„Beitrag zur inneren Sicherheit“

Informationsabend zur Flüchtlingssituation in Klein-Welzheim

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Bürgermeister Dr. Bastian (rechts) und mehrere Referenten haben in Klein-Welzheim über die Flüchtlingssituation informiert.

Seligenstadt - Mehr Sorgen um die Flüchtlinge, als wegen der Aslybewerber, machen sich deren Nachbarn, Unterstützer und Beobachter in Klein-Welzheim. Diesen Eindruck nahmen rund 100 Besucher einer Informationsveranstaltung im Pfarrheim der katholischen Gemeinde St. Cyriakus am Dienstagabend mit. 

Kritik an rigorosen Abschiebepraktiken und Fragen nach persönlichen Einsatzmöglichkeiten in der Flüchtlingshilfe dominierten gegen Ende der knapp zweistündigen Veranstaltung die Diskussion. Stimmungsmache oder gar Hetze gegen Asylsuchende blieben gänzlich aus. „Wenn wir uns nicht um sie kümmern, dann tun es andere.“ Zustimmenden Applaus bekam Burkard Müller, Koordinator und Sprecher des Arbeitskreises (AK) Willkommen in Seligenstadt, als er die ehrenamtliche Arbeit von aktuell über 300 Helfern in der Stadt als Beitrag zur inneren Sicherheit beschrieb. Geflüchtete Menschen mit langfristiger Bleibeperspektive könne keine staatliche Stelle, sondern nur die Gesellschaft als Ganzes integrieren. Die deutsche Sprache lernen müsse jeder Flüchtling, ist Müller überzeugt: Auch ohne Chance auf Asyl oder Schutzstatus blieben viele jahrelang im Land. Wer sie ausgrenze, spiele Extremisten in die Hände. Gegen Radikalisierung in jeder Form schützt laut Müller vor allem die persönliche Begegnung. „Den Fremden bekannt zu machen“ sei im Arbeitskreis bewährte Strategie. Nach Worten von Bürgermeister Dr. Daniell Bastian hat sie in Seligenstadt bislang funktioniert: Zwar habe es, besonders auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms zu Jahresbeginn, auch Konflikte gegeben, räumte der Rathauschef ein. Insgesamt aber habe die Stadt mit tatkräftiger Unterstützung von Vereinen, kirchlichen Gruppen und zahlreichen aktiven Bürgern die Herausforderung gemeistert, ohne dass rechter Populismus nennenswert Boden gewonnen habe.

Burkard Müller wies auf das Ergebnis der Kommunalwahl im Frühjahr hin: Im Wahlbezirk rund um das „Rote Haus“, die Flüchtlingsunterkunft des Kreises Offenbach an der Einhardstraße, hätten rechte Gruppierungen den kreisweit niedrigsten Stimmenanteil verbucht.

Gegenüber den ersten Monaten des laufenden Jahres hat sich die Lage laut Bastian deutlich entspannt. Derzeit sind in Seligenstadt nach seinen Angaben 325 Asylbewerber untergebracht, davon 151 in Kreis-Unterkünften in der Kernstadt und Froschhausen. 147 Flüchtlinge beherberge die Stadt, 27 weitere seien in Privatwohnungen einquartiert. Die größte Gruppe stellen mit 41 Prozent afghanische Staatsbürger – Menschen also, die nach Bundesrecht keinen Anspruch auf staatliche Integrationskurse haben. Gerade für sie leiste der AK Willkommen mit seinem FLIDUM-Projekt („Flüchtlinge lernen integrativ Deutsch und mehr“) wertvolle Arbeit, betonte Bastian. Laut Burkard Müller laufen in den Räumen an der Kolpingstraße zurzeit 18 voll besetzte, von ehrenamtlichen Lehrkräften geleitete Kurse von Deutsch für Anfänger bis zur Berufsvorbereitung.

44 Menschen, wiederum vorwiegend Afghanen, warten aktuell in den beiden Klein-Welzheimer Unterkünften auf die Entscheidung über ihre Asylanträge. Elf sind an der Liebigstraße, 28 an der Walinusstraße untergebracht. Professionell betreut werden die 17 Männer, 15 Frauen und sieben Kinder von der Caritas. Insgesamt fünf Hauptamtliche kümmern sich laut Bereichsleitern Christa Gehrig um die mehr als 400 Flüchtlinge in Seligenstadt und Mainhausen – viel zu wenige, fanden mehrere Besucher. Unterstützt werden die Profis laut Gehrig indessen nicht nur von den Ehrenamtlichen aus dem Arbeitskreis, sondern auch von Asylbewerbern, die schon gut Deutsch können und unter anderem als Dolmetscher mitarbeiten. Einer von ihnen, Ahmed aus Syrien, stellte sich gemeinsam mit der Hauspatin in der Unterkunft Liebigstraße, Marlies Sieber, vor. Seit zwei Jahren in Seligenstadt, überbrückt er die deutsch-arabische Sprachbarriere vorwiegend bei Kursen im FLIDUM. Bei einem Seligenstädter Unternehmen hat er einen Ausbildungsplatz als Werkzeugmacher gefunden. Laut Sieber nehmen die Bewohner der Unterkunft Liebigstraße, auch eine 67-jährige Afghanin als älteste Bewohnerin, mit Eifer an den Deutschkursen teil.

Flüchtlingsunterkunft: Eindrücke aus der Schärttner-Halle

Ahmed konnte auf Besucherfragen auch erklären, warum so viele Flüchtlinge junge Männer sind: Die Flucht sei beschwerlich und voller Gefahren. Frauen, Kinder und Ältere seien dem kaum gewachsen. Auch Geld spiele eine Rolle: Er selbst habe mit seinem Bruder 24.000 Dollar für die Flucht nach Europa an Schlepper bezahlt – für ganze Familien keine Option. Eine große Herausforderung kommt aus Sicht von Bürgermeister Bastian mit der Wohnraumfrage auf Seligenstadt zu. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum sei schon jetzt, wie überall im Rhein-Main-Gebiet, deutlich zu spüren. 275 Seligenstädter, Flüchtlinge nicht mitgerechnet, stünden aktuell auf der Warteliste für eine Sozialwohnung. Mit Neubauten sei das Problem bestenfalls mittelfristig zu lösen.

Begonnen hatte der Informationsabend mit einem Appell von Pfarrer Stefan Selzer zu Verantwortung und Mitmenschlichkeit und einem Gebet. Heinz Seipel, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, hieß neben den Referenten unter anderem Erste Stadträtin Claudia Bicherl, als Ordnungsdezernentin für Flüchtlingsfragen zuständig, und mehrere Stadtverordnete willkommen. Störungen, im Vorfeld nach Hinweisen aus der rechten Szene in sozialen Medien befürchtet, blieben aus. Vereinzelte Beobachter mit einschlägigen Merkmalen zeigten sich zwar im Pfarrheim, blieben jedoch im Hintergrund. (rdk)

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