Ziel: Leben ohne staatliche Hilfe

100 Tage: Beeindruckende FLIDUM-Bilanz

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Zwischenbilanz nach drei Monaten FLIDUM-Ausbildung an der Kolpingstraße in Seligenstadt: Über 90 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge haben sich für die Trimesterkurse angemeldet.

Seligenstadt - Auf gut drei Monate „FLIDUM“ blickt der Arbeitskreis (AK) „Willkommen in Seligenstadt“ in eigenen Räumlichkeiten an der Kolpingstraße zurück.

Mit-Initiatorin Hanne Auer und AK-Koordinator Burkard Müller legten dieser Tage eine beeindruckende 100-Tage-Bilanz des Projekts („Flüchtlinge Lernen Integrativ Deutsch Und Mehr“) vor, die auch Bürgermeister Dr. Daniell Bastian in den höchsten Tönen lobte: „Viele Hauptamtliche wären froh über einen solchen Einsatz und eine solche Intensität. “ Trotz lobenswerter Unterstützung seitens der Stadt ist an ein Innehalten kaum zu denken: „Wir haben einen so großen Zulauf, dass wir unser Lehrpersonal schnellstmöglich erweitern müssen“, so Auer und Burkard. Hinter dem einprägsamen Wort FLIDUM steht eine aktive und unbürokratische Hilfestellung für Flüchtlinge, um richtig in Deutschland anzukommen und einen Weg in ein selbstständiges Leben ohne staatliche Hilfe zu finden. Dank des großen Engagements der AK-Mitglieder und der Kirchengemeinde St. Marien sowie mit finanzieller Unterstützung der Stadt laufen derzeit 18 Informations- und Lernkurse konzentriert in entsprechend ausgestatteten Räumlichkeiten. Diese wurden mit viel Eigenleistung vor 100 Tagen bezogen, und keiner der Räume davon blieb ungenutzt.

„Die Flüchtlinge brauchen unsere Solidarität“ (von links): Burkard Müller, Bürgermeister Dr. Bastian, Hanne Auer.

Über 90 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge aus zehn Nationen haben sich für die Trimesterkurse angemeldet: 181 Schüler aus Seligenstadt und 16 aus den Nachbarge-meinden Mainhausen und Hainburg. Die Kurse (Kursleiter und in der Regel mehrere Sprachhelfer) beinhalten mehrere Qualifizierungsstufen – vom Alpha-Kurs bis zu den Fortgeschrittenen. Darüber hinaus stehen Unterstützer-Kurse für Berufseinsteiger, Auszubildende und Praktikanten durch Einzelunterricht oder in Kleinstgruppen auf dem Stundenplan. An fünf PC-Lernstationen (ab 1. Oktober an sieben) können die Flüchtlinge im Selbststudium ihr Wissen vertiefen. Weitere zehn Lernplätze stehen ab Oktober für die Aussprache-Übungen zur Verfügung.

Ein Projekt wie FLIDUM, so erläutert Burkard Müller, sei für rund 56 Prozent der Schüler (vor allem aus Afghanistan) die einzige Chance auf gezielte Bildung, da sie aus staatlicher Förderung („Die halten sich da vornehm zurück“) keinen Deutschunterricht erhalten. Diese Förderung erhalten lediglich Flüchtlinge aus Kriegsgebieten (Eritrea, Syrien, Iran, Irak und Somalia). Die anderen Flüchtlinge seien ausschließlich auf das Engagement der Zivilgesellschaft angewiesen, die in Seligenstadt nach Kräften helfe.

Die Stadt Seligenstadt leistet für diese Einrichtung aufgrund eines einstimmigen Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung einen Zuschuss von 25 000 Euro jährlich für Miete und Nebenkosten sowie Kommunikationskosten. Die Unterhaltung der Einrichtung, Lernmittel und Mobiliar werden durch Spenden von Bürgern, Sponsoren, Firmen und Vereinen aufgebracht. Größenordnung: rund 45.000 Euro. „Diese Menschen brauchen unsere Solidarität. Ich bin sehr froh, dass sie bei uns auf ein hohes Maß an Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft treffen. Der Stadt und ihren politischen Vertretern war und ist es daher ein großes Anliegen, den AK Willkommen tatkräftig zu unterstützen“, so Bürgermeister Dr. Daniell Bastian, der von einer großartigen Bilanz sprach. Allerdings, das räumen Burkard und Auer ein, gebe es auch in der Einhardstadt einen – durchaus merklichen – „Bodensatz an Fremdenfeindlichkeit“.

Sozialverband: So viel Arme in Deutschland wie noch nie

„Nicht nur die Sprachförderung ist Bestandteil des FLIDUM-Projektes. Wir geben auch vielfältige Hilfestellungen im Bereich Arbeit und Ausbildung, Praktikumsplätze und Wohnen“, erläutert Koordinator Burkard Müller. Auf diesem Wege konnten fünf Ausbildungsplätze besetzt, 14 Arbeitsplätze (integrative mit der Möglichkeit der Teilnahme am Unterricht im FLIDUM) und über 30 Praktikumsplätze vermittelt werden. Zudem haben 25 Flüchtingen durch Vermittlung aus dem Helferkreis Wohnungen in Seligenstadt oder den Nachbargemeinden gefunden. Zudem halten die AK-Mitglieder Kontakt, falls Sprachprobleme auftreten.

Durch das gemeinsame Lernen an einem Ort ist auch die Anzahl der Teilnehmer an den weiteren Integrationsangeboten des Arbeitskreises und der Seligenstädter Vereine gestiegen. Deutlich mehr Mütter nehmen mit Kindern am Deutschunterricht teil. Mehrere Flüchtlinge sind jetzt auch selbst als Helfer im Arbeitskreis tätig. „Wir ergänzen das Angebot im FLIDUM-Projekt um zusätzliche Veranstaltungen mit unterschiedlichen Schwerpunktthemen, etwa Demokratie, Gleichberechtigung, duales Ausbildungssystem, Asylrecht, Aufgabe der Polizei, Vortrag des Kreisausländer-Beirates, Gewaltprävention, Verkehrsregeln oder kulturelle Veranstaltungen“, gibt Hanne Auer einen Ausblick in die Zukunft. - mho

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