Jacksons Trauerfeier

Kommentar: Die Lust am Spektakel

Oma las die „7 Tage“, war auf Neues aus Europas Adelshäusern erpicht. Als 1982 Romy Schneider und Grace Kelly starben, berichteten die Regenbogen-Gazetten ausführlich darüber. Das Fernsehen hielt sich vornehm zurück. Trauerarbeit war den Boulevardblättern vorbehalten. Beschauliche Zeiten. Von Carsten Müller

17 Jahre später trug man Prinzessin Diana zu Grabe – unter Anteilnahme eines Millionenpublikums in aller Welt. Nun eröffnet die Beerdigung Michael Jackson s eine neue Dimension. Zum massiven Aufgebot von Print, Radio und Fernsehen gesellt sich das Internet – und Foren wie Facebook sind dem Ansturm kaum gewachsen.

Das Spektakel um den toten Künstler, der zeitlebens nicht unumstritten war, mag manchem Beobachter anstößig erscheinen. Doch Jacksons letzter Gang ist auch ein Beleg für die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns heute verschiedenster Medien bedienen. Fluch und Segen einer Informationsgesellschaft, die manchmal wie eine tumbe Herde wirkt, ein anderes Mal couragiert um Freiheit und Demokratie twittert.

Gerade Prominente und Medien pflegen eine enge Symbiose. Sie sind aufeinander angewiesen. Das gilt für das Internet wie für die Unterhaltungslektüre auf dem Wohnzimmertisch meiner Großeltern. Das Publikum bewundert Erfolge, bedauert Schicksale, betrauert besonders Scheitern. Und fühlt dabei die beruhigende Gewissheit: So unspektakulär das eigene Leben auch sein mag, so wertvoll ist es in seiner Überschaubarkeit.

Rubriklistenbild: © op-online

Kommentare