Bürgermeister „möchte eigene Schwerpunkte setzen“

Dr. Bastian im Interview: Konflikte nicht herbeireden

Rathauschef Dr. Daniell Bastian: Vertrauensvolle und sachorientierte Politik.

Seligenstadt - Offensichtlich gut im Rathaus eingelebt hat sich Seligenstadts neuer Bürgermeister Dr. Daniell Bastian (FDP) nach etwa vier Monaten.

Im obligatorischen Interview nach Ablauf der Einarbeitungsphase erzählt der Rathauschef im Gespräch mit der OFFENBACH-POST von Eindrücken, ersten Plänen und den drängendsten Problemen.

Wie schwer ist das Bürgermeister-Erbe von Dagmar B. Nonn-Adams?

Ich habe kein schweres Erbe übernommen, sondern eine Aufgabe, die herausfordernd ist, mir aber zugleich jeden Tag große Freude bereitet. Ich arbeite sehr gerne für und in unserer Stadt.

Was bleibt erhalten, was muss weichen?

Erhalten bleibt mit Sicherheit das sehr breit angelegte und hochwertige Wirken meiner Amtsvorgängerin im kulturellen Bereich, das sehr zur Steigerung der Bekanntheit unserer Stadt beigetragen hat. Im Übrigen möchte ich gerne eigene Schwerpunkte setzen. Diese sehe ich in den Bereichen Kinder- und Familienfreundlichkeit, solide städtische Finanzen, Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung.

Welche erste Rathaus-Entscheidung trägt Ihre Unterschrift?

Ich meine, das war die Entscheidung, die Gemeindewahlleitung für die Kommunalwahl nicht selbst zu übernehmen sondern auf Verwaltungsmitarbeiter zu übertragen.

Welchen Eindruck haben Sie von Ihren Mitarbeitern, resp. wie „üppig“ ist denn nun der Personalstand, den ja auch ihre Fraktion stets kritisch hinterfragt hatte.

Zunächst einmal kann ich feststellen, dass wir eine sehr große Zahl von gut ausgebildeten und engagierten Mitarbeitern haben. Aber natürlich gibt es - wie in jedem anderen Betrieb - auch Defizite, an denen wir gemeinsam arbeiten. Was die Personalausstattung angeht, so sind wir mit rund 230 Mitarbeitern inklusive den Stadtwerken sicherlich keine ganz kleine Verwaltung mehr. Die Personalausweitungen der letzten Jahre haben jedoch fast ausschließlich im Bereich Bildung und Betreuung stattgefunden, um der gestiegenen Nachfrage von Eltern nachzukommen. In der Kernverwaltung ist die Personaldecke bei gleichzeitig gestiegenen Anforderungen eher dünner geworden. Trotzdem ist es richtig, den Personalbedarf immer wieder kritisch zu hinterfragen. Gerade wenn die städtischen Haushalte - wie bei uns in den letzten Jahren - Defizite ausweisen.

Wie erlebten Sie Ihre erste Bürgermeisterdienstversammlung?

Sehr kurz und knapp. Es war eine Sondersitzung zum Thema Breitbandausbau, bei der es lediglich um das weitere Verfahren ging. Wir waren uns schnell einig und nach ca. 30 Minuten auch schon fertig. Die erste reguläre Sitzung Ende April war da schon deutlich ergiebiger und bot auch die Gelegenheit, die Kolleginnen und Kollegen persönlich besser kennenzulernen.

Wie klappt das mit der Vereinbarung von Job und Familie sowie dem so propagierten kollegiale Führungsstil?

Beides erstaunlich gut. Die eingesparte Fahrzeit nach Wiesbaden (zu meinem alten Arbeitsplatz) sowie die Möglichkeit, auch einmal gemeinsam mit der Familie Mittag essen zu können, stellen einen guten Ausgleich für lange Abende und Termine am Wochenende dar. Die Zusammenarbeit mit Claudia Bicherl ist sehr konstruktiv. Gerade bei schwierigen Themen stimmen wir uns eng ab. Das wird auch völlig unabhängig von einer neuen Mehrheit im Stadtparlament so bleiben.

Bleibt es bei der Dezernatsverteilung zwischen Ihnen und Erster Stadträtin Claudia Bicherl?

Ich plane eine moderate Veränderung zum 1. Juni diesen Jahres, die ich gerade mit der Ersten Stadträtin und den beteiligten Amtsleitern abstimme. Sie wird der Verbesserung der Arbeitsabläufe, aber auch meiner oben genannten Schwerpunktsetzung dienen.

Apropos Erste Stadträtin. Böse Zungen kolportieren, dass sich im Koalitionspapier von SPD/FDP und FWS eine Zusatzklausel mit der Personalie Bicherl und ihrem vorzeitigen Ausscheiden beschäftigt. Kein guter Stil, oder?

Da wissen die „bösen Zungen“ mal wieder mehr als alle anderen. Claudia Bicherl und ich sind noch eine ganze Weile gewählt. Ich schlage vor, man lässt uns einfach mal unsere Arbeit machen und hört auf, künstlich Konflikte herbeizureden.

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Die derzeit drängendsten Probleme?

Stetige Deckung des Betreuungsbedarfs für unsere Kinder im Krippen-, Kindergarten- und Grundschulbereich, solide städtische Finanzen und angemessene Unterbringung der uns zugewiesenen Flüchtlinge. Alle drei Themen sehe ich jedoch nicht als Probleme sondern als Herausforderungen, die wir gut bewältigen werden.

Da die Dreier-Koalition SDP/FDP/FWS sich gefunden hat und Sie als Bürgermeister in die Beratungen eingebunden waren, stehen wir wohl vor einer Vierer-Wand, deren Allmacht kaum zu erschüttern sein dürfte. Haben die Wähler das wirklich so gewollt?

Ich glaube, dass die Seligenstädter nach Jahren des politischen Hickhacks vor allem stabile Verhältnisse gewollt haben. Vertrauensvolle und sachorientierte Politik ist mit unsicheren Mehrheiten nun einmal nicht zu machen. Und wenn der Bürgermeister oder die Verwaltung vor jeder wichtigen Abstimmung im Parlament zittern müssen, ob sich eine Mehrheit findet, mag das für Außenstehende ja spannend sein. Gut für die Stadt ist es sicher nicht.

Wann führen Sie erstmals die Bürgermeisteramtskette aus?

Das könnte noch ein wenig dauern. In den kommenden Wochen stehen keine formellen Termine oder Empfänge der Stadt an, die das Tragen der Kette rechtfertigen würden.  

mho

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