"Unser Star für Oslo"-Finale: Lena Meyer-Landrut

TV-Kritik: Die bezaubernde Lena fährt nach Oslo

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Lena Meyer-Landrut weinte vor Glück.

Plötzlich ist Favoriten Lena blass und still. Noch zwei Minuten Wartezeit liegen vor ihr, bis sie weiß, dass sie Deutschland beim Eurovision Song Contest in Oslo am 29. Mai vertritt - sie „Unser Star für Oslo“ sein wird. Von Kathrin Rosendorff

Die sonst Dauer-kecke, vor Selbstbewusstsein-strotzende 18-Jährige mit den Rotbäckchen-Wangen sitzt auf dem schwarzen Sofa, kratzt sich nervös am Bein. Die Abiturientin aus Hannover, die aussieht und spricht wie die kleine Schwester von Nora Tschirner, stammelt nur noch Satzbruchstücke. Eben bei ihrem letzten Lied „Satellite“, das die Zuschauer für sie ausgewählt haben, hatte sie auch schon einen kleinen Texthänger. Dann die Entscheidung. Die wird nicht vorgelesen, sondern auf dem großen Bildschirm im Kölner Studio eingeblendet. Die gelben Eurovisions-Sterne fallen hinunter. Ein fetter Stern bleibt stehen und der Gewinnername leuchtet auf: Lena-Meyer-Landrut. Sie kann nicht mehr und heult. „Das ist so verdammt derbe“, so ihr erster deutlicher Satz.

Kein Zickenkrieg

Auf ihrer Facebook-Seite werden aus den 13.000 Fans im Laufe des Abends 16.000. Neben ihr steht die zweite Finalistin, Jennifer Braun, auch 18 Jahre jung, aus dem südhessischen Eltville. Kein neidischer Blick, stattdessen eine fette Umarmung zwischen den beiden. Seit sechs Wochen konkurrieren sie. Zickenkrieg war aber nie ein Thema bei „Unser Star für Oslo“. Jennifer war noch am Dienstag die Überraschungsfinalistin, der Underdog mit der nach außen gewellten Farah-Fawcett-Frisur. Aber gerade am Ende, als sie ihren letzten Auftritt hat, mit dem Lied „I care for you“, blüht sie nochmal so richtig auf. Ihr stärkster Auftritt an diesem Abend. Und kurz glaubt man, dass Jennifer doch gewinnen könnte, und die seit Wochen in den Medien prophezeite Siegerin Lena noch rausfliegt.

Ein bisschen Bildungsfernsehen im Ersten

Die Favoriten Lena Meyer-Landrut hat das Ticket nach Oslo gewonnen.

Insgesamt viermal (die Gewinnerin fünfmal) müssen die beiden dunkelhaarigen Mädels beim Finale singen. Der Abend beginnt aber erst einmal mit etwas Geografie-Unterricht. In Filmchen gibt es die wichtigsten Facts zu Oslo und auf der Landkarte wird auch gezeigt, wo Oslo denn überhaupt liegt. Ein bisschen Bildungsfernsehen im Ersten. Jurypräsident Stefan Raab wiederholt nochmal, dass die Entscheidung an diesem Abend „eine nationale Aufgabe “ sei. Neben Raab sitzen Stefanie Kloß, Frontfrau von Silbermond, und Sänger Xavier Naidoo in der Jury. Doch die drei haben keine Macht über den Ausgang. Denn die Zuschauer entscheiden: Und zwar nicht nur darüber, wer in Oslo singt, sondern auch welches Lied.

Lena Meyer-Landrut im Porträt

Unser Star für Oslo! Lena Meyer-Landrut im Porträt

Doch die demokratischste Grand-Prix-Entscheidung in der Geschichte Deutschlands, ist gar nicht so einfach zu verstehen. Schon gar nicht an einem Freitagabend mit Pizza und Bier vor dem Fernseher sitzend. Moderator Matthias Opdenhövel versucht es zwar. „In Runde eins entscheiden Sie, welches Lied Lena singen würde, wenn sie gewinnen sollte. Und auch welches Lied Jennifer singen würde, wenn denn sie gewinnen sollte.“ Total irritiert lässt man fast die Pizza aus dem Mund fallen: Wer singt was und wie oft? Und wann ruf ich jetzt für was an? Doch beim Zuschauen versteht man es langsam. In Runde eins singen Lena und Jenny jeweils drei Lieder. Das erste Lied „Bee“, ist eine luftig-leichte Sommermelodie. Das Lied passt aber irgendwie besser zu Jennifers rockiger als zu Lenas Mädchenstimme. Das zweite Lied heißt „Satellite“, und das interpretiert Jennifer balladenhaft, Lena singt es verspielt- rockig. Lied drei dürfen sich die beiden Sängerinnen aussuchen - und zwar aus einem großen Pool aus international eingeschickten Melodien. Lena wählt „Love me“, Jennifer „I care for you“. Beides sind hübsche Tanznummern.

Jennifer trifft nicht alle Töne

Jennifer Braun aus Eltville drehte am Ende nochmal richtig auf, aber sie konnte nicht mehr aufholen.

Nur einmal ein Lied zu hören und dann zu entscheiden, ist echt schwer“, betont Stefanie Kloß. Die Jury lobt insgesamt gewohnt viel und das auch fast immer berechtigt. Doch selbst als Jennifer die balladige Version von  „Satellite“ singt und nicht wirklich alle Töne trifft, bezeichnet sie Raab als „Die Königin der langen Töne“. Stefanie Kloß findet ihre „kräftigere Stimme“ gut. Vielleicht ist die Akustik im Studio eine andere als die, die aus den Fernsehboxen dröhnt? Ganz klar fällt aber beim Lob für Lena, immer mehr das Wort Oslo als bei Jennifer. Und auch der Zuschauerapplaus im Studio ist heftiger. Nicht nur Raab ist wieder total „verzaubert“ von ihren „feenhaften“ Auftritten mit lustigem Pippi-Langstrumpf-Gehüpfe. „Das ist eine ganz eigene Welt, bei der alles blüht“. „Sie erzählt Geschichten und man will ihr einfach zuhören.“ Stefanie Kloß möchte ihre „Leichtigkeit“ auf der Bühne übernehmen. Xavier Naidoo ist auch definitiv Lena zugeneigt. „Ich bin total glücