Seligenstadts Abt Colchon zwischen allen Stühlen:

Die unhaltbaren Zustände im Frauenkloster Schmerlenbach

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Schwere Verfehlungen im Frauenkloster Schmerlenbach beschäftigten den in Seligenstadt wirkenden Abt Leonhard Colchon zur Zeit des 30-jährigen Krieges.

Seligenstadt - Man schrieb das Jahr 1638, der Dreißigjährige Krieg ging in sein letztes, schlimmstes Jahrzehnt. Seligenstadts Abt Leonhard Colchon hatte sein Kloster seit 1625 durch die Fährnisse der Zeit gebracht, als er im September 1638 Post aus Mainz erhielt. Von Dr. Manfred Schopp 

Er solle das Frauenkloster Schmerlenbach bei Aschaffenburg visitieren und sich über die dort herrschenden Zustände kundig machen. Gerüchte über schwere Verfehlungen der Nonnen waren bis nach Mainz gedrungen. Colchon war alarmiert; denn das Kloster Schmerlenbach unterstand ihm als „Visitator ordinarius“ (ordentlicher Aufseher). Wie jedes Frauenkloster bedurfte auch Schmerlenbach eines Geistlichen (eines Pater Spiritualis), der den Gottesdienst feierte, die Kommunion spendete und die Beichte hörte. In Schmerlenbach war es um all das schlecht bestellt; denn Äbtissin Katharina Schall hatte es verstanden, unter Hinweis auf die Armut ihres Klosters die Anstellung eines solchen Geistlichen zu hintertreiben. Sie hatte auch alle anderen Klosterämter nicht besetzt, damit sie ihren Konvent wie eine absolute Monarchin beherrschen konnte. Sie betrat und verließ ihr Kloster nach Belieben, man traf sie öfter in Aschaffenburg und anderswo als in ihrer Abtei, von klösterlicher Klausur konnte keine Rede mehr sein. Der vielbeschäftigte Colchon bekam davon lange nichts mit (...)

Am 5. Oktober machte sich Abt Colchon mit Pater Joseph Huff, damals Seligenstädter Pfarrer, und zwei weiteren Visitatoren auf nach Schmerlenbach. Der Äbtissin schwante, dass eine Visitation für sie nichts Gutes bedeuten konnte. Mit fadenscheinigen Ausflüchten hatte sie diese zu verhindern gesucht. Die meisten Nonnen seien auf den Tod erkrankt, das ganze Kloster sei ein einziges, gefahrbringendes Siechenhaus. Kurzum: Die Herren kämen zur Unzeit. Colchon tat diese Einwände, wie seinem Visitationsprotokoll zu entnehmen ist, als unverschämtes Weibergeschwätz ab und betrat mit seinen Begleitern die Kirche. Und siehe da, von den zwölf Klosterschwestern waren sieben kerngesund, die anderen fünf auf dem Wege der Besserung, so dass der Visitation nichts mehr im Wege stand. Sie offenbarte Schlimmes.

Nicht nur, dass die Schwestern von Ostern bis zum Zeitpunkt der Visitation nur zweimal an einem Gottesdienst teilgenommen, kommuniziert und eine Predigt gehört hatten, das ganze Klosterleben war in Unordnung geraten. Das hatte unter anderem auch dazu geführt, dass zwei Schwestern mit Männern verkehrt hatten und Mütter geworden waren. (...) Nachdem die Visitatoren eine heftige Ermahnung, dann aber doch die Generalabsolution ausgesprochen hatten, gelobte die Äbtissin kniefällig Besserung und glaubte, die Visitation glimpflich überstanden zu haben.

Äbtissin Schall wurde abgesetzt

Erzbischof Anselm Casimir sah das aber anders: Die Äbtissin Schall wurde abgesetzt und ein Pater Spiritualis sollte endlich als Wächter der Sittlichkeit und des religiösen Lebens installiert werden. Abt Colchon bestimmte für diese Aufgabe seinen Pater Johannes Lemmel, der noch 1638 als ‚Confessarius’ (Beichtvater) seinen Dienst in Schmerlenbach aufnahm. Die Nachfolge der Äbtissin Schall trat Eva Franziska Reigersberger an, die Schwester des kurmainzischen Erzkanzlers Nikolaus Georg von Reigersberger. Sie war Witwe, Mutter dreier Töchter, und wurde dem Konvent gegen seinen erklärten Willen vom Erzbischof aufgenötigt. Aber diese Personalentscheidung erwies sich rasch als schwerer Missgriff. Die Reigersbergerin errichtete ein Schreckensregiment, wenn man den Beschwerden der Nonnen Glauben schenkt. Wegen kleinster Fehler oder Nachlässigkeiten verhängte sie die drakonischsten Strafen, nämlich tagelangen Essensentzug oder „kräftige Rutenschläge“.

(...) Am frühen Sonntag, dem 20. August 1645, schlichen sich zwei Nonnen nach Mitternacht aus dem Kloster und beschwerten sich beim erzbischöflichen Kommissar Ägidius de Brabant in Aschaffenburg. Was war geschehen?

Am Vorabend hatte die Äbtissin geäußert, morgen wolle sie kommunizieren und da könne der Pater Lemmel beim Auspeitschen „ein pahr nackente Nonnen sehen“. Wieder einmal sollte nämlich ‚die Disziplin gegeben’ werden. Die Nonnen entschlossen sich daraufhin, das Kloster zu verlassen. Abt Colchon und Pater Lemmel mussten aktiv werden. Colchon schickte seinen Prior Leonhard Walz zweimal nach Schmerlenbach, um die rabiate Äbtissin zur Mäßigung anzuhalten, aber vergeblich. Sie sperrte die klagenden Nonnen weg und ließ verlauten, Colchon habe in ihrem Kloster gar nichts zu bestellen. So blieb alles beim Alten, und es vergingen weitere sechs schlimme Jahre, bis der Konvent erneut aufbegehrte.

