einer Reihe mit Dutzenden weiterer Juden steht, die damals aus Angst vor dem Horror ebenfalls Selbstmord begingen.

Warum heute kein Stolperstein an der Freihofstraße in Seligenstadt an Sally Salomon und sein Schicksal erinnert, war nicht zu eruieren. Schließlich war er der Familienvorstand, ist ebenso Opfer der Nazis wie Frau und Töchter. Während ein weiterer Stolperstein in Beerfelden mitteilt, dass Sallys Schwester Klara ebenfalls im Jahre 1941 in Minsk den Tod fand, hatten Sallys Sohn Werner (Jahrgang 1918) und die älteste Tochter Irene (Jahrgang 1917) mehr Glück. Werner wanderte am 1. Juli 1938 in die USA aus, Irene verließ Deutschland bereits im November 1934 in Richtung Staaten.

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