Verein „pro interplast“ hilft in Indien

„Von unschätzbarem Wert“

+
Einmal im Jahr ist Dr. Tobias Vogt zu Gast bei Reinhilde Stadtmüller. Links Dr. Elisabeth Sous-Braun (Vorstand German Doctors).

Seligenstadt - Seit Jahren unterstützt der Verein „pro interplast“ den Arzt Dr. Tobias Vogt bei seiner Arbeit in Indien. Regelmäßig beschreibt der Mediziner in seinen Briefen das Elend der kranken Menschen, einmal pro Jahr ist er zu Gast in Seligenstadt. Von Oliver Signus

Im Garten von Reinhilde Stadtmüller gab es Gelegenheit, ihn zu treffen. Es ist der letzte heiße Spätsommertag. 36 Grad zeigt die Anzeige an einer Säule vor dem Haus von Reinhilde Stadtmüller in Klein-Welzheim. Es weht ein leichter Wind, der die Hitze einigermaßen erträglich macht. Im Garten wartet Dr. Tobias Vogt, der ein ganz anderes Klima gewohnt ist. Der 47-Jährige lebt seit 15 Jahren in der indischen Millionen-Metropole Kalkutta. Sein Arbeitgeber ist der Verein „German Doctors“, doch dass er dort seit nunmehr eineinhalb Jahrzehnten erfolgreich wirken kann, verdankt er dem Verein „pro interplast“, dessen Vorsitzende seine Gastgeberin Reinhilde Stadtmüller ist. „Ich bin dem Verein so dankbar, ohne ihn wäre ein Arbeiten dort nicht möglich“, betont Vogt mehrfach.

Angefangen hatte für den gebürtigen Düsseldorfer alles mit einem Kurzeinsatz über den Verein „German Doctors“. Seinen Jahresurlaub - sechs Wochen - investierte er, um ehrenamtlich in Indien zu arbeiten. Das Land habe ihn fasziniert, es kam der Gedanke, sich für einen längeren Dienst zu entscheiden. „Beim zweiten Mal bin ich dort hängengeblieben“, sagt der Internist, der zuvor in zwei Krebskliniken und einer Geriatrie gearbeitet hatte. „Die Erfolgsgeschichten waren bescheiden“, meint er lakonisch, das sei in Indien ganz anders. Vielen Tuberkuloskranken oder Brandopfern könne er zu neuer Lebensqualität verhelfen. In Kalkutta schuf er eine medizinische Infrastruktur, wirkte unter anderem am Aufbau einer Klinik mit, koordiniert ein Team von fünf Gastärzten und etwa 100 Krankenschwestern.

Vogts Arbeitstag beginnt um 6 Uhr mit dem Klingeln des Weckers. Eine Stunde später sitzt er mit seinen Kollegen, die - wie er einst - ihren Urlaub den Kranken widmen. Danach geht es zur „Sprechstunde“ in eine von sechs Außenstellen in und um Kalkutta. „Meist erwarten uns 200 bis 300 Menschen“, beschreibt Vogt. Die Ärzte arbeiten die Warteschlange soweit wie möglich ab, behandeln die meisten Patienten ambulant, einige wenige kommen ins Krankenhaus. Nachmittags ist dort Visite, Feierabend ist meist nicht vor 19 Uhr. Dann kümmert er sich um seine Kontakte, schreibt Briefe - wie etwa die regelmäßigen Berichte an pro interplast.

Vogt bewohnt in einem Trakt der Klinik ein Zimmer neben einem Lagerraum. Es ist sein einziger Rückzugsort, der einzige Platz, an dem es etwas Stille gibt in einer Stadt, die nie zur Ruhe kommt, in der „unfassbar viele Menschen unterwegs sind“. Zum Entspannen sieht sich sich Vogt die RTL-Serie ,Alarm für Cobra 11“ auf einem Laptop an, einen TV-Anschluss hat er nicht. „Ich habe alle Folgen - mehr als 300 - auf DVD“, sagt er. Früh schlafen gehe er, oft geht schon um 21 Uhr das Licht aus: „Das brauche ich einfach.“ Die Belastungen sind enorm hoch, der immense Informationsfluss, die vielen Kranken, da darf Vogt den Überblick nicht verlieren, „sonst gibt’s Tote“.

Megacities im Jahr 2025 - die Top 26 weltweit

Derzeit ist Regenzeit in Indien. Das drückend-feuchte Klima macht den Menschen nicht nur zu schaffen, es bringt ihnen auch eine neue Gefahr: Dengue-Fieber. Die Ausbreitung der Krankheit, übertragen von Mücken, sorgt für Unruhe in der Bevölkerung, sagt Vogt. Bislang gibt es keine Mittel dagegen, die Krankheit verläuft auch tödlich, kürzlich ist eine seiner Krankenschwestern binnen drei Tagen gestorben. Auch der Arzt meidet mittlerweile insektenreiche Orte. So verzichtet er seit einiger Zeit auf Spaziergänge in einem der wenigen Parks. Noch bis Dezember dauert die Regenzeit, erst dann verringere sich die Mückenpopulation wieder.

Den Alltag mit dem vielen Elend zu überstehen, nennt Vogt „emotional schwierig“. Der Arzt schildert, wie Familien aus entlegenen Regionen zu ihm reisen, um krebskranke Angehörige behandeln zu lassen. Oft könne er nichts mehr für die Patienten tun, außer schmerzmildernde Medikamente zu verordnen. Da breche für die Familien eine Welt zusammen. „An meinem Schreibtisch sind schon viele Tränen geflossen.“ Die 200.000 Euro, mit denen pro interplast seine Arbeit alljährlich unterstützt, „sind von unschätzbarem Wert. Ich würde kaputt gehen, wenn ich die Menschen wieder wegschicken müsste, es wäre eine Tragödie nach der anderen.“

Kommentare