Mit zittrigen Händen

Seligenstadt (th) ‐ Es ist ein unscheinbarer schwarzer Koffer. Kunstleder von außen, innen verstärkte Pappe. Auf dem Koffer prangt leserlich die Aufschrift: Sara Schloss, Kennwort: Landkreis Offenbach, Kennnummer A00991.
Der Koffer ist alt, von 1942. Und wurde einer Seligenstädter Familie von Sara Schloss mit den überlieferten Worten zur Aufbewahrung übergeben: „Wenn ich wiederkomme, hole ich ihn ab. Da ist die gute Wäsche drin.“ Sara Schloss kam nie wieder.
Die Seligenstädter Jüdin wurde im September 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dort von den Nazis ermordet. Ihr Koffer wurde auf einem Seligenstädter Speicher vergessen, wiederentdeckt und landete schließlich beim Heimatforscher und Hobby-Historiker Thomas Laube. „Mir haben die Hände gezittert, als ich den Koffer das erste Mal in der Hand hatte.“
„Abmeldung der Glaubensjuden“
Intensiv hat er sich mit der Geschichte der Seligenstädter Juden auseinandergesetzt, viele Details recherchiert. Zurückgreifen konnte er dabei auf die Bücher der bereits verstorbenen Heimatforscher Marcellin Spahn und Dr. Dietrich Fichter - und viele eigene Quellen und selbst gesammeltes Material.
Vier Aktenordner umfasst seine Sammlung zur Geschichte der Juden in Seligenstadt. Amtliche Briefe, Behördenschreiben und Deportationslisten. Gerade diese Listen von 1942 dokumentieren die behördlich geplante und industriell umgesetzte Ermordung der jüdischen Bürger. „Abmeldung der Glaubensjuden“ steht da geschrieben. Dokumente des Grauens.
Ins KZ Theresienstadt und dann in den Tod
Über Kofferbesitzerin Sara Schloss ist indes wenig bekannt. Ob sie in Seligenstadt oder Dudenhofen geboren wurde, ist nicht geklärt. Eindeutig ist lediglich, dass sie in einem Haus an der Wallstraße gelebt hat und am 17. April 1874 geboren wurde. Im September 1942 war sie eine von 44 Bürgern jüdischen Glaubens, die zunächst in einem der Seligenstädter Judenhäusern eingesperrt wurde.
Anschließend wurden sie und ihre 43 Mitopfer auf dem Marktplatz zusammengetrieben und auf Lastwagen verteilt und ins Sammellager nach Darmstadt gekarrt. Von dort aus ging es in das KZ Theresienstadt - und in den Tod. „Nur ein Stück Gepäck durfte damals mitgenommen werden“, weiß Thomas Laube. Deshalb habe Sara Schloss wohl den Koffer mit der „guten Wäsche“ zur Aufbewahrung gegeben, nicht wissend, dass die Fahrt nach Theresienstadt ihre letzte sein wird.
Schicksal im schwarzen Koffer
Die Wäsche aus dem Koffer sind weiße Leinentücher, sehr fein verziert und handgearbeitet, mit aufwändigen Mustern versehen, teilweise mit Monogramm. „Ein Teil der Aussteuer einer jungen Frau“, vermutet Thomas Laube. Was wird mit dem Koffer und seinem Inhalt jetzt passieren? Thomas Laube zuckt mit den Schultern: „Ihn an ein jüdisches Museum zu geben wäre sicherlich eine Möglichkeit.“
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Er befürchtet jedoch, dass der Koffer dann in einem Depot landet. Da der unscheinbare schwarze Koffer so mit dem Schicksal einer Frau aus Seligenstadt verwurzelt ist, wäre Laube eine Ausstellungsmöglichkeit in der Einhardstadt sehr viel lieber, „aber nicht in einer dunklen Ecke und ohne Präsentation der Zusammenhänge.“ Bis eine Lösung gefunden ist, wird er in Laubes wohlgeordnetem und umfangreichem Archiv einen würdevollen Platz finden.
Der Koffer erzählt nicht viel. Er ist nur ein Mosaikstein, um die vielen Schicksale deportierter Seligenstädter Juden zu vergegenwärtigen. Aber „Es ist wichtig, die Erinnerung an die Nazi-Zeit auch in unserer Stadt wachzuhalten“, sagt Laube. Damit so etwas nie wieder passiert.