Zunft- und Handwerkermarkt des Vereins „Klatschmohn“

„Spectaculum und Kurzweyl“

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Dauerbrenner beim Zunft- und Handwerkermarkt: Die Blaudruck-Werkstatt war diesmal im Prälaturgarten aufgebaut.

Seligenstadt - Und immer geht noch ein bisschen mehr: Rekordverdächtigen Andrang verzeichnete der Seligenstädter Verein Klatschmohn am Wochenende bei seinem 13. Zunft- und Handwerkermarkt im ehemaligen Kloster.

Schon zur Eröffnung am Samstagvormittag hatten mehrere hundert Besucher bei den Torwächtern der Bürgergarde ihren „Wegezoll“ entrichtet. Um die Mittagszeit wurde es in „Omas Küche“ eng: Was nach traditionellen Rezepten aus Töpfen und Schüsseln kam, ging weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.

Essen und Trinken ist nicht alles, gehört aber zum seit 1989 bewährten Erfolgsrezept und ist noch immer Markenzeichen. Das kellertrübe Bier aus der heimischen Brauerei, eigens zum Markt gebraut und mit zehn Hektolitern eine gesuchte Rarität, hat seine treuen Fans. Laut Matthias Müller, seit Frühjahr 2014 Vorsitzender des rund 60 Mitglieder starken Vereins und dieses Jahr erstmals in dieser Rolle Markt-Regisseur, bleibt Klatschmohn seiner Linie eisern treu: „Pommes und Bratwurst bekommt man hier nicht.“ Dafür gibt es gebackene Mainfische von der Fischerzunft, diverse Suppen nach alten Hausrezepten, Handkäs mit Musik, Schmand- oder Schmalzbrote mit Speck und Kräutern, Leber- und Blutwurst aus dem Brühkessel und selbstgebackene Kuchen.

Auch die rekonstruierte Klosterküche hatten Mägde und Knechte in Renaissance-Kostümen zum Leben erweckt, brutzelten über offenem Feuer Pfannkuchen oder servierten ausgefallene Gaumenfreuden wie Kartäuserklöße mit Hagebuttensoße. Auch sonst pulsierte das pralle Marktleben in den einstigen Lebensadern der Abtei: An der Klostermühle drehten sich die großen, schweren Mühlräder, in der Klosterapotheke wurden Pülverchen gestampft und Pillen gedreht. In den Räumen des Regio-Museums hatten sich die Tüftler und Feinwerker niedergelassen. Unter anderem einer Netzerin, dem Buchbinder und dem Kunsttischler konnten die Gäste dort begegnen.

Rund ein Viertel der knapp 90 Traditionshandwerker, die Klatschmohn alle zwei Jahre aus allen Winkeln der Republik zusammen holt, ist laut Matthias Müller bei jeder Auflage neu. Schmiede, Maurer, Maler, Kupferstecher und viele andere kommen als alte Bekannte, beliebte Dauerbrenner wie die Blaudruck-Werkstatt - diesmal im Prälaturgarten - stellen die Veranstalter selbst.

Eingespielt hat sich auch das Eröffnungszeremoniell, diesmal allerdings in neuer Besetzung: Erstmals gab Bürgermeister Dr. Daniell Bastian am Samstagvormittag den Fauth, unter dessen gestrengen Blicken der Stadtschultheiß die Elle der Tuchhändlerin nachmessen, das Mehl aus der Klostermühle inspizieren und das Marktbier im Selbstversuch testen musste.

Damit der Fauth vor angemessener Kulisse zum Bieranstich ausholen konnte, rasselte das Glaab’sche Brauereigespann von der Aschaffenburger Straße auf den Klosterhof. Diesem ersten spektakulären Auftritt folgten weitere: Trapezkünstler, Jongleure und Feuerschlucker boten „allerlei Spectaculum und Kurzweyl“, wie Klatschmohn in seinen Ankündigungen versprochen hatte, geballt am Samstagabend nach Marktschluss auf der zentralen Wiese.

Bilder: Zunft und Handwerkermarkt Seligenstadt

Ständig umlagert war Zauberer Jan Gerken, der nicht nur Kinder mit seinen Taschenspieler-Tricks verblüffte. Waldgestalten und Gassen-Gesindel mischten sich unters Volk, und wer sich traute, konnte im Lager der Jäger und Falkner einem leibhaftigen Uhu in die Eulenaugen sehen.

Zuhause bleiben durfte der sonst unvermeidliche iPod: Musik gab’s live und handgemacht von der bewährten Spielleute-Truppe „Ranunculus“ mit Sackpfeife, Schlagwerk und Drehleier oder von den „Irrlichtern“, die ihr Debüt im Kloster gaben und unter den Fresken der Sommerrefektoriums barocke Weisen anstimmten.

Wie am Küchentresen achten Matthias Müller und seine Mitstreiter - noch ein Markenzeichen - auch in puncto Unterhaltung auf Authentizität. Digital geht gar nichts, dafür mit Muskelkraft wie das mittelalterliche Karussell vor der Prälatur. Im Mühlgarten war ein Spiel-Parcours aufgebaut, der vor 300 Jahren kaum anders ausgesehen hätte. Zum Staunen und Lernen mit allen Sinnen animierte der Rundgang um die Handwerker-Stände: Wie Flachs gebrochen, Salz gesotten, ein Langbogen gebaut oder Leder punziert wird, hat auch die Uroma nicht unbedingt gewusst. (rdk)

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