Eine neue Generation erinnert sich

Seligenstadt (sig) - Einen ungewöhnlichen und eindrucksvollen Kindertag erlebten die Jungen und Mädchen der Pfarrei St. Marien. Diesmal beschäftigten sich mit der Geschichte der Juden, die einst in der Einhardstadt lebten. Ausgangspunkt eines Rundgangs war die Kirche St. Marien, wo zunächst eine kurze Einführung anstand.
So wussten die meisten Kinder gar nicht, dass es in Seligenstadt auch einen Friedhof für Menschen jüdischen Glaubens gibt. Schnell wurde den Kindern klar, dass sie einen ganz besonderen Ort besuchen würden. Jedes Kind konnte sich einen Stein aussuchen, den es mit zum Friedhof nahm, um ihn dort an geeigneter Stelle abzulegen. In der jüdischen Tradition legt man Steine auf ein Grab, um an die Toten zu denken. Blumen oder Lichter verwelken beziehungsweise erlöschen, der Stein aber hat Bestand für die Ewigkeit. Am Friedhof empfing Gisela Meutzner von der Stadtführergilde die Gruppe. Sie startete dort mit der speziell für Kinder gestalteten Stadtführung. Die Jungs mussten erst einmal ihren Kopf bedecken, um angemessen den Friedhof zu betreten. Dort selbst schauten sich die Kinder interessiert um und versammelten sich dann am Mahnmahl. Es setzt sich aus vielen jüdischen Grabsteinen zusammen, die zerstört wurden und von denen nur noch Bruchstücke existierte. S.
Schnell erkannten die Kinder eine ihnen unbekannte Schrift. Gisela Meutzner erklärte ihnen, dass es sich um hebräische Schriftzeichen handelt. Als die Mädchen und Jungen die Gräber ansahen, hatten sie viele Fragen. Gisela Meutzner beantwortete sie und wusste Geschichten über einige dort beerdigte Menschen zu erzählen.
Weiter ging es durch die Stadt über „Stolpersteine“ zu Häusern, in denen Juden lebten. Über deren Schicksale konnte die Stadtführerin auch einiges berichten - lustige Begebenheiten, aber auch traurige Schicksale. So lebte während des Dritten Reichs die letzte Jüdin Seligenstadts, verheiratet mit einen Christen, noch einige Zeit länger dort. Ihrem Mann rieten die Nazis, sich von ihr zu trennen, was er jedoch nicht tat. Bald darauf wurde sie deportiert und in einem Konzentrationslager umgebracht. Ein Schicksal, das den Kindern nahe gingen.
Letzte Station war der Synagogenplatz. Jesus selbst war Jude und das Christentum entstand aus dem Judentum. So erfuhren die Kinder viel über den jüdischen Glauben. Auch für Lotte Brettinger, Melanie Korb, Gabi Laist-Kerber, Ann-Katrin Merker, Annalena Sauer und Anke Schwalbenhofer als Begleiter der Gruppe war der Tag außergewöhnlich. Seligenstadt werde so mit anderen Augen wahrgenommen. Und die von den Kindern abgelegten Steine auf dem Friedhof erinnern daran, dass sich eine neue Generation an die Geschichte der Juden in der Einhardstadt erinnert.