1. Startseite
  2. Sport
  3. Kickers Offenbach

In Offenbach wird schöngerechnet

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jochen Koch

Kommentare

Vor dem wichtigen Heimspiel gegen RW Erfurt am Samstag beschäftigt die Kickers-Anhänger die Frage nach den Zukunftsperspektiven des Drittligisten. Geht es angesichts der Finanzprobleme weiter?
Vor dem wichtigen Heimspiel gegen RW Erfurt am Samstag beschäftigt die Kickers-Anhänger die Frage nach den Zukunftsperspektiven des Drittligisten. Geht es angesichts der Finanzprobleme weiter? © Hübner

Offenbach - Die Offenbacher Kickers kämpfen wieder einmal um das Überleben. Die Situation ist schlimmer denn je. Doch vom einstigen Kultspruch „Zusamme schaffe mer‘s“ ist nicht viel übrig geblieben. Inzwischen wird mehr gegeneinander als miteinander gekämpft. Von Jochen Koch

Dabei bräuchte der OFC jede Hilfe. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Finanzkrise:.

Wie hoch ist der Schuldenstand wirklich?

9,1 Millionen haben Wirtschaftsprüfer ermittelt. Fast doppelt so hoch wie in der Amtszeit von Thomas Kalt. Der Ex-Geschäftsführer behauptet: Viel zu hoch angesetzt. Das könne man „sich schöner rechnen“. Genau das ist das Problem. Offenbar wurde in der Vergangenheit vieles schöngerechnet. Kreative Buchführung scheint in Offenbach weit verbreitet zu sein, wie das Klinikum-Desaster oder der städtische Antrag zum Schutzschirm zeigen.

Warum wurden die zurückgetretenen Geschäftsführer Kalt und Jörg Hambückers bei der jüngsten Wirtschaftsprüfung nicht miteinbezogen?

Das neue Präsidium wollte zunächst eine völlig unabhängige Klärung der Finanzlage durch einen neuen Wirtschaftsprüfer. Das Angebot, zu den neuen Zahlen Stellung zu nehmen, lehnten Kalt und Hambückers später durch ihren Anwalt ab. Jegliche weitere Forderungen nach genauer Einsicht wirkt damit unglaubwürdig.

Wie konnte es zu 9,1 Millionen Euro kommen?

Die Kickers haben sich bei Liquiditätsengpässen in der Zukunft bedient, Vorauszahlungen in Anspruch genommen, die jetzt fehlen und den finanziellen Spielraum extrem einschränken. Wurde in der Vergangenheit der Verkauf von Rechten, wie zum Beispiel beim Vermarkter oder Catering, als Erlös gebucht, so werden nun die dadurch fehlenden Einnahmen aufgerechnet. Was Kalt und Co. als stille Darlehen deklarierten, taucht nun als Verbindlichkeit auf.

Wer trägt die Verantwortung am Schuldenstand?

Thomas Kalt hat 2000 den Verein vor dem Kollaps gerettet, in die 2. Liga geführt, aber im Bemühen um den Wiederaufstieg in den letzten Jahren offenbar die wirtschaftlichen Probleme nicht mehr in den Griff bekommen. Für die Buchhaltung ist seit 16 Jahren Jörg Hambückers verantwortlich. Nach Kalts Rücktritt war er drei Monate lang Geschäftsführer.

Haben die Kontrollorgane versagt?

Verwaltungsrat und Aufsichtsrat wurden von der neuen Schuldenhöhe auch überrascht. Offenbar wurden sie bei mancher Entscheidung vor vollendete Tatsachen gestellt. Zuletzt im Juni 2012, als von Kalt ohne vorherige Zustimmung ein stiller Gesellschafter mit einer Einlage von 800.000 Euro aufgenommen wurde. Dieser Gesellschafter wurde von der dubiosen Finanzfirma S&K übernommen, die Anleger um Hunderte von Millionen betrogen haben soll. Die wenigen Kritiker im Verwaltungs- und Aufsichtsrat zogen sich schon vor einiger Zeit zurück, weil sie zu wenig einwirken konnten.

Droht ein Punktabzug?

Wenn der DFB den Kickers beim Nachweis der Wirtschaftlichkeit für die Saison 2012/13 Täuschung nachweist, reicht das Strafmaß von einer Geldstrafe bis zu einem Punktabzug für die laufende Saison.

Wer sind die Hauptgläubiger?

Einige Privatpersonen, darunter auch ehemalige Vorstandsmitglieder wie Thomas Röder und Thomas Kalt. Aber auch der Vermarkter Sportsman und die Stadion-Betreiber-Gesellschaft sowie Steuerbehörden.

Wie ist der OFC zu retten?

In den Gespräche mit den Gläubigern über Vertragsanpassungen, wie Stundung oder Reduzierung, hoffen die Kickers auf ein Entgegenkommen. Nur wenn alle mitziehen, kann die Insolvenz verhindert werden.

Gibt es eine Bürgschaft vom Land Hessen?

Die Kickers haben noch keinen offiziellen Antrag gestellt. Bisher hat nur ein Profiverein eine Bürgschaft vom Land erhalten, 2008 die Kassel Huskies. Für zwei Millionen Euro bürgte das Land, musste nach der Huskies-Pleite 2010 diese Summe an die Banken zahlen.

Wann entscheidet der DFB, ob Kickers Offenbach eine Lizenz für die neue Saison erhält?

Der DFB prüft die Unterlagen bis Ende März. Dann haben die Vereine bis Mitte Mai Zeit, nachzubessern.

Wie plant der OFC die neue Saison?

Der Etat wird um ein Drittel reduziert. 20 Spielerverträge laufen aus. Sportdirektor Oliver Roth will den Kader neu formieren und mehr junge Spieler einsetzen.

Wann werden die Mitglieder informiert?

Das Präsidium will voraussichtlich nach Ostern, erste oder zweite April-Woche, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen.

Welche Auswirkungen hat die Finanzkrise auf das Spiel am Samstag gegen Erfurt?

Trainer Rico Schmitt: „Das ist kein Thema in der Mannschaft. Wir müssen unseren sportlichen Beitrag leisten. Da haben wir genug zu tun.“

Ex-Bundesligisten in den Amateurligen

Auch interessant

Kommentare