Altersvorsorge ist gefährdet

Interview mit Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung Ralf-Joachim Götz

Der Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung, Ralf-Joachim Götz, spricht über die Niedrigzinspolitik.

Offenbach - Nicht nur die EZB, auch die Notenbanken anderer Länder überschwemmen die Finanzmärkte mit Geld. Wachstum soll generiert werden. Deutsche Sparer leiden unter den niedrigen Zinsen. Von Marc Kuhn

Ob Fest- und Tagesgeld, Lebensversicherung oder Betriebsrente - die niedrigen Zinsen setzen allen Anlageformen zu. Der Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung (DVAG), Ralf-Joachim Götz, ist sich sicher: Die Altersvorsorge der Bürger ist in Gefahr. Im Interview sagt er aber auch, dass die Deutschen in dieser Situation nicht die Hände in den Schoss legen dürfen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) pumpte über eine Billion Euro durch Anleihekäufe in die Märkte. Sie will die Inflation und das Wachstum antreiben. Der richtige Weg?

Aus meiner Sicht nutzt diese Strategie breiten Kreisen der Bevölkerung überhaupt nichts. Menschen, die sparen oder Geld anlegen wollen, fehlt der Zins. Für die private Altersvorsorge ist es eine Katastrophe, weil die Vermögensbildung massiv erschwert wird. Auf der anderen Seite hilft diese Politik den Staaten, die hoch verschuldet sind: Sie reduziert nämlich den Druck auf diese Länder, ihre Hausaufgaben zu machen.

Die EZB-Politik ohne Reformen bringt also nichts.

Ja. Die Staaten erkaufen sich Zeit. Am Ende muss es aber Reformen geben. Nur so können die Länder vom Schuldenstand runter kommen.

Der deutsche Staat entschuldet sich ja über die niedrigen Zinsen. Setzt die Bundesregierung denn auch genügend Strukturreformen um?

Wir machen eher die Rolle rückwärts. Die Menschen werden älter, sie beziehen immer länger Rente. Und dann wird die Rente mit 63 eingeführt. Das ist sicherlich ein falsches Signal. Die demografische Entwicklung führt doch dazu, dass die Bürger eher länger arbeiten müssen, sonst lässt sich die Rentenkasse gar nicht mehr finanzieren.

Kanzlerin Merkel fällt nicht gerade mit Reformen auf.

Die Frage ist doch, ob der Staat alles regulieren muss. Denken Sie zum Beispiel an den Mindestlohn. Es geht nicht nur um seine Höhe, sondern auch um den Aufwand in der Verwaltung. Der Staat sollte lediglich einen Rahmen setzen. In Deutschland gibt es aber ein Übermaß an Regulierungen - auch an den Finanzmärkten.

Die EZB kauft auch Unternehmensanleihen. Banken erwerben mittlerweile auch Anleihen mit negativen Zinsen. Platzt eine Blase, wenn die Zinsen steigen?

Das ist natürlich die Gefahr. Ordnungspolitisch muss man ohnehin fragen: Soll eine Zentralbank Anleihen von Unternehmen kaufen? Damit werden einzelne Firmen begünstigt. Sie haben so Finanzierungsmöglichkeiten, die andere Unternehmen, deren Anleihen die EZB nicht kauft, nicht haben.

Ist das nicht widersinnig? Die EZB pumpt Geld in die Märkte, damit die Unternehmen investieren. Dann kauft sie Anleihen, und die Firmen müssen keine Kredite mehr aufnehmen.

Sicherlich ist das so. Unternehmen, die Anleihen ausgeben, müssen keine Kredite aufnehmen.

Es ist enorm viel Geld in den Märkten. Die Firmen nehmen aber keine Kredite auf. Warum?

Viele Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren unabhängiger von den Banken gemacht. Sie haben gut ausgestattete Portokassen. Es geht aber nicht nur um den Zinssatz. Viele Firmen sind nicht bereit, groß in Deutschland zu investieren - Stichwort Regulierung. Sie trübt die Perspektiven für Betriebe ein.

Wegen der niedrigen Zinsen kann der private Anleger mit seinem Geld kein Geld mehr verdienen. Was raten Sie ihm?

Es gibt kaum noch risikofreie Anlagen. Der Anleger muss gewisse Risiken eingehen, um einen Ertrag zu erzielen. Beispielsweise ist der Deutsche Aktienindex seit seiner Zusammensetzung im Jahr 1988 um durchschnittlich 8,5 Prozent pro Jahr gestiegen, allerdings mit Schwankungen. Bei den Einlagen sind wir dagegen mit Sicherheit oft bei null Prozent. Etwa zwei Billionen Euro liegen so auf deutschen Tages- und Festgeldkonten. Als Sicherheitspuffer sollte man aber bei risikoreicheren Anlagen langfristig denken und, wo es möglich ist, die staatliche Förderung mitnehmen. Beispielsweise bei den vermögensbildenden Leistungen oder der Riesterrente. Da kann man sich einen Rendite-Turbo einbauen.

Die Niedrigzinsen belasten auch Lebensversicherungen. Hat dieses Instrument der Altersvorsorge eine Zukunft?

Es gibt in Deutschland mehr als 90 Millionen Policen. Klassische Lebensversicherungen sind mit ihrem Garantiezins immer noch attraktiv. Bei Bundesanleihen bekommt der Anleger gar keinen Zins mehr. Bei den Lebensversicherungen ist die Gesamtverzinsung, dazu gehört auch die Überschussbeteiligung auf die Sparanteile, bis Ende 2015 auf gut drei Prozent gefallen. Bei nahe null Inflation allerdings ein toller Realzins. Die Lebensversicherung ist viel besser als ihr Ruf.

Die Betriebsrenten leiden ebenfalls unter der Zinssituation.

Ein wichtiges Thema. Viele Unternehmen haben bislang nicht die ausreichenden Rückstellungen gebildet. Das ist eine Herausforderung. Auch bei Pensionskassen sind zugesagte Leistungen reduziert worden. Bei den Direktversicherungen hingegen, bei denen ein Teil des Gehalts umgewandelt wird, sind solche Reduzierungen so nicht umzusetzen.

Riester-Verträge sind in der Kritik. Ein falsches Instrument?

Nein. Für die meisten Beschäftigten ist Riester ein sinnvoller Einstieg in die private Altersvorsorge. Die attraktiven Zulagen beziehungsweise Steuervorteile können dazu führen, dass der Staat, je nach Familien- und Einkommenssituation, auch 50, 60, 70 oder sogar 80 Prozent der Beiträge übernimmt. Und selbst wenn der Anbieter von Riester-Renten mit der Anlage der Beiträge kaum Überschüsse erwirtschaften sollte, hat der Riester-Kunde noch die Förderung. Bis zum Rentenbeginn ergeben sich so oft Renditen von drei, vier und mehr Prozent auf die Beiträge.

Wir haben verschiedene Intrumente angesprochen, die unter den niedrigen Zinsen leiden. Gerät die Altersvorsorge der Deutschen in Gefahr?

Ja, natürlich. Die Chancen, Geldvermögen zu bilden, sind mit Risiko behaftet. Der Anleger muss aber eher mehr als weniger tun. Um in 40 Jahren 100.000 Euro auf dem Konto zu haben, musste man früher bei neun Prozent Zinsen 24 Euro monatlich sparen. Bei ein Prozent Zinsen sind es 170 Euro. Man kann sich vorstellen, wie der notwendige Sparbeitrag noch hoch geht, wenn der Zinssatz, wie heute, unter ein Prozent liegt.

Wie hat sich die Deutsche Vermögensberatung in Offenbach und Hanau entwickelt?

Für die Deutsche Vermögensberatung war 2015 das bislang beste Jahr in der 40-jährigen Unternehmensgeschichte. Das gilt auch für den Raum Offenbach und Hanau. In der Region betreuen über 500 Vermögensberater etwa 200.000 Kunden. Auch hier zeigt sich bei unseren Kunden ein großes Interesse an der Baufinanzierung, aber auch an Lebensversicherungen.

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