Förderung für schmales Salär

Tagesmütter-Netzwerk braucht dringend mehr Betreuungspersonal

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Andrea Wilhelm ist Tagesmutter aus Überzeugung. Unser Foto zeigt sie zusammen mit den Kindern Sophia, Marlon und Moritz.

Seligenstadt - Die Stadt Seligenstadt sucht weitere Tagesmütter und -väter. Der Bedarf sei weit größer als das derzeitige Angebot, sagt Netzwerk-Betreuerin Siglinde Schwab. Das mangelnde Interesse ist auch den Arbeitsbedingungen geschuldet. Von Sabine Müller

Dennoch ist die Froschhäuserin Andrea Wilhelm seit vielen Jahren begeisterte Ersatz-Mama. Der Bedarfsplan für Kindertageseinrichtungen der Stadt Seligenstadt weist für die Jahre 2017/18 im U-3-Bereich 50 Plätze in der Kindertagespflege aus. Um diese Zahl zu erreichen, muss die Stadt jedoch kräftig die Werbetrommel rühren. „Täglich erreichen mich Anrufe verzweifelter Eltern, die eine Tagesmutter für ihr Kind suchen“, berichtet Siglinde Schwab. Zu den Arbeitsbereichen der Seligenstädter Frauenbeauftragten gehört auch die Vermittlung, Beratung und Qualifizierung von Personal für diese Art der Kinderbetreuung im kleinen, privaten Rahmen. Doch während der Diplom-Pädagogin im Jahr 2001, als das Netzwerk seine Arbeit aufnahm, noch 35 Ersatz-Mamas zur Verfügung standen, kann sie derzeit auf nur noch zehn bis 15 zurückgreifen; Tagesväter gab es in Seligenstadt noch nie.

Mit Andrea Wilhelm arbeitet Siglinde Schwab schon viele Jahre vertrauensvoll zusammen. Die 51-jährige gelernte Friseurin kam vor 20 Jahren nach Froschhausen. „Wir hatten zwei Kinder im Alter von eineinhalb und drei Jahren und wollten bauen“, berichtet sie. Um etwas dazuzuverdienen, meldete sie sich 1998 auf eine Zeitungsanzeige, in der eine Tagesmutter gesucht wurde. „Aus dieser Nummer bin ich nie mehr rausgekommen“, schmunzelt Andrea Wilhelm. Und die Beschäftigung mit den Kleinen macht ihr nach wie vor viel Freude: „Ich kann’s jeder Mutter nur empfehlen, die von zu Hause aus arbeiten will und kleine Kinder hat.“ Sei der eigene Nachwuchs schon aus dem Gröbsten raus, falle es oft schwerer, wieder Windeln zu wechseln.

Wickeln, verpflegen, Zuwendung, vor allem aber die Förderung durch Spiel und Bewegung – Maßgabe ist der Hessische Bildungs- und –Erziehungsplan – gehören zum Tagesgeschäft von Andrea Wilhelm. Momentan betreut sie zuhause fünf Kinder zwischen eineinhalb und drei Jahren aus Seligenstadt und Obertshausen; maximal fünf dürfen gleichzeitig anwesend sein, inklusive eigener Kinder unter acht Jahren. Das Erste wird morgens um 7.30 Uhr gebracht, das Letzte um 16.30 Uhr abgeholt; freitags arbeitet Andrea Wilhelm nur bis 14.30 Uhr. Durch ihre flexible Zeiteinteilung können Tageseltern auf die individuellen Bedürfnisse von Familien und Alleinerziehenden gut reagieren. „Vielen ist eine Krippe zu groß oder sie arbeiten nur zwei oder drei Tage die Woche, müssten dort aber die gesamte Woche bezahlen“, erläutert die Froschhäuserin. Die Dreijährige unter ihren Zöglingen warte auf einen Kindergartenplatz, der erst im Herbst frei wird. Die Haltung der Eltern habe sich verändert: „Sie wollen heute, dass ihr Kind zusammen mit anderen aufwächst und legen mehr Wert auf eine gesunde Ernährung.“

Klagen auf den Kita-Platz - aber wie?

Seit Januar 2015 beträgt der monatliche Betreuungskostenbeitrag der Eltern kreisweit 201 Euro (20 bis 30 Wochenstunden). Eine jährliche Steigerung auf 221 Euro (ab 1.8.2019) ist vorgesehen. Dazu addieren sich derzeit monatliche Verpflegungskosten von maximal 70 Euro. Die Bezahlung der Tagesmutter ist nicht üppig: Sie erhält 4,95 Euro pro Kind und Stunde für ihre sozialversicherungs- und steuerpflichtige Beschäftigung. Jährlich stehen ihr bis zu 30 Urlaubstage zu. „Als die Betreuungssatzung von Tagespflegekindern 2014 geändert wurde, ging ein Aufschrei des Protests durch die Reihen“, erinnert sich die Frauenbeauftragte, „eine Tagesmutter hörte direkt auf.“ Bis dahin hatten die Eltern privat den Stundensatz der Tageseltern um einen bis zwei Euro aufgestockt. Damit alle Eltern den gleichen Zugang zu allen Betreuungsmöglichkeiten haben, darf diese Zuzahlung nicht mehr verlangt werden. Landesmittel aus dem Bambini-Programm, die sich dazu addiert hatten, behält jetzt der Kreis ein. „Der Vorteil: Das Geld fließt in jedem Fall“, sagt Schwab.

Kinder sicheren Umgang mit Feuer üben lassen

Tagesmutter Andrea Wilhelm kennt weitere Licht- und Schattenseiten ihres Berufsbildes, das noch immer von manchem belächelt werde. Nachdem die pädagogische Fachberatung des Kreises die Eignung der Kindertagespflege-Person bestätigt hat, absolviert diese die kostenfreie Grundqualifikation bei der Kreis-Vhs. Es gibt regelmäßige, themenbezogene Arbeitskreistreffen, Erste-Hilfe-Kurse, Fort- und Weiterbildungen sowie Stressbewältigungskurse. „Wir haben jetzt auch Ansprechpartner zur Unterstützung“, freut sich Andrea Wilhelm mit Verweis auf Siglinde Schwab. Diese macht Hausbesuche, Fallbesprechungen und lädt vierteljährlich zum Austausch ins Tagesmütter-Café ein. Viel Zeit nimmt die Bürokratie in Anspruch.

Dokumente und Verträge füllen bei Andrea Wilhelm mittlerweile mehrere Ordner – eine Arbeit, die sie nur nach der Kinderbetreuung erledigen kann. Manchmal ärgere sie sich auch über die „etwas eingeschränkte Handlungsfähigkeit: Der Kreis sagt, ihr seid selbstständig, hat aber ganz gern den Daumen drauf.“ Der nächste Qualifizierungskurs beginnt am 3. Juni, drei interessierte Frauen haben sich bisher bei Siglinde Schwab gemeldet. Kontakt unter der Telefonnummer 06182/87140 oder per E-Mail: frauenbeauftragte@seligenstadt.de.

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