Deutsche Hotelbesitzerin (62) in Port-au-Prince gerettet

Die deutsche Besitzerin des zerstörten Hotels Montana, Nadine Cardoso, wird am Samstag lebend aus den Trümmern des Gebäudes in Port-au-Prince gerettet.

Port-au-Prince - Wunder in der Erdbeben-Hölle: Die deutsche Besitzerin des zerstörten Hotels Montana, Nadine Cardoso, ist am Samstag lebend aus den Trümmern des Gebäudes in Port-au-Prince gerettet worden.

Das bestätigte ihr Ehemann einer Hilfsorganisation. Die 62-Jährige sei stark ausgetrocknet gewesen, aber unverletzt geblieben. Sie habe in einem Hohlraum überlebt und per Telefon eine SMS geschickt, so dass die Retter die Verschüttete leichter finden konnten. Einsatzkräfte vermuten unter den Trümmern des Hotels noch bis zu 200 Opfer.

Haiti: Deutsche Hotelbesitzerin gerettet

Haiti: Deutsche Hotelbesitzerin gerettet

Das deutsche Todesopfer sei am Freitag in dem Hotel geborgen worden. Das Montana war vor allem bei Ausländern beliebt. Der Tote ist ein junger Mann aus Hamburg, teilte das Auswärtige Amt in Berlin am Sonntag auf Anfrage mit. Die “Bild am Sonntag“ berichtete, der 28- Jährige habe für eine Hamburger Exportfirma in dem Karibikstaat gearbeitet

Millionen kämpfen ums Überleben

Wut, Verzweiflung und Chaos in Haiti: Nach dem Jahrhundert-Erdbeben kämpfen Millionen Menschen ums Überleben und warten auf Wasser, Lebensmittel und Medikamente. Das Ausmaß der historischen Katastrophe wurde fünf Tage nach den Erdstößen immer deutlicher: Neben der zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince sind auch im Süden und Westen des bitterarmen Karibikstaats Städte verwüstet.

Die Vereinten Nationen sprachen von der schlimmsten Katastrophe in ihrer Geschichte. “Jacmel ist kaputt, viele Häuser liegen in Trümmern“, sagte Haitis Botschafter Jean Robert Saget der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin. Helfer berichteten über einen logistischen Alptraum, die Hilfsgüter erreichen die Menschen nur schleppend.

Haiti: Der Kampf ums Überleben

Haiti: Der Kampf ums Überleben

Lesen Sie auch:

Kinder im Visier von Menschenhändlern

"Seid Ihr bereit für die Apokalypse"

Haiti: 100 Deutsche unter den Opfern?

Haiti-Beben: Chaos, Tod und Verzweiflung

Stichwort: Haiti

Die schwersten Erdbeben der vergangenen 50 Jahre

Jetzt greifen die USA ein

Der Länderdirektor des Kinderhilfswerks Plan International, Rezene Tesfamariam, beschrieb die Situation in Jacmel im Süden des Landes: “60 Prozent der Gebäude in Jacmel sind zerstört, 24 Schulen sind eingestürzt oder stark beschädigt, die Krankenhäuser haben keinen Strom“, sagte er laut einer Mitteilung vom Sonntag. In Leogane, westlich von Port-au-Prince, sprach ein Reporter der britischen BBC von apokalyptischen Szenen. Fast jedes Gebäude sei zerstört, nach UN-Angaben sind 90 Prozent der Häuser dem Erdboden gleichgemacht. “Hier ist das Epizentrum und viele Tausende sind tot“, erklärte UN-Vertreter David Orr, laut BBC. Ein Überlebender sagte: “Wir haben keine Hilfe, nichts. Kein Essen, kein Wasser, keine Medizin, keine Ärzte.“

Mit einer Welle der Hilfbereitschaft reagiert die internationale Gemeinschaft. Doch für die Helfer im Land ist die Lage schwierig. Selbst beim Tsunami Ende 2004 in Asien mit mehr als 230 000 Toten habe es keine solchen logistischen Probleme gegeben, sagte Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA), in Genf.

Erdbeben-Drama auf Haiti

Erdbeben in Haiti: Tausende Tote befürchtet

Als Nadelöhr erwies sich der Flughafen, der mittlerweile von den USA kontrolliert wird, um Hilfslieferungen effizienter abzuwickeln. Die Maschinen müssen wegen des verstopften Airports oftmals über Stunden Warteschleifen fliegen. “Wir hoffen, dass wir bald eine Kapazität von 90 Maschinen pro Tag haben“, erläuterte PJ Crowley, Sprecher des US-Außenministeriums. Der US-Flugzeugträger “USS Carl Vinson“ liegt mit Elite-Einheiten an Bord vor der Küste des Karibikstaats vor Anker, weitere US-Kriegsschiffe plus ein riesiges Lazarettschiff sind auf dem Weg.

Die Hilfsaktion kommt unterdessen endlich auf Touren: Im Fernsehen waren Bilder von Helfern zu sehen, die unter dem Schutz von UN- Blauhelmen Essen und Wasser an einige der hunderttausenden Bedürftigen ausgaben. Als aus einem tieffliegenden Hubschrauber Essenpakete abgeworfen wurden, kam es sofort zu den befürchteten Raufereien um die Lebensmittel.

USA versprechen langfristige Hilfe

US-Außenministerin Hillary Clinton hatte die Krisenregion am Samstag besucht, am Sonntag wurde UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erwartet. Er wollte sich mit Haitis Präsident René Préval. Clinton versprach langfristige Hilfe. “Wir sind hier, um Euch zu helfen (...). Wir sind heute hier, wir werden morgen hier sein und in der Zeit, die vor uns liegt.“ Zugleich begannen die ehemaligen US- Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton mit einer großangelegten Spendensammlung für die Erdbebenopfer. Präsident Barack Obama, der seine Vorgänger mit der Koordination der Spendenhilfe beauftragt hatte, empfing die beiden am Samstag im Weißen Haus. “Vor uns liegen schwierige Tage“, sagte Obama.

“Es gibt nichts, worauf wir bauen können“, sagt Michael Kühn, Repräsentant der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti. Das UN- Kinderhilfswerk und weitere Organisationen begann mit der Verteilung von Trinkwasser. Einsatzkräfte aus Israel bauten innerhalb weniger Stunden ein Krankenhaus auf, in dem sie täglich maximal 500 Patienten behandeln können. Die Vereinten Nationen errichteten 15 Zentren inner- und außerhalb von Port-au-Prince zur Verteilung von Hilfsgütern.

Viele schwere Verletzungen

In einem Wettlauf gegen die Zeit operierten Mediziner der Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen“ Verletzte. Erfahrene Mitarbeiter sagten nach Angaben der Organisation, sie hätten noch nie so viele schwere Verletzungen auf einmal gesehen. “Innerhalb der nächsten 24 Stunden müssen etwa ein Drittel der Patienten hier unbedingt operiert werden, sonst sterben sie“, sagte Jennifer Furin dem Nachrichtensender CNN. Die Medizinerin arbeitet in einem provisorischen Krankenhaus am Flughafen von Port-au-Prince.

Auf den Straßen der Hauptstadt sind unzählige Menschen unterwegs. Oft tragen sie einen Mundschutz, der gegen den Leichengeruch helfen soll. Viele sind traumatisiert. Tausende haben Zuflucht in Parks gesucht - aus Angst vor Nachbeben. Die Menschen stehen nach Wasser und Lebensmitteln an. An einigen Stellen gibt es wieder Obst und Gemüse zu kaufen. Nachts waren vereinzelte Schüsse zu hören, es gab Berichte über Gewalt und Plünderungen. Ein heftiges Nachbeben in Haiti löste am Samstag Panik in der zerstörten Hauptstadt aus.

Kaum noch Hoffnung auf Überlebende

Noch Überlebende zu finden, wurde immer unwahrscheinlicher. Haitis Regierung geht davon aus, dass bei dem Beben der Stärke 7,0 vom Dienstag möglicherweise mehr als 100 000 Menschen starben. Die Pan American Health Organization schätzte die Opferzahl laut BBC auf zwischen 50 000 und 100 000. Der Ministerpräsident Jean-Max Bellerive sprach nach Angaben des britischen Senders von mindestens 100 000 Toten.

Die Vereinten Nationen informierten am Samstag über den Tod des Leiters der UN-Mission in Haiti, Hédi Annabi (65). Die Leichen des Tunesiers sowie seines Stellvertreters, des Brasilianers Luiz Carlos da Costa, und des amtierenden UN-Polizeichefs in Haiti, Doug Coates, seien unter den Trümmern des früheren UN-Hauptquartiers gefunden worden.

Junger Mann aus Hamburg unter den Opfern

Auch ein junger Mann aus Hamburg ist unter den Opfern. Das teilte das Auswärtige Amt in Berlin am Sonntag auf Anfrage mit. Die “Bild am Sonntag“ berichtete, der 28-Jährige habe für eine Hamburger Exportfirma in dem Karibikstaat gearbeitet. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte am Samstag mitgeteilt, dass unter den Toten ein erster Deutscher geborgen worden sei. 30 Deutsche wurden den Angaben zufolge noch vermisst. Die Bundesregierung stockte ihre Erdbebenhilfe für Haiti um sechs Millionen auf 7,5 Millionen Euro auf.

Bundespräsident Horst Köhler sprach sich für umfassende Hilfe für das vom Erdbeben zerstörte Haiti aus. “Wir haben hier eine moralische Verantwortung“, sagte der Bundespräsident am Sonntagabend laut einem vorab verteilten Redetext in der ARD-Sendung “Anne Will Extra - Hilfe für Haiti“. “Dieser Staat hat nicht funktioniert“, so Köhler. “Die Weltgemeinschaft hat das gewusst, hat das aber im Prinzip nicht so ernst genommen, weil es ein kleines Land war.“ Jetzt gehe es erstmal darum zu helfen, und zwar bestmöglich.

Papst ruft zum Gebet für Erdbebenopfer auf

Papst Benedikt XVI. hat zum Gebet für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in Haiti aufgerufen. Solche traurigen Ereignisse zeigten, “dass wir allein diese Welt nicht gut machen können“, sagte Benedikt am Sonntag beim Angelusgebet in Rom. Ihn habe die Nachricht erreicht, dass neben Erzbischof Joseph Serge Miot in Haiti auch viele Priester, Ordensleute und Seminaristen durch das Erdbeben ums Leben gekommen seien. Der Papst ermutigte alle karitativen Organisationen, die sich um die immensen Bedürfnisse Haitis kümmern. Er bete für die Verletzten und die Obdachlosen sowie für alle, die umgekommen seien.

Der UN-Sicherheitsrat kommt an diesem Montag in New York zu Beratungen über die Lage in Haiti zusammen. Initiiert wurde das Treffen von der mexikanischen Regierung in Zusammenarbeit mit China, das zur Zeit die Präsidentschaft des Rates innehat. An dem Termin werde auch der UN-Generalsekretär teilnehmen, berichteten am Samstag mexikanische Medien. Ebenfalls am Montag soll nach Informationen von Haiti Press bei einer ersten Konferenz über die Koordination der europäischen Hilfe für das vom Erdbeben zerstörte Land beraten werden. Die EU-Entwicklungshilfeminister beraten in Brüssel in einer Sondersitzung über Erdbebenhilfe für Haiti.

dpa

Mehr zum Thema

Kommentare