Einmal im Jahr treiben in Binche tanzende Gilles ihr Unwesen. Der Karneval in der südbelgischen Stadt ist ein Spektakel. Am Fetten Dienstag kommen selbst Faschingsmuffel auf ihre Kosten.

© dpa/OPT Binche/ Alex Kouprianoff
Der Bincher Karneval gilt als einer der ältesten der Welt. Hauptbestandteil sind die Gilles in ihren bunten Kostümen.
Die Straßen liegen noch menschenleer im fahlen Laternenlicht. Gerade hat die Kirchturmuhr 4.30 Uhr geschlagen. Olivier de Angelis gähnt und reibt sich die Augen. „Halt doch endlich still“, ruft sein Vater Guy und stopft dem 45-Jährigen Unmengen Stroh unter die Jacke. Er zerrt, drückt, klopft und mustert schließlich seinen Sohn von allen Seiten. Er ist zufrieden: Aus Olivier ist ein Buckliger mit spitzenbesetzter Halskrause und Haube geworden, eingezwängt in einem rot-gelb verzierten Anzug. „Voilà, das ist ein echter Gille“, sagt Olivier.
Freunde und Verwandte drängen sich im Wohnzimmer, um die Verwandlung zum Gille zu beobachten. Champagnerflaschen machen die Runde, grobe Wurst- und Käsestücke werden gereicht. Um kurz vor 5.00 Uhr dröhnen Trommelwirbel von draußen herein. Olivier muss los. Auch sein Sohn Adrien ist mittlerweile umgezogen. Der 14-Jährige läuft zum ersten Mal bei dem Umzug mit. Vorher war er bei den Harlekinen.
Auf der Straße warten die „Tambours“ der Karnevalsgesellschaften. Sie gehen mit ihren großen Trommeln von Haus zu Haus, um jeden Gille abzuholen und zu den Umzugstreffpunkten zu bringen. Kommt ein neuer Gilles hinzu, wird in dessen Haus ein Glas Champagner getrunken. Dann geht es zum treibenden Rhythmus in Trippelschritten weiter. Bald klackern und läuten die Holzschuhe und Glockengürtel von mehr als 1000 Gilles durch die Gassen.
Begleitet werden die Gruppen von unkostümierten Freunden und Verwandten. Bald schon wippen sie im gleichen Rhythmus wie die Gilles. „Dieses Klackern ist einfach magisch“, sagt eine Frau aus Tournai an der Grenze zu Frankreich. „Fast wie Hypnose: Man muss einfach mitmachen.“
Mittlerweile haben Olivier und sein Sohn mit ihrer Gruppe den Treffpunkt der Société Les Réguénaires erreicht. Das sind die Verrückten, Albernen. In Binche gibt es 13 Gesellschaften. Von den etwa 10 000 Innenstadt-Bewohnern ist fast jeder irgendwie mit ihnen verbunden.
Wie ein Ungeheuer spuckt die enge Avenue schließlich die Feiernden auf den Rathausplatz. Die Gilles tanzen unermüdlich im Kreis, bis nach Einbruch der Dunkelheit ein Feuerwerk das Fest beendet. Dann geht es in die Kneipen: Befreit von zeremoniellen Pflichten können sich die Gilles endlich treiben lassen.
Von Julian Mieth, dpa
REISEZIEL: Das belgische Städtchen Binche liegt gut 60 Kilometer südlich von Brüssel
ANREISE: Die nächstgelegenen Flughäfen liegen in Brüssel und Charleroi. Bequem ist die Anreise mit der Bahn. Mit dem Interregio erreicht man Binche von Brüssel aus in rund einer Stunde. Per Auto fährt man über die Autobahnen E 19 und E 42. In dem Fall empfiehlt es sich früh anzureisen, da sonst selbst die provisorischen Parkplätze außerhalb der Stadt voll sind.
KARNEVAL: Der Karvneval von Binche zählt seit 2003 sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Einen Gil erkennt man am Gewand in den belgischen Farben, geschmückt mit belgischen Löwen und anderen Symbolen, der mit Stroh ausgestopften Bluse, dem überdimensionalen Hut aus knapp 300 Straußenfedern, dem Schellengürtel, den schweren Holzpantinen, dem Korb mit Blutorangen und natürlich an der traditionell am „Mardi Gras“ getragenen Wachsmaske.
REISEZEIT: 2012 dauert der Bincher Karneval vom 19. bis zum 21. Februar. Der Mardi Gras am letzten Faschingstag ist der Höhepunkt.
MEHR INFOS: unter www.belgien-tourismus.de und zum Karneval von Binche unter www.binche.be



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