Schwer verdauliches „Ü“

AK „Willkommen“ startet mit Integrationsprojekt ins neue Trimester

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Selbstständiges Lernen am Computer: 15 Kurse stellt der Arbeitskreis „Willkommen in Seligenstadt“ den rund 150 Schülern zur Verfügung.

Seligenstadt - Im Juni wurden die neuen Räume für das Integrationsprojekt „FLIDUM“ eingeweiht. Seitdem treffen sich an der Kolpingstraße regelmäßig Lehrkräfte und Flüchtlinge zum Unterricht. Von Sabine Müller

Der findet in den Sommerferien zwar in abgespeckter Form statt, doch der Stundenplan für das neue Trimester steht: 15 Kurse kann der Arbeitskreis (AK) „Willkommen in Seligenstadt“ den bisher gemeldeten 150 Schülern anbieten. In zwei der fünf Klassenzimmer wird am Montagabend zwischen 17 und 19 Uhr in Gruppen gelernt. Kai Fülle-Netzer paukt mit drei Teilnehmern die Konjunktion der wichtigen Verben „haben“ und „sein“: „Erste Person Singular, ich habe, du hast…“ Deutsche Sprache – schwere Sprache. Einer entpuppt sich schnell als Musterschüler, der die anderen beiden unterstützt, beim Plural interveniert aber auch er: „Kai, bitte nicht abkürzen und deutlich schreiben.“ „Okay, sorry“, sagt ihr Lehrer und verbessert seinen Tafelanschrieb. Im Raum nebenan nehmen Traudel Bohländer und Ines Gaus das Thema „Im Restaurant“ durch. Mit Hilfe von Flipchart, Overhead-Projektor und Arbeitsblättern üben vier junge Männer aus Syrien, Afghanistan und Pakistan sowie ein Ehepaar aus Eritrea - sein Baby sitzt brav auf Mamas Schoß – die Präpositionen „auf“, „hinter“, „neben“, Zahlen und Vokabeln. Der Umlaut „ü“ im „Gemüse“ macht den Schülern besonders viel Mühe. „Mümümü“ tönt es im Chor. Mit den geklatschten Silben kommt der Durchbruch in der Aussprache.

Mit der bisherigen Bilanz kann Schulrätin Hanne Auer, die Verantwortliche der Sprachgruppe im AK „Willkommen“, die gab den Anstoß für „FLIDUM“ gab, zufrieden sein: In weniger als einem Jahr wurde das Konzept realisiert, das auf Sprache als Kernelement von Integration setzt. „Seitdem es ‚Flidum‘ gibt, ist die Teilnehmerzahl gestiegen“, sagt Hanne Auer. Im vergangenen Trimester haben sich 70 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge in Seligenstadt für Kurse angemeldet, etwa 45 Prozent ihr Niveau verbessert. Die Verantwortlichen streben die größtmögliche Bildung der Zugewanderten an, wollen verhindern, dass diese in prekäre Arbeitsverhältnisse abrutschen. Nach dem neuen Integrationsgesetz können Asylbewerber und Geduldete bereits nach drei Monaten legalen Aufenthalts in der Zeitarbeit eingesetzt werden. „Wir möchten aber, dass sie eine Ausbildung machen“, sagt Hanne Auer, „sonst bleiben sie auf Niedriglohn-Niveau.“ Sieben Arbeitsverträge und fünf Ausbildungsverträge konnten bereits zum Abschluss gebracht werden. Auch der 26-jährige Schoukat aus Afghanistan arbeitet im Sprachkurs auf eine Lehre hin. Derzeit macht er ein Praktikum bei einer Metzgerei in Klein-Welzheim.

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AK-Koordinator Burkhard Müller führt durch das rund 200 Quadratmeter große Obergeschoss der Agentur für Arbeit an der Kolpingstraße, wo der AK gute räumliche Voraussetzungen für das neue Sprach-, Integrations- und Begegnungszentrum gefunden hat. Für Miet- und Nebenkosten sowie Kommunikationskosten bewilligte das Stadtparlament 25 000 Euro, dazu 3000 Euro für die Kaution. Spender und Sponsoren finanzierten die Ausstattung. Durch mit Code gesicherte Schlüsselkästchen sind die Räume flexibel nutzbar, „sieben Tage die Woche, 24 Stunden, unabhängig von den Öffnungszeiten der Arbeitsagentur.“ Der Schulbetrieb ist professionell organisiert, moderne Medien sind im Einsatz. Per Online-Kalender werden die fünf Räume belegt, jeder Kurs sollte mit drei Lehrkräften besetzt sein, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, falls jemand ausfällt. Nachdem der Sprachstand ermittelt wurde, erhält jeder Schüler eine persönliche Einladung zu seinem Kurs, die Lehrkräfte bekommen die Klassenlisten. Auf Laufkarten werden die Lernstandkontrollen dokumentiert.

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