Erneuerbare Energien und Proteste: Die Quadratur des Kreises

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Bevor die Bundesregierung 2011 den Ausstieg aus der Kernenergie beschloss, waren Anti-AKW-Demos ein bekanntes Bild. Etwa rund um die Brennelementefabrik in Hanau. Bloß: Viele der Atomgegner demonstrieren heute gegen Windkraftwerke und Co.

Regenerative Energien sollen die Umwelt schützen, dennoch regt sich gegen viele Projekte Widerstand. Besonders pikant: Oftmals sind es zutiefst „grün“ denkende Menschen, die gegen Windparks und Co. zu Felde ziehen

Umweltschützer in aller Welt kämpfen seit Jahren gegen umweltschädliche Stromerzeugung: Sie blockieren Braunkohlereviere, halten vor Atomkraftwerken Banner in die Luft und protestieren gegen Gaskraftwerke. Natürlich, das ist ihr gutes Recht und hat auch einen sinnvollen, nachvollziehbaren Hintergrund. Was aber ein gewisses G’schmäckle hat: Nicht wenige Umweltschützer protestieren auch genauso vehement gegen erneuerbare Energien – und handeln sich damit viel Unverständnis ein. Der folgende Artikel will herausfinden, warum viele die Quadratur des Kreises fordern – und, soviel sei schon gesagt: Es ist nicht bloß schlichte „Dagegen-Haltung“, wie viele Zeitgenossen den Protestlern immer wieder vorwerfen.

1. Der Tierschutz

Je nachdem, wo man sich im südlichen Hessen befindet, lassen sich an klaren Tagen mit etwas Glück die Hänge des Odenwaldes sehen. Eine beschauliche Naturregion und durch seine Lage eigentlich – wie die meisten Mittelgebirge der Bundesrepublik – erstklassig als Standort für Windkraftanlagen geeignet. Und was vielleicht nicht jeder weiß: Aktuell laufen Planungen für rund 70 Windparks, die auf der Fläche des Odenwaldes installiert werden sollen. Der vielleicht lauteste Protest dagegen kommt von der Schutzgemeinschaft Odenwald. Eines der Argumente der Gruppe: Windkraftanlagen sind eine Gefahr für fliegendes Getier:

  • Fledermäuse halten die Anlagen für abgestorbene Bäume, wollen darin Quartiere errichten.
  • Vögel hingegen nehmen die Gefahr schlicht nicht wahr, weil die Windräder zu groß sind.

Die Tiere, so beklagen es Umweltschützer, sterben dann aus zwei Gründen:

  • Sie werden von den sich drehenden Rotorblättern getroffen
  • Die Luftverwirbelungen beeinflussen die Aerodynamik der Tiere, sie verlieren Auftrieb und stürzen zu Boden.

Dabei sind längst nicht nur Windkraftanlagen Ziel tierschützenden Protestes: Wasserkraftwerke sollen nicht nur die Unterwasser-Fauna durch ihre Turbinen töten, sondern durch die notwendige Anstauung auch die Lebensgrundlagen von Fischen zerstören. Kommt noch hinzu, dass Wehre und andere Staumauern Hindernisse für wandernde Fischarten darstellen, die sie auch durch „Fischtreppen“ nicht wirklich überwinden können. Und so lässt sich für praktisch jede Form der umweltschonenden Stromerzeugung eine Gegnerschaft finden, die mit dem Schutz der Tiere argumentiert.

2. Der Landschaftsschutz

Wo die Proteste der Tierschützer unter den Kritikern erneuerbarer Energien vielleicht die Menschlichsten sind, ist ein anderer Kritikpunkt wahrscheinlich der, bei dem die meisten Gegner auf einen Nenner kommen und auch andere, neutral eingestellte Personen auf ihre Seite ziehen können: Es geht um den Landschaftsschutz. Und zugegeben: Hier sind die Argumente nicht „irgendwelche“ Behauptungen von „fortschrittsfeindlichen Jutesackträgern“, sondern wirklich handfest: Als im Hunsrück ein Nationalpark errichtet werden sollte, stand die Entscheidung lange auf Messers Schneide. Der Grund: Viele Höhen des Mittelgebirges sind geradezu mit Windkraftanlagen übersäht.

Ob im Odenwald oder anderen Höhenlagen: Windenergie hat wegen der störenden Optik die meisten Gegner auch abseits von Umweltschützern.

Und hier sind die Ängste landauf, landab die gleichen: Ängste vor optischer Verschandelung. Und, zugegeben, wirklich schön ist es nicht, durch eine Hügellandschaft zu fahren und überall die „Spargel“ zu sehen. Da helfen die mancherorts praktizierten Tarnanstriche für Windräder auch nicht wirklich.

Doch es sind nicht nur Windräder, die Menschen gegen eine erneuerbare Energieform aufbringen: An den Küsten von Frankreich und Großbritannien laufen bereits die ersten kommerziellen Gezeitenkraftwerke. Oft sind es Kraftwerke in sogenannter Staudamm-Bauweise. Diese riegeln nicht nur Flüsse ab und haben somit ähnliche Folgen für die Fauna wie Wasserkraftwerke, sondern sind durch die benötigten Bauwerke eine Gefahr für teils uralte Kulturlandschaften – ein Grund, warum diese Technik in Deutschland noch in der Erprobung steckt und das, obwohl es gerade an der Nordseeküste genug Tidenhub gibt.

