Interview mit Andreas Englisch

Papst als Reformer und Revolutionär

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Andreas Englisch signiert im Riesen sein Buch über Papst Franziskus („Der Kämpfer im Vatikan“). Die Lesung in Seligenstadt war schon im Vorfeld ausverkauft.

Seligenstadt -  Andreas Englisch (52) ist als Vatikan-Insider nicht nur gefragter Talkshow-Gast, sondern nach fast 30 Jahren in Rom auch einer der dienstältesten Korrespondenten beim Heiligen Stuhl.

Seit 1987 Papst-Beobachter für den Springer-Verlag, leitet er seit 1992 dessen Auslandsbüro in Rom, wo er mit seiner Familie auch lebt. Am Samstagabend las er vor ausverkauftem Saal im Seligenstädter Riesen aus seinem Buch über Papst Franziskus. Im Interview spricht er über Märtyrer, Schisma und Revolution.

Herr Englisch, vor zehn Jahren waren sie schon einmal in Seligenstadt. An was erinnern Sie sich?

An einen großen Saal. Ich musste irgendwas trinken (den Begrüßungstrunk aus dem Geleitslöffel, Anm. d. Red.). Es sind gute Erinnerungen an eine schöne kleine Stadt.

Mit Rom verbinden Seligenstadt vor allem die Schutzheiligen Marcellinus und Petrus. Sind Sie ihnen im Vatikan schon begegnet?

Oh ja, das sind ganz wichtige Heilige.

Mehr noch als die Märtyrer bewegt auch die Seligenstädter aktuell der Papst. Ihr Buch über Franziskus, den Kämpfer im Vatikan, erschien im September 2015. Stimmt noch alles, was Sie geschrieben haben?

Die Dinge haben sich weiter entwickelt. Franziskus wirkt etwas abgekämpfter. Das ist auch kein Wunder.

Was beansprucht ihn aktuell?

Das Frauen-Diakonat. Aus Sicht der Konservativen hat der Papst den Weg dafür frei gemacht, dass Frauen Priester werden können, und das passt ganz vielen nicht. Die anglikanische Kirche ist auseinander gebrochen, als sie anfingen, Frauen zu Bischöfen machen.

Haben die Konservativen mit ihren Befürchtungen Recht?

Die Frauenpriesterschaft ist unbedingt nötig. Ich bin auf jeden Fall dafür. Aber wenn ein Papst ein so konsequenter Reformer ist wie dieser, dann wächst die Gefahr eines Schismas, einer Kirchenspaltung. Das sagt der Chef der Glaubenskongregation, es ist nicht auf meinem Mist gewachsen.

Sie sagen Reformer. Ist Papst Franziskus auch Revolutionär?

Ohne jeden Zweifel. Er nennt sich selber so. Es ist die einzige europäische Revolution von oben. Da begehrt nicht das Volk gegen einen Souverän auf, diesmal ist es umgekehrt: Der Papst hat keinen Bock mehr, ein Herrscher zu sein, und stellt sich gegen die unbewegliche Kurie. Sowas gab es noch nie.

War die Revolution von oben nicht die Erfindung Bismarcks?

Das ist nicht vergleichbar. Diesmal geht es um die älteste Organisation der Welt, die letzte absolutistische Wahlmonarchie - bisher nicht reformierbar, alle Versuche sind gescheitert. Dieser Papst sagt nun, dass es so nicht weiter geht.

Wird er ebenfalls scheitern?

Nein. Bisher hat er alles durchgezogen. Als einziger.

(rdk)

Bilder aus dem Leben von Papst Franziskus

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