Karlsteiner Entwicklungskonzept liebäugelt mit Seligenstädter Attraktionen

Fährverbindung und Brücke

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Die Karlsteiner Gewerbebetriebe stören die Optik im ,Sahnestück’ Mainlandschaft mit Blick auf das Seligenstädter Kloster- und Basilika-Ensemble.

Karlstein/Seligenstadt - Ob der Wassersportverein Seligenstadt (WSS) seine Segelaktivitäten in der Marina am bayerischen Ufer fortsetzen kann, das ist, wie bereits ausführlich berichtet, (noch) offen. Von Michael Hofmann

Ein Blick in das Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (ISEK) der Gemeinde Karlstein zeigt, dass die Bayern noch ganz andere Ambitionen haben, sich dabei auch im Glanz der Seligenstädter Geschichte sonnen möchten. Auf „originelle“ Weise. Nach einem mehr als einjährigen Meinungsbildungsprozess, in dessen Verlauf auch Bürgerworkshops und Bürgerinformationsveranstaltungen stattfanden, hat der Karlsteiner Gemeinderat den ISEK-Endbericht des Würzburger Büros für Städtebau und Architektur (HWP) Anfang Mai gebilligt. Die Experten haben nach ihrer Analyse in der Gemeinde einen „schleichenden Funktionsverlust“ festgestellt (rückläufige Bevölkerungsentwicklung, fast stagnierende Beschäftigungsentwicklung, Abwärtstrends bei Einzelhandel und Dienstleistungen) und schlagen nun ein ganzes Maßnahmenbündel vor. Einer der Ansätze: „Chancen zur Steigerung des Wohn- und Freizeitwerts der Gemeinde durch gezielte Aufwertung und verbesserte Erschließung der siedlungsnahen Mainuferzonen. Hierdurch und durch die bessere Kommunizierung weiterer örtlicher Potenziale (...) kann sich Karlstein auch als Zielort für Touristen und Tagesbesucher im touristisch bereits gut erschlossen Maintal stärker als bisher in Szene setzen.“

Das Würzburger Expertenbüro verweist vor allem auf die in und um Karlstein anzutreffende Natur - „attraktiver Landschaftsraum in reizvoller Lage am Main“, auf Relikte des Braunkohle- und Kiesabbaus (Seenlandschaft), „insbesondere auch auf die nahegelegene Abtei Seligenstadt, welche die Entwicklung der Region über Jahrhunderte mitgeprägt hat.“ Noch heute stelle das Kloster mit der Einhardbasilika ein herausragendes Kulturdenkmal von nationalem Rang dar. „Besonders eindrücklich ist die Ansicht des unmittelbar am Main gelegenen Klosters, wenn man von Nordosten vom Karlsteiner Mainufer aus nach Südwesten auf das Seligenstädter Mainufer blickt. Hier befindet sich gewissermaßen das ,Sahnestück’ der Mainlandschaft (...), das man auch als ,Karlsteiner bzw. Seligenstädter Mainschleife’ bezeichnen könnte, die zukünftig gezielt vermarktet werden sollte.“ Getrübt werde das Landschaftsbild durch die relativ nah am Main gelegenen Gewerbegebiete.

Bislang gebe es kaum Ideen zur gestalterischen und funktionalen Aufwertung der Mainuferzonen, die vor allem von Jugendlichen temporär genutzt werden. Das soll sich ändern. Möglicher Kompromiss für die künftige Entwicklung der Mainuferzonen könne in Absprache mit Wasserwirtschaftsamt, Naturschutz (Landratsamt) die Belassung natürlicher Schutzzonen bei Schaffung punktueller Freizeit-, Ruhe- und Erholungszonen an geeigneter Stelle sein.

„Zentraler Baustein der Gestaltung der Mainlandschaft könnte zukünftig die Errichtung einer Fußgängerbrücke über den Main bei Seligenstadt sein - in Kooperation mit der Stadt Seligenstadt (Kostenpunkt: rund drei Millionen Euro). Die bisherige Fährverbindung über den Main für Kfz und Radfahrer sollte wie bisher beibehalten werden.“ Auch infrastrukturelle Überlegungen brachte das Würzburger Büro bereits zu Papier: Die Wegeverbindung von der Fähre und gegebenenfalls der zukünftigen Fußgängerbrücke in Richtung Karlstein sollte verbessert und durch interessante Stationen entlang der Wegstrecke weiter attraktiviert werden (z.B. durch zusätzliche Gastronomie- und Freizeitangebote im Bereich des Schleusengehöfts) - bekanntlich bislang Domizil des WSS.

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Da die Stadt Seligenstadt gewissermaßen Anrainer-Gemeinde („öffentlicher Aufgabenträger“) ist, hat die Gemeinde Karlstein ihre Unterlagen zur Stellungnahme vorgelegt - allerdings erst, als auf der anderen Mainseite schon alles fertig beschlossen war, wie man im Rathaus etwas irritiert feststellte. Erste Stadträtin Claudia Bicherl bleibt gelassen, spricht von einem „unverbindlichen Konzept“. In ihrer Stellungnahme habe die Stadt Seligenstadt allerdings den gemeinsamen Betrieb von Mainfähre und Brücke als „unrealistisch“ bezeichnet. Gleichwohl sei die Stadt zu einer intensiveren Zusammenarbeit bereit. Im Seligenstädter Rathaus hat man freilich nicht vergessen, dass die Karlsteiner den Fährbetrieb lange Zeit mit rund 10 000 Euro pro Jahr unterstützten, die Bezuschussung jedoch irgendwann einmal völlig einstellten.

Ob die ISEK-Konzeption je gänzlich umgesetzt wird, steht in den Sternen. Und dabei klemmt’s nicht nur bei Brücke und Fähre. Der Karlsteiner Umweltbeirat hatte zwischenzeitlich in einem Positionspapier Klartext gesprochen: „Karlstein ist und wird keine Touristengemeinde. Darüber hinaus liegt das Mainvorland im Überschwemmungsgebiet und verbietet eine Verbauung (...) Eine weitere Ausschöpfung von landschaftlichen Potenzialen für Freizeitzwecke ist nur noch bedingt möglich, hätte negative Folgen für Flora und Fauna. Eine touristische Erschließung würde den naturnahen Charakter stören, sogar zerstören...“

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