Am 21. Juli 1651 erschienen drei Klosterfrauen beim nunmehrigen Kommissar und Stiftsdekan Dr. Nikolaus Schott in Aschaffenburg, um ihm ihr Herz auszuschütten. Was sie ihm berichteten, war haarsträubend. Die Intervention Colchons und auch Pater Lemmels Vorhaltungen hätten bei der Äbtissin nicht nur nichts gefruchtet, ihr Gebaren sei nur noch gnadenloser geworden. Dr. Schott nahm nun die Sache selbst in die Hand. Er wollte dabei auch seinem Intimfeind Colchon in die Parade fahren. Mit ihm hatte er schon mehrfach in unangenehmer Weise zu tun gehabt, und jedes Mal ging es darum, dass Colchon nach Meinung des Kommissars arroganterweise sich Rechte anmaßte, die ihm nicht zustanden.

Klagen der drei Klosterschwestern

Die Klagen der drei Klosterschwestern brachten an den Tag, dass auch Pater Lemmel an der Zuspitzung der Lage nicht unschuldig war. Das passte nur zu gut zu dem Bild, das sich Dr. Schott von Colchon, Lemmel und der Äbtissin gemacht hatte. Die Klöster Seligenstadt und Schmerlenbach gehörten beide der Bursfelder Union an, Colchon war seit 1642 deren Präsident. Sollte da eine Krähe der anderen ein Auge aushacken? Die Bursfelder Union wirkte auf Schott wie ein rotes Tuch. In seiner Welt gab es nur ein Oben, wo befohlen, und ein Unten, wo gehorcht wurde. Jede Selbstorganisation von Körperschaften jedwelcher Art, wie es auch die Bursfelder Union war, störte nur die klare hierarchische Ordnung und gehörte ausgemerzt.

Für den Kommissar Dr. Schott war es klar: Abt Colchon sei als Visitator des Klosters Schmerlenbach gänzlich ungeeignet, die Kompetenz in diesem Fall liege beim Kommissariat Aschaffenburg, also bei ihm. Nun ging es Schlag auf Schlag! Am 24. Juli 1651 begann die Verhandlung, die bis zum 6. September dauerte. Danach schloss Dr. Schott seine Untersuchung ab. Sein achter Bericht an den Erzbischof Johann Philipp bewertete alle Zeugenaussagen und kam zu einem für die Reigersbergerin vernichtenden Urteil.

Aus der Fülle der oft hanebüchenen Vorfälle in Schmerlenbach sei hier nur ein einziger herausgegriffen, nämlich die Begebenheiten, die seinerzeit der (oben erwähnten) Flucht der zwei Nonnen am 20. August 1645, dem Sonntag nach Mariä Himmelfahrt, vorausgegangen waren.

Schwester Franziska hatte einen Topf mit Milch entdeckt, ihn versteckt und heimlich zusammen mit Schwester Scholastica von der Milch getrunken. Die Priorin entdeckte sie und meldete es der Äbtissin. Was nun folgte, liest sich bei Dr. Schott so: „Uff Assumptionis Mariae (Mariä Himmelfahrt, 15. August) habe die Dna (Domina = Äbtissin) ihnen beeden nit ein bißlein brodt zu essen geben, den gantzen Tag darneben außziehen lassen biß uff die brust im Chor under der Meß und horis (Stundengebete) ein haffen mit milch, so mit Wachholderstrauch seyen angebunden gewesen, uff den Rückh gehenckt und also stehen müssen von Assumptionis (15.8.) an biß uff Sambstag (19.8.), und da sie sie abermahls umb gnadt gebetten, habe sie keine Antwortt gegeben.“

Bilder: DSDS im Kloster Eberbach

Die Äbtissin stellte den Vorfall völlig anders dar. Die beiden Schwestern hätten auf das von Pater Lemmel angestellte gütliche Verhör den Diebstahl mit unerhörter Frechheit geleugnet und seien bereit gewesen, mit einem Eid, Beichte und Kommunion zu beschwören, dass ihnen Unrecht widerfahre. Erst als ihnen der Milchtopf vorgezeigt wurde, hätten sie unter Erröten gestanden. Daraufhin seien sie der Regel gemäß von Gottesdienst und Tischgemeinschaft ausgeschlossen worden (...)

Doch der Kommissar entschied sich für die Deutung Menschenschinderei, und so kam es schließlich zur Absetzung der Eva Franziska Reigersberger und zur Wahl einer neuen Äbtissin. Der Kommissar Dr. Schott hatte sich also, was die Reigersbergerin betraf, durchgesetzt, aber sein weiteres Ziel, der Bursfelder Union und besonders ihrem Präsidenten Colchon oder dem Pater Lemmel den Makel schuldhaften Versagens anzuhängen, erreichte er nicht. Der gescholtene Lemmel blieb auf seinem Schmerlenbacher Posten, auch für Abt Colchon gab es keine nachteiligen Folgen. Er hatte nach Meinung der Mainzer Behörde das ihm Mögliche getan, wenn er auch im Streit mit Dr. Schott einige Blessuren davontrug.

Näheres zum Thema ‚Colchon, Lemmel und das Kloster Schmerlenbach’ ist im neuen „Aschaffenburger Jahrbuch 2016“, das Mitte Mai erscheint, unter dem Titel ‚Die Nonnen von Schmerlenbach. Der Visitationsbericht von 1638 und seine Folgen’ zu lesen.

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