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Aufwändige, aber lohnenswerte Reproduktion

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Den Faksimile-Band präsentiert Thomas Laube.   J Fotos (2): paw
Den Faksimile-Band präsentiert Thomas Laube. © Wronski

Seligenstadt - Aus jedem Buch spricht ein Mensch. Deshalb werden Bücher nicht so schnell aus unserem Leben verschwinden, auch wenn elektronische Medien und das Internet derzeit für eine Art Revolution sorgen.

Unsere Redaktion stellt am heutigen „Tag der Bibliotheken“ eines der kostbarsten Werke mittelalterlicher Buchkunst, das Seligenstädter Evangeliar, in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung.

Die Pergamenthandschrift, die spätestens um das Jahr 1000 im Kloster Seligenstadt am Main geführt und für wichtige Eintragungen benutzt wurde, kehrte zum Einhard-Symposion, das Schlösserverwaltung und Stadt im Jahre 2008 gemeinsam mit der Einhard-Arbeitsgemeinschaft, dem Förderkreis Historisches Seligenstadt und der Einhard-Stiftung in der früheren Abtei veranstalteten, für wenige Tage dorthin zurück.

Einhard (770 bis 840), der Berater und Biograf Karls des Großen, hatte das Evangeliar um 830 in der Abtei Lorsch für das von ihm 828 gegründete Kloster in Seligenstadt anfertigen lassen. Nach der Auflösung der Benediktinerabtei (Säkularisation, 1803) blieb sie noch einige Zeit vor Ort in Seligenstadt, doch ab 1811 wurde die Handschrift zusammen mit den Resten der nicht unbedeutenden Bibliothek in die Großherzogliche Hofbibliothek in Darmstadt überführt, heute wird die wertvolle Schrift in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt aufbewahrt.

Gut laufende Schreibstube

Eine Auftragsarbeit Einhards ist wahrscheinlich, betrieb Lorsch doch eine in hoher Blüte stehende klösterliche Schreibstube, in der nicht nur Handschriften für den eigenen Bedarf entstanden, sondern auf Anfrage auch Bücher für andere Klöster und Kirchen. Dagegen verfügte das Kloster in Seligenstadt über kein eigenes „Skriptorium“. Seit den achtziger Jahren des 8. Jahrhunderts, das haben die Wissenschaftler um Dr. Hermann Schefers, den Leiter der Lorscher Welterbestätte, herausgefunden, gab es einen für Lorsch typischen Schreibstil, der heute die Identifikation der dort entstandenen Texte ermöglicht.

Das Original: das Seligenstädter Evangeliar ist eine Pergamenthandschrift.
Das Original: das Seligenstädter Evangeliar ist eine Pergamenthandschrift. © Wronski

„Einhard war dem Kloster Lorsch damals sehr eng verbunden: 819 schenkte er der Abtei seinen umfangreichen Besitz um Michelstadt im Odenwald. Frühe Exemplare der beiden wichtigsten Werke Einhards, die Lebensbeschreibung Karls des Großen und der Bericht über die Überführung der Reliquien der Heiligen Marcellinus und Petrus, waren in der Lorscher Klosterbibliothek greifbar.“

Das Seligenstädter Evangeliar enthält die Kanontafeln - ein seit der Antike überliefertes Verzeichnis von inhaltlichen Parallelstellen in den Evangelien - und die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, aber auch weitere Texte, die zu einem Vollevangeliar gehören.

Reproduktion im Handel erhältlich

Unter dem Abt Georg Hartung (1518 bis 1525) entstand der heute noch vorhandene Prunkeinband aus vergoldetem Silber, mit Edelsteinbesatz und theologisch anspruchsvoller Bildbotschaft. Wesentlich früher - um das Jahr 1000 - entstanden der Anfang eines Verzeichnisses des Klosterschatzes, ein Reliquienverzeichnis und das älteste Seligenstädter Zinsregister.

Wer neugierig geworden ist: Inzwischen liegt ein Faksimile-Band des Evangeliars mit separatem Kommentarteil vor, der für 149 Euro im Buchhandel (Bücherwurm, Aschaffenburger Straße) erhältlich ist. Im Frühsommer des vergangenen Jahres wurde der Band im Kloster der Einhardstadt vorgestellt. „Das war ein sehr aufwändiges Projekt, aber es hat sich gelohnt“, sagt Thomas Laube, einer der Initiatoren der Neuveröffentlichung.

Das wurde aus den zwölf Aposteln

Das Evangeliar biete ein eindrucksvolles Beispiel für die vollendete Anwendung der karolingischen Minuskel (Bibelhandschrift) als Normschrift im 9. Jahrhundert. Das Buch wiegt fast fünf Kilo, umfasst 376 Seiten und liegt in einem prächtigen Schutzumschlag vor. Seit 2006 beschäftigten sich die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, die Stiftung Laube und der Verlag Schnell und Steiner, die Sparkassen-Kulturstiftung und die Einhard-Stiftung mit dem Projekt.

(mho/th)

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