Müllskandal rund um Piedimonte, Bürgermeister im Gefängnis

Eine Region in Schockstarre

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Blick zurück auf unbeschwerte Zeiten: Vincenzo Cappello (vorn, rechts) im September 2010 zusammen mit Stadträtin Bicherl bei der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde; hinten: Landtagsvize Frank Lortz und Kreisbeigeordneter Carsten Müller.

Piedimonte Matese/Seligenstadt - In Schockstarre verharrt die Provinz Caserta rund um die Seligenstädter Partnerstadt Piedimonte Matese nach einem Polit-Skandal sondergleichen: Im Zusammenhang mit Ungereimtheiten bei der Vergabe der Müllentsorgung sind auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft seit über einer Wochen 20 Personen in Haft, unter ihnen auch Piedimonte-Bürgermeister Dr. Vincenzo Cappello. Und das wenige Tage vor dem Partnerschaftsjubiläum. Von Michael Hofmann

Das fünfjährige Bestehen der Partnerschaft wollte eine Seligenstädter Delegation um Bürgermeister Dr. Daniell Bastian und den Europäischen Freundeskreis (EFS) Ende September zusammen mit den italienischen Freunden in Piedimonte Matese feiern, doch die Hiobsbotschaft aus der Region Campanien stellt alles auf den Kopf. „Ein politisches Erdbeben“ überschrieben die italienischen Zeitungen die Ereignisse rund um angebliche Unregelmäßigkeiten/Bevorzugungen bei der Vergabe der Müllentsorgung an die eigens zu diesem Zweck gegründete Firma Termotetti und das für deutsche Verhältnisse wenig zimperliche Vorgehen der Staatsanwaltschaft (Guardia di Finanza), die am 13. September vorsorglich gleich 20 Personen in Haft nahm. Darunter den Presidente della Provincia (Landrat), Piedimonte-Bürgermeister Dr. Vincenzo Cappello, zwei seiner technischen Angestellten, die Termotetti-Geschäftsleitung sowie weitere Vertreter umliegender Kommunen. Die Personen werden noch immer festgehalten, hinzu kommt eine Reihe von Hausarresten sowie die Ankündigung weiterer Untersuchungen.

Marcus Bayer vom EFS, Mentor der Partnerschaft mit den Italienern, hat inzwischen mit zahlreichen Freunden und Bekannten in Piedimonte telefoniert und sich auch über dortige Zeitungsartikel informiert: „Die Ereignisse treffen das gesamte gesellschaftliche Leben in der Stadt. Professor Michele Malatesta (einer der Väter der Partnerschaft) sagte – in Anspielung an die Erdbeben der vergangenen Wochen - es hande es sich bei diesen Vorgängen um eine Art richterliche Erdbeben.“ Die Auswirkungen seien weithin spürbar, etwa sei nach der Verhaftung des Presidente della Provincia auch von Schulschließungen die Rede. Gleichwohl führt nun inzwischen Präfekt kommissarisch die Geschäfte.

Drastisches Vorgehen der Strafverfolgungsbehörde

Das sehr drastische Vorgehen der Strafverfolgungsbehörde sorgt auch vor Ort teilweise für Befremden. In Zeitungen, das hat Marcus Bayer herausgefunden, ist bezeichnenderweise von „Assopigliatutto“ die Rede – ein Kartenspiel, bei dem das Ass (Staatsanwaltschaft) alles übertrumpft. In der Konsequenz gab es auf Seiten der Kommunen eine Reihe von bemerkenswerten Reaktionen: Aus Solidarität mit den Inhaftierten traten am vergangenen Freitag neben dem auch in Seligenstadt bekannten Präsidenten der Bergregion Matese, Dr. Fabrizio Pepe, auch der Magistrat in Piedimonte sowie das dortige Parlament zurück.

Inzwischen steht fest, dass im Frühjahr 2017 Neuwahlen von Stadtparlament, Magistrat und Bürgermeister in der Partnerstadt stattfinden. Vincenzo Cappello ist seit dem Jahr 2007 im Amt; vielen Seligenstädtern ist der italienische Rathauschef gut in Erinnerung, hat er doch im September 2010 im Rathaus zusammen mit weiteren Vertretern aus beiden Städten die Verschwisterungsurkunde unterschrieben.

Die etwa 20-köpfige Seligenstädter Delegation will nach Angaben von Marcus Bayer ihre Reise „nun erst recht nicht absagen. Wir wollen so unsere Solidarität und Freundschaft bekunden – denn das gilt natürlich auch abseits des politischen Geschehens.“ Allerdings hat sich das Programm maßgeblich verändert. Es wird keinen offiziellen Empfang und keine großen Feste geben. „Wir hoffen nun mit unseren italienischen Freuden auf eine schnelle Aufklärung des Falls. Natürlich müssen die Angeklagten Rechenschaft ablegen, aber sie haben viel Rückhalt in der Bevölkerung, und vielleicht können sie ja auch ihre Unschuld beweisen“, so Marcus Bayer.

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