„Wer drin wohnt, der bleibt“

Lange Sozialwohnungs-Warteliste in Seligenstadt

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Die Seligenstädter Wohnungen in Sozialbindung liegen fast ausschließlich an der Berliner Straße.

Seligenstadt - Einen Bedarf von fast 1 800 neuen Wohnungen bis zum Jahr 2030 ermittelte der Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main in einer kürzlich veröffentlichten Studie für die Stadt Seligenstadt. Von Michael Hofmann

Eine echte Herausforderung, aber immerhin steht die Einhardstadt bei der Bauintensität unter den „Top Ten“ in der Region. Allein der soziale Wohnungsbau darbt - eine Lösung ist gerade dort weit und breit nicht in Sicht. Die Stadt Seligenstadt verfügt über einen Bestand von rund 200 Sozialwohnungen, die alle belegt sind. Die Chancen, kurzfristig an eine der Unterkünfte heranzukommen, sind verschwindend gering, räumt Erste Stadträtin Claudia Bicherl ein: „Wer drin wohnt, der bleibt - üblicherweise bis er stirbt.“ Auf der Warteliste stehen rund 250 Namen. Diese Situation herrscht nach Angaben des Amts für soziale Infrastruktur seit etwa fünf Jahren vor, mithin hat das zunächst einmal nichts mit den Flüchtlingen zu tun. Gleichwohl dürfte sich das Problem in den kommenden Jahren zuspitzen: Flüchtlinge sind demnach nicht schuld am Wohnungsmangel, aber sie verschärfen ihn - nach Abschluss ihres Asylverfahrens stehen wahrscheinlich viele von ihnen mit Bleiberecht, aber ohne Bleibe da. Das aktuelle Beispiel Rodgau, wo Flüchtlinge aus Mietwohnungen in Gemeinschaftsunterkünfte umquartiert werden sollen, um Wohnraum für „Bestandsbürger“ zu bekommen, zeigt, dass die Wohnungsknappheit bereits jetzt Berührungspunkte schafft.

Während in der Stadt Rodgau (600 Flüchtlinge) etwa 200 Personen auf der Warteliste stehen und auf eine Sozialwohnung hoffen, sieht sich die Stadt Seligenstadt ebenfalls mit entsprechenden Forderungen konfrontiert. Die Mitarbeiter im Amt für soziale Infrastruktur und die Erste Stadträtin sprechen in diesem Zusammenhang von „Riesenproblemen“ und „erheblichen Konflikten“ im Kontakt mit verzweifelten Menschen im Büro am Hasenpfad. Bicherl erinnert sich an Zeiten, als die Stadt noch den später berühmt-berüchtigten Danziger Block im Wohngebiet Niederfeld als Puffer einsetzen konnte. Auf fünf Stockwerken fanden damals mehrere Dutzend Personen Unterkunft. „Der Block war Gold wert, wir haben keinen adäquaten Ersatz bekommen.“ In den Jahren 2010/2011 riss ein Investor den inzwischen maroden, ehemals städtischen Wohnblock ab und errichtete auf dem 3200 Quadratmeter großen Areal ein Gebäude mit insgesamt 26 Wohneinheiten.

Fehlanzeige dagegen bei eventuellen Aktivitäten im sozialen Wohnungsbau. Nach einem aktuellen Magistratsbericht verfügt die Stadt Seligenstadt „nicht über ausreichend Grundstücke, die für eine Bebauung mit Geschosswohnungsbau geeignet wären.“ Hintergrund: Anfragen bei der Nassauischen Heimstätte und der Baugenossenschaft Steinheim ergaben, „dass sich Projekte für den sozialen Wohnungsbau erst ab 20 - besser 50 - Wohneinheiten rechnen.“ Ausweg: Mittelfristig wäre eventuell eine Umwandlung der beiden Gemeinbedarfsflächen im Froschhausener Baugebiet Backesfeld möglich. Die für den Bau einer Sporthalle vorgesehene Fläche am Zippenweg/An der Lache könne durch einen Bebauungsplan für Wohnbebauung ausgewiesen werden. Langfristig, so der Magistrat weiter, könnten erst geeignete Flächen ausgewiesen werden, wenn ein Bebauungsplan für ein neues Wohngebiet aufgestellt wird.

An dieser Stelle streiten sich die Politiker in der Stadtverordnetenversammlung. Während sich die Koalitionäre SPD/FDP/FWS für die Erschließung des 22-Hektar-Areals am Westring entschieden haben, setzt sich zuletzt die CDU für die Besiedlung des früheren Don-Bosco-Schulareals ein. Beiden gemein ist der Wunsch, auf der jeweiligen Fläche auch bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit geringen oder mittleren Einkommen sowie für junge Familien und Senioren zu schaffen. Ob das auch Sozialwohnungen, also öffentlich geförderter Wohnraum, sein könnte, ist unklar.

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Zwar fördert der Bund seit 2006 jährlich mit rund einer halben Milliarde Euro den sozialen Wohnungsbau. Dennoch wird die Zahl der Sozialwohnungen stetig kleiner, weil viele bezuschusste Wohnungen, die in den 1970er und 1980er Jahren gebaut wurden, jedes Jahr aus der Sozialbindung herausfallen und zu Marktpreisen vermietet werden können. Seligenstadt ist von der Fehlbelegungsabgabe, die nun wieder rückwirkend zum 1. Juli vorgeschrieben ist, ohnehin „verschont“, weil die Zahl der Wohnungen mit Sozialbindung zu gering ist.

Zur Wohnungsthematik gehört auch das Obdachlosen-Problem. In Seligenstadt betrifft dies derzeit einen Kreis von sechs bis acht Personen - keineswegs „Tippelbrüder“, wie Stadträtin Bicherl betont, „sondern Menschen, die schwere Schicksalsschläge erlitten haben.“ Auch in diesen Fällen diente zu früherer Zeit der Danziger Block als Unterkunft. Inzwischen gibt es Räumlichkeiten an der Frankfurter Straße. Einige der Obdachlosen sind - mangels Alternative - derzeit in Hotels untergebracht. Als Obdachlosenbehörde ist die Stadt, wie jede Kommune, (vorübergehend) dazu verpflichtet.

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