Ein Leben in 17 Bildern

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Das Bild „Alice im Wunderland“: mit Koks zu heiterer Stimmung.

Man fragt sich, woher man sie kennt. Diese Augen, dieser Blick, dieses Lächeln. Irgendwie kommt es einem bekannt vor. Ihr Gesicht ging schon um die ganze Welt. Das Model Larissa Bergmann hat für viele große Konzerne posiert und ihr Lächeln diversen Kampagnen geliehen. Von Katharina Skalli

Als Werbegesicht ist die Frau mit dem kurzen, braunen Bob die Figur, die der Kunde aus ihr macht. Auf dem fertigen Werbeplakat oder der Broschüre ist nur wenig zu sehen von der echten Larissa Bergmann. Das Model posierte unter anderem für Fluglinien, Autohersteller, Brauereien und Kosmetikkonzerne. Jetzt posiert sie für sich, erzählt mit der Sprache der Fotografie ihre eigene Geschichte und nicht die, die sich ein Werber ausgedacht hat, um ein neues Bier oder einen neuen Lippenstift zu verkaufen. Mit der Fotoserie „Elle“ präsentierte die Frankfurterin kürzlich ihre persönlichsten Bilder.

Die Geschichte der 33-Jährigen schockiert und polarisiert: Eine erfolgreiche Karriere im Modelbusiness, Geld, falsche Freunde, Drogen, Absturz und der harte Weg zurück ins Leben. Mit diesen Stationen könnte Larissa Bücherseiten füllen oder Kinosäle. Doch sie entschied sich für die Fotografie, weil sie die Sprache ist, die sie gewohnt ist zu sprechen. An ihrer Seite: Die Frankfurter Fotografin Farideh Diehl.

Das Wort Drogen weckt Assoziationen. Schnell werden Bilder von zugedröhnten, viel zu jungen Models geweckt. Abgemagert und high. Der Missbrauch von Substanzen gehört zum Leben Larissas dazu, doch will sie es nicht auf diesen konzentriert sehen. „Es geht um mehr“, sagt auch Farideh Diehl. „In den 90ern wurde gekokst. Nicht nur im Modelbusiness, sondern auch in anderen Kreisen.“ Die Geschichte, die sie in 17 Bilder eingefangen hat, ist komplexer. „Es geht um Dinge in meinem Leben, die ich verarbeiten musste“, sagt Larissa.

Mit Kokain überspielt Larissa ihre Unsicherheit

Sie ist in Johannesburg geboren und in London aufgewachsen. Mit neun kam sie zurück nach Deutschland und fand dort nie den Anschluss, der für junge Mädchen so wichtig ist: „Ich war immer eine Außenseiterin“. Als sie im Teenageralter ist, kommen die Neider dazu. Larissa ist schön und schlank und hat mit 15 ihren ersten Modeljob. Sie zieht nach London. Arbeitet in Mailand und dort, wo die Agentur sie hinschickt. Mit 17 Jahren hat sie 12 bis 18 Castings pro Tag. Schnell spielen Drogen eine Rolle.

Larissa verloren und verängstigt: das Bild „Isolation“.

Mit Kokain überspielt Larissa ihre Unsicherheit, versteckt sich hinter einer Mauer guter Laune und Extrovertiertheit. Privat umgibt sie sich mit „bösen Jungs“, weil sie denkt, sie seien ehrlicher zu ihr. Ein Klinikaufenthalt Jahre später macht ihre Situation nur schlimmer. Larissa konsumiert mehr als zuvor. Als sie ganz am Boden ist, rappelt sie sich selbst wieder auf, sucht sich Unterstützung bei Freunden und Familie und verabschiedet sich endgültig von den Drogen. Heute ist sie clean und glücklich und arbeitet weiter als Model und Schauspielerin. Außerdem hat sie das Malen für sich entdeckt.

Mit Farideh Diehl hat Larissa ihre Geschichte noch einmal durchlebt. Die Tiefen, in denen sie Gewalt erlebt hat und den Absturz durch das Kokain. Aber auch die Schlüsselmomente der Erkenntnis und das Finden des Selbst und der Dinge, die ihr gut tun. Sich vor der Kamera zu öffnen, fiel der schlanken, zierlichen Frau nicht schwer. „Es war mir ein großes Bedürfnis, mein Innerstes nach außen zu kehren“, verrät sie.

In Farideh Diehls Modelagentur Castin im Frankfurter Ostend wärmt sich Larissa ihre schlanken, kalten Finger an einem großen Glas dampfendem Ingwer-Tee. Über den feuchten, heißen Schleier hinweg lächelt sie warm zu Farideh. Die Frauen stehen sich sehr nah und haben während der Arbeit an den Fotos noch tiefere Einblicke in die Seele der anderen erhalten. Die entstandenen Bilder sind nicht nur künstlerisch einen Blick wert, sondern voller Tiefe und Inhalt. Das Motiv „Erkenntnis“ zeigt Larissa mit verbundenen Augen und ausgebreiteten Armen. Vor ihr kämpfen zwei Seiten ihres Ichs. Das Opfer und der Täter. „Wahre Erkenntnis erlangt man nur durch den Blick nach innen“, sagt Farideh.

Typische Frauenthemen hätten sie unter dem Titel „Elle“ auf Fotopapier gebannt, sagen die beiden. „Elle“ steht als Synonym für Frau, aber auch für den Anfangsbuchstaben „L“ von Larissas Vornamen. Die Gefühle, die das Duo auszudrücken versuchte, seien übertragbar auf andere Lebensgeschichten und Schicksale. Mit Isolation, Auflösung, Erkenntnis, Täuschung, Selbstfindung und Leidenschaft sind die einzelnen Serien und Bildpaare überschrieben - Emotionen, die viele Betrachter wiedererkennen. Tief in sich selbst. Die Bilder zeigen Larissas Reifungsprozess, aber dieser steht stellvertretend für all die anderen Wege, die beschritten und von Steinen befreit werden. „Wir haben viel positives Feedback bekommen“, verrät Farideh Diehl. Die ersten Aufnahmen waren für Larissa wie ein innerer Befreiungsschlag. Dass sie mit ihren ehrlichen Worten polarisiert, nimmt sie in Kauf, denn jetzt besitzt sie das fehlende Selbstbewusstsein, das sie lange versucht hat, mit Kokain zu kompensieren.

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