Allerdings sind nicht nur die Äußerlichkeiten der Bauten Ziel für Kritik:

  • Die Bauarbeiten erfordern Rodungen sowie das Anlegen von Schneisen
  • Im Dauerbetrieb fallen Geräusch- oder andere Emissionen an (etwa Lichtreflexe durch Solarparks)
  • Vormals ländliche Regionen werden industrialisiert
  • Landwirtschaftliche Nutzflächen werden belegt

Zudem sind nicht nur die Kraftwerke und Parks an sich ein Problem. Der erzeugte Strom muss ja auch transportiert werden. Gegen die notwendigen Stromtrassen regt sich ebenso Widerstand: Verlaufen die Leitungen oberirdisch, sind es vor allem optische Kritikpunkte sowie solche, bei denen medizinische Gründe angeführt werden. Bei unterirdischer Verlegung sind es hingegen die notwenigen Grabarbeiten, die Gegner aufbringen.

3. Die Stromverteuerung

Der vielleicht wirtschaftlichste und direkt für alle Endverbraucher verständlichste Kritikpunkt ist das Finanzielle: Das Erneuerbare Energien Gesetz sichert den Erzeugern regenerativer Energien Vergütungen zu:

  • Windkraft (an Land & Offshore)
  • Klär-, Gruben-, Biogase
  • Biomasse
  • Wasserkraft
  • Photovoltaik
  • Geothermie

Durch diese Vergütungen steigen zunächst die Kosten. Klar, ein Investor, der ein staatlich geschützt niedriges Risiko vermutet, steigt eher ein. Natürlich ist das für die Verbreitung erneuerbarer Energien allein zunächst ein Booster, weil viele durch die Subventionen angelockt werden – der Solarpark Dreieich gehört zu dieser Sorte. Gleichzeitig erhöht es aber auch die Kosten. Geld, das an die Erzeuger bezahlt wird, muss anderswo wieder reingeholt werden. Und ein gutes Drittel davon stemmen die privaten Haushalte. 

Normalerweise würde Strom umso günstiger werden, je mehr davon erzeugt wird. So war es beispielsweise während der Anfangsjahre der Atomenergie in Deutschland: Je mehr Meiler Strom lieferten, desto günstiger wurde der dadurch erzeugte Strom. Durch die EEG-Umlage wird regenerativ erzeugter Strom jedoch immer teurer, weil immer mehr Subventionen gezahlt werden müssen. Vor allem viele kleine Energieparks rentieren sich oft nur durch diese Vergütungen. Gäbe es sie nicht, müssten sie abgebaut und der Strom anderweitig erzeugt werden.

Und hier liegt der Knackpunkt: Gerade weil umweltschonend erzeugter Strom im Vergleich zu regulärem Graustrom so teuer ist, wird er von vielen abgelehnt – wer zahlt schon vom knappen Geld freiwillig mehr für den Strom nur fürs gute Gewissen? Und das ist tatsächlich eine Krux, der die Politik schnellstmöglich begegnen muss: Es ist eine Sache, Subventionen zu zahlen, um eine neue Technik schneller zu verbreiten. Eine ganz andere ist es jedoch, wenn durch zu langes Subventionieren der Markt gehemmt wird.

Die Quintessenz:

"Gegen Atomkraftwerke meckern aber bloß nicht hinterm Haus einen Windpark akzeptieren". In dieser Form alle Gegner von erneuerbaren Energien über einen Kamm zu scheren, ist natürlich leicht. Aber es ist eben auch nicht wirklich richtig. Natürlich gibt es unter den tausenden Gegnern sicherlich eine Handvoll, denen es keine Energieform recht machen könnte. Allerdings: Diese Menschen sind nicht nur in der Minderheit, sondern ihre Argumente passen auch nicht in die Realität einer Wirtschaftsnation im Jahr 2016: Es ist einfach nicht möglich, ersatzlos die Stromerzeugung jeglicher Art zu drosseln und wieder zu einer Lebensweise vor der Industrialisierung zurückzukehren. „Wasch mir den Pelz, mach mich dabei aber bitte nicht nass“ ist schlicht unmöglich. 

Der weitaus größere Teil der Gegnerschaft hat jedoch durchaus stichhaltige Argumente: Natürlich sind Windparks eine Gefahr für Vögel, natürlich stehen Felder, auf denen Pflanzen für die Verstromung wachsen, nicht für den Nahrungsanbau zur Verfügung. Allerdings muss an diesem Punkt eine persönliche Entscheidung stehen. Denn es ist schlicht und ergreifend nicht möglich, Deutschland vollends auf regenerative Energien umzusatteln – und damit den CO2-Ausstoß massiv zu reduzieren – ohne dass dies Auswirkungen an anderer Stelle hat. Jede Form der Stromerzeugung hat Opfer. Bloß ob diese lieber großmaßstäblich den ganzen Planeten durch ein Klimagas betreffen oder lokale Tier- und Pflanzenpopulationen, das steht auf einem anderen Blatt.

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