Rödermarker Leuchtturmprojekt: Im VFS lernen Migrantinnen schwimmen

„Vielfalt als Bereicherung nutzen“

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Das Rödermarker Trainerteam (von links): Birgit Scholz, Yulia Hente, Selda Öztürk, Sevdenur Özgün und Elisabeth Schwarzkopf. Fotos (2): vum

Offenbach - Im Verein für Fitness und Freizeitsport Rödermark (VFS) erlernen Frauen mit Migrationshintergrund schwimmen. Unser Redakteur Holger Appel sprach mit der Klub-Vorsitzenden Anne von Soosten-Höllings.

Der ehemalige Bundesminister Heinz Riesenhuber bezeichnete diesen Schwimmkurs gegenüber der Klub-Vorsitzenden Anne von Soosten-Höllings als „Leuchtturmprojekt“. Mittlerweile führt der Verein eine Warteliste.

Frau von Soosten-Höllings, was verstehen Sie unter Integration durch Sport? 

Sport und das Vereinswesen gehören in der deutschen Gesellschaft einfach dazu. Hier lernt man Menschen kennen, schließt Freundschaften, kurz: Sport bietet Räume für Begegnung und Austausch und ist so eine ideale Plattform für Integration. Integration ist für uns ein Prozess der Eingliederung in die bestehende Gesellschaft ohne Aufgabe der eigenen kulturellen Identität. Deshalb bieten wir unsere Kurse speziell für Frauen an. Gleichzeitig werden Menschen hier mit unserem Vereinswesen und Grundlagen unseres gesellschaftlichen Miteinanders vertraut.

Wie sind Sie auf die Idee mit diesem Schwimmkurs für Frauen mit Migrationshintergrund gekommen? 

Wir haben von Anfang an sozialen Themen großen Stellenwert eingeräumt. Wir bieten zum Beispiel Schulen bei Bedarf Förderkurse für die dritte und vierte Klasse an. In den Ferien führen wir in Kooperation mit der Stadt Rödermark Schwimmkurse für diese Altersgruppe durch. Das ist oft für einige Kinder – oft mit Migrationshintergrund – die Gelegenheit, schwimmen zu lernen. Kitas bieten wir Wassergewöhnungskurse an. Unabhängig voneinander sprachen uns dann mehrere Mütter an, die gern auch schwimmen wollten, aber im öffentlichen Badebetrieb keine Gelegenheit sahen.

Wie haben Sie reagiert? 

Wir haben den Bedarf gesehen und uns direkt an die Arbeit gemacht. Bis zur Realisierung lag aber ein langer und steiniger Weg vor uns. Nicht überall fand das neue Angebot so breite Zustimmung wie bei den Frauen selbst.

Das heißt? 

Auch in unserem Verein war das Angebot nicht unumstritten. Sehr unterstützt hat uns der damalige Badehausleiter Simon Nothelfer. Wir haben die Initiative als gemeinsame von Verein und Frauenbeauftragter der Stadt, Monika Hainz, gestartet. Das war für die Akzeptanz des Angebots in der Kommune wichtig. Im Verein war hilfreich, dass einige Frauen sehr schnell gezeigt haben, dass sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Wie würden Sie die Entwicklung beschreiben? 

Rasant. Kaum war das Angebot gestartet, berichtete die Presse. Das hat uns bekanntgemacht und wir bekamen eine ungeheure Nachfrage zu spüren. Wir führen eine Warteliste und können nicht alle Frauen aufnehmen.

Bei welcher Zahl lag der Teilnehmerrekord? 

Wir haben regelmäßig 50 bis 60 Teilnehmerinnen. Wir haben insgesamt aber mehr als 100 Mitglieder aus dieser Gruppe. Unser Engpass ist die Nachfrage nach Anfängerkursen. Das Nichtschwimmerbecken lässt nur eine begrenzte Zahl an Teilnehmerinnen zu.

Welche Kurse bieten Sie noch an? 

Wir bieten für jede und jeden etwas: Leistungsorientierte- und Breitensport-Angebote für Anfänger und Fortgeschrittene, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, ohne und mit Behinderungen. Mehr als 250 Kinder und Jugendliche sowie etwa 150 Erwachsene trainieren in unseren Trainingsgruppen, etwa die Hälfte davon bestreitet regelmäßig Wettkämpfe. Es besteht aber auch die Möglichkeit „just for fun“ bei uns Sport zu treiben.

Welche Erwartungen haben Sie noch? 

Wir möchten noch viel mehr Begegnungen zwischen den Kulturen innerhalb unseres Vereins schaffen. Ich wünsche mir, dass Integration zur selbstverständlichen Realität wird. Wir dürfen nicht aufhören, genau hinzuhören, was die Bedarfe und Bedürfnisse der Menschen sind. Wir müssen Angebote entwickeln, die dem gerecht werden. Und das Wichtigste: Wir müssen uns einlassen und vorleben. Kein „Alle sind bei uns willkommen, wenn sie sich anpassen“! Wir alle müssen Schritte aufeinander zu tun, damit wir die Vielfalt als Bereicherung nutzen können.

Wie finanzieren Sie diesen Kurs? 

Der trägt sich von Beginn an selbst. Wir haben etliche Preise gewonnen, das hat uns finanziell geholfen. Investitionen in Trainingsmaterialien und Trainerausbildung wurden dadurch problemlos möglich.

Wie haben Sie es geschafft, Teilnehmerinnen zu Trainern auszubilden bzw. auch Migranten für die Vorstandsarbeit zu begeistern? 

Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir offen für das Angebot sind, aber auch ein Engagement erwarten. Ich glaube, vielen Frauen ist klar, dass wir ihre Bedürfnisse respektieren und dass Integration und Teilhabe für uns nicht nur leere Worte sind. Viele – übrigens gut ausgebildete – Frauen sind durchaus bereit, sich zu engagieren. Und sie sind eine wahnsinnige Bereicherung für den Verein.

Was glauben Sie: Ziehen andere Klubs nach? 

Die Vereinswelt ist im Wandel begriffen. Verändertes Verhalten der Mitglieder, demografischer Wandel - das bedeutet neue Anforderungen für die Vereine. Immer mehr Vereine haben Probleme bei der Nachwuchssuche für Ehrenämter. Offenheit für Neues ist eine Grundvoraussetzung, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Daher hoffe ich, dass mehr Vereine sich öffnen. Allerdings kann das nur gelingen, wenn Integration nicht fälschlich als Anpassung verstanden wird.

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