Komplizierte Lage

Kommentar: Cryan und die EZB-Politik

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Marc Kuhn.

Die Kritik von John Cryan zeigt das Dilemma, in dem die Finanzwelt steckt. Die lockere Geldpolitik der EZB hat Europa zwar stabilisiert, einen Absturz in die Deflation verhindert, muss auch der Chef der Deutschen Bank zugeben. Von Marc Kuhn

Andererseits hat die Strategie fatale Folgen für die Geldhäuser, die auch von den Zinsmargen leben. Ihnen brechen die Erträge weg. Sie müssen an der Gebührenschraube drehen, das Filialnetz in Frage stellen. Für die Deutsche Bank ist die Lage besonders brenzlig, weil sie auch einen teuren Umbau und milliardenschwere Strafzahlungen verdauen muss. Vor diesem Hintergrund ist es schlicht gefährlich, dass Cryan Mitarbeitern und der Branche noch immer nicht klar gesagt hat, wie er den Karren aus dem Dreck ziehen will.

Die Situation ist nicht nur für Cryan und seine Kollegen in anderen Vorstandsetagen schwierig, da die EZB-Politik den Banken nicht die erhofften Erträge bringt. Schließlich werden trotz der Geldflut nicht ausreichend Kredite von Firmen nachgefragt. Viele trauen der Konjunktur nicht, da Blasenbildungen beispielsweise an den Finanzmärkten drohen. Platzen sie, gerät die Weltwirtschaft in Gefahr.

Die Währungshüter, die heute zum legendären Treffen in Jackson Hole zusammenkommen, haben die Finanzwelt also in eine komplizierte Lage manövriert. Sie haben zudem verschiedene Auffassungen über den künftigen Kurs der Geldpolitik. Die US-Zentralbank Fed hat im Dezember als einzige führende Notenbank erstmals seit der Finanzkrise die Zinsen angehoben, ein kleines Stück von der Nulllinie. Seither passiert aber nichts. Die anderen großen Notenbanken tun das Gegenteil. Die EZB und die japanische Notenbank haben ihre Geldpolitik immer weiter gelockert. Sie haben sogar Negativzinsen eingeführt, fluten die Märkte mittels milliardenschweren Anleihekäufen mit Geld. Alleine kann die Fed indes nicht handeln, sonst könnte eine negative Entwicklung der Währungskurse die US-Wirtschaft wieder schwächen.

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Die Wogen haben sich zwar geglättet, die Nachwehen der Krise haben die Finanzwelt aber noch fest im Griff – mit schlimmen Folgen auch für deutsche Sparer, deren Altersvorsorge längst dahin schmilzt.

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