Freude am Lesen als Ziel

Merianschüler analysieren Offenbach-Post

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Medium Zeitung in der Merianschule: OP-Blattkritik bei den Lesern von morgen.

SELIGENSTADT - Wer nicht lesen und schreiben kann, kommt nicht weit im Leben. Die Lehrer der Merianschule wollen ihre Schüler daher an Lektüre heranzuführen. Was liegt da näher, als die Tageszeitung „Offenbach-Post“ zu analysieren? Von Sabine Müller 

Die Siebtklässler an der Haupt- und Realschule mit Förderstufe arbeiten derzeit 14 Tage lang mit dem Medium Zeitung. Alle drei Hauptschulklassen der Seligenstädter Merianschule arbeiten täglich mit der aktuellen Ausgabe der „Offenbach-Post“, jeder Schüler erhält ein eigenes Exemplar. Manche Schüler stecken die Nase tatsächlich zum ersten Mal zwischen Druckerschwärze, weiß Lehrerin Katja Jansen. Am Donnerstagvormittag unterrichtet sie Deutsch in der 7aH, außerdem gibt sie Ethik und Englisch, was man merkt, als sie schwungvoll einen Stapel Zeitungen verteilt: „Let me be your paperboy!“ An Tag drei des Zeitungsprojektes ist den 16 Schülerinnen und Schülern ein signifikanter Unterschied zum Buch klar: „Wir können kreuz und quer lesen und was uns gefällt.“ Wie unterschiedlich Interesse und Geschmack sind, wird nach 25 Minuten Zeitungslektüre im Stillen deutlich.

„Lesekompetenz ist wichtig für alle Fächer, und die Schüler genießen ihre Lesestunde“, berichtet Katja Jansen, „sei’s ein Jugendbuch oder die Zeitung.“ Im Alltag der 13- und 14-Jährigen ist regelmäßige Lektüre keine Selbstverständlichkeit. Genau das wünscht sich ihre Lehrerin aber. „Das Ziel ist, dass die Jugendlichen Freude am Lesen haben.“ Nachdem in den vergangenen Tagen der Zeitungskopf untersucht und das Bild des Tages bestimmt wurde, sei bereits die Neugier geweckt. Außerdem biete das Medium noch mehr: „Wir legen ein Archiv an, um etwas nachzuschlagen, gestalten Collagen aus Zeitungsseiten im Kunstunterricht und nutzen den Wirtschaftsteil im Fach Arbeitslehre.“

Dann heißt’s: „Die Titelseite auf den Tisch! Was ist euch aufgefallen, was habt ihr gelesen?“ Die Fotomotive zum Thema „Frost“ sind heute ein Blickfang, einer hat sich für den Text „Betrüger mit neuer Masche“ interessiert, als neues Element in der Donnerstagsausgabe wird die Rubrik „Kino“ mit aktuellen Filmstarts entdeckt.

Blick hinter die Kulissen der Offenbach-Post

Katja Jansen lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Bericht im unteren Seitendrittel. „Das ist wichtig für uns: Wir können jetzt auch von Seligenstadt bis Aschaffenburg mit dem Bus fahren.“ Dann fragt die Lehrerin Fachausdrücke des Journalismus ab: „Zeigt mir eine Schlagzeile, was ist eine Unterzeile, ein Aufmacher, welches ist der Seitenkopf?“ Dass ein Bild mit meist politischer Absicht „Karikatur“ genannt wird, der „Kommentar“ Chefredakteur Frank Pröses Meinung wiedergibt, ist den Schülern auch schon geläufig. Sport, Politik und Panorama kennen sie als immer wiederkehrende Ressorts, ebenso wie das Wetter und die Rätsel. „Bei den Todesanzeigen ist uns aufgefallen, dass sie manchmal neben Werbung stehen, das gefällt uns nicht so“, sagt Katja Jansen.

Mit den Leitbörsen im Wirtschaftsteil lassen sich Landesflaggen definieren. Auf Seite 4 (Politik) wird der Bildtext unter dem Titel „Bundeswehr baut Cyber-Truppe auf“ gelesen. Die Lehrerin erinnert an die Hausaufgabe: „Nachrichten schauen! Dort tauchte Frau von der Leyen ebenfalls auf.“

Der Sport wird zum hörbaren Bedauern einiger Schüler einigermaßen flott durchgeblättert, denn Katja Jansen möchte noch den Wiedererkennungseffekt der Lokalzeitung herausstreichen: Auf Seite 14 (Seligenstadt/Hainburg/Mainhausen) ist eine Gruppe Einhardschüler vor dem Seligenstädter Weltladen abgelichtet. „Dieses Foto werden die stolzen Eltern bestimmt ausschneiden.“ Gespannt ist die Merianschul-Lehrerin schließlich noch auf „euer heutiges Bild des Tages“. Für die einen ist dies ein BMW, der in Jügesheim in Flammen stand, für die anderen der Elefant in Großformat auf der Themenseite „Zoo“.

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