Vom Gefühl, mit Licht zu malen

Seligenstädter arbeitet mit Regisseur Dieter Wedel zusammen

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Die vorab gedrehten Filmsequenzen werden bei der Theateraufführung in der Stiftsruine von Bad Hersfeld auf einer Video-Leinwand gezeigt.  

Seligenstadt -  Mit Arthur Millers „Hexenjagd“ sind am 24. Juni die Festspiele in Bad Hersfeld eröffnet worden. Dafür hat Intendant Dieter Wedel Filmszenen zum Live-Theater gestellt. Von Sabine Müller

Die Einspieler auf Video-Leinwand neben der Bühne sind bereits im Frühjahr entstanden – hinter der Kamera der Seligenstädter Joachim Giel. Während das Schauspiel-Ensemble sich dieser Tage immer aufs Neue beweisen muss, kann sich der Kameramann entspannt zurücklehnen: Er hat seine Arbeit – nicht minder herausfordernd – schon im April und Mai erledigt. Drei mal 14 Stunden, bei Regen und Kälte, wurde bis in die Nacht hinein gedreht. Hieß es in der Stiftsruine und im Stadtwald von Bad Hersfeld „Ton ab!“ und „Kamera läuft!“, so lange, bis Regisseur Dieter Wedel zufrieden war. „Er erwartet, dass die Kameraaufstellung bis zum Dreh höchstens eine Stunde dauert“, berichtet Joachim Giel, der sich auch um die Logistik kümmert. „Durch die jahrelange Zusammenarbeit weiß ich, wie Wedel tickt.“ Er muss auch wissen, wie die Schauspieler agieren, das Zusammenspiel zwischen ihnen, Beleuchter und Kamera ist sehr intensiv.

Joachim Giel hat Fotos von den Dreharbeiten mitgebracht, zeigt sie auf seinem Smartphone: „Sehen Sie, die Figuren und Bäume müssen Kanten haben, dann wirken sie plastisch. Um mit Licht zu malen, braucht es viel Gefühl.“ Handwerk und Dramaturgie mischen zu können, das mache einen guten Kameramann aus, sagt der 61-Jährige. Ausgebildeter Kameramann ist der Ur-Seligenstädter seit 1991, seinen Beruf hat er von der Pike auf gelernt. Viel früher aber erwachte seine Leidenschaft für Film: Im Jahr 1963 bekam der Siebenjährige den letzten Klappsitz im ausverkauften Kino am Kapellenplatz. Gezeigt wurde „Der Schatz im Silbersee“, und der junge Joachim war fasziniert: „Mein erster Farbfilm, gezeigt auf Riesenleinwand, dazu die Musik: Es war wie eine Droge, davon wollte ich mehr.“

Joachim Giel beim Dreh der Einspieler mit Schauspielerin Jasmin Tabatabai.

Giels Hobby war fortan Kino, die Devotionaliensammlung zu Winnetou und seinen Brüdern in seinem Seligenstädter Haus umfasst heute Bücher, Mappen, Filme, Dias, Plakate und sogar das Original-Drehbuch vom „Schatz im Silbersee“. Das zweite Schlüsselerlebnis wurde Roman Polanskis „Tanz der Vampire“. Wie darin über Bilder und Licht Stimmungen und Gefühle beim Zuschauer erzeugt werden, habe ihn begeistert, sagt Joachim Giel. So reifte der Entschluss, Kameramann zu werden.

Er durchlief die klassische Ausbildung, die dort anfängt, wo der Film schon abgedreht ist: Praktikum in einer Film-Kopierwerkstatt in Wiesbaden, Erfahrungen in der Industriefilm-Produktion, Einsatz im Geräte-Filmverleih. Dort habe er Kontakt zu Kameramännern bekommen, die für eine öffentlich-rechtliche Anstalt arbeiteten, erzählt Giel. Er wurde selbst freier Mitarbeiter und sammelte als Kameraassistent Berufserfahrung im dokumentarischen Arbeiten wie auch in der aktuellen Berichterstattung. Lieferte Bilder von der Revolution in Iran, machte Fernsehspiele und kam ins Studio nach Caracas, als der Konflikt zwischen El Salvador und Nicaragua ausbrach. „Für mich war’s toll, es war alles Karl May!“ Als er Mitte der 80er Jahre vier Mal um die Welt geflogen sei, habe er sein Heimatstädtchen lieben gelernt, sagt Joachim Giel. „Seligenstadt hat für mich einen unheimlichen Erholungseffekt.“

Der Kameramann bei der Premiere mit Regisseur Dieter Wedel.

Im Jahr 2002 bekam er den Auftrag, für die Nibelungen-Festspiele in Worms Filmeinspieler zu drehen, die erstmals bei einer Inszenierung parallel zur Aufführung und als Teil der Handlung auf Großleinwänden projiziert werden sollten. „Alle Gerüchte vom ‚Diktator am Set‘ stellten sich als falsch heraus“, sagt er. „Hat Wedel sein festes Team im Rücken, fühlt er sich wohl.“ Seine Aufgabe sei es, Idee und Bildvorstellung des Regisseurs sichtbar zu machen. „Dabei muss vor allem der Bildausschnitt stimmen.“ Bei den Schauspielern beschäftige Wedel nur die Besten, meint Giel. In Bad Hersfeld hat sich mit Beginn seiner Intendanz die Promi-Dichte erhöht: Joachim Giel traf bei den Dreharbeiten von „Hexenjagd“ auf Stars wie Elisabeth Lanz, André Hennicke, Christian Nickel, Richy Müller, André Eisermann, Horst Janson, Motsi Mabuse und Jasmin Tabatabai.

Der Klassiker von Arthur Miller in überarbeiteter Version sei heute noch von „verstörender Aktualität“, werben die Veranstalter. Bis 31. Juli ist das Stück in Bad Hersfeld zu sehen.

Bilder der 66. Bad Hersfelder Festspiele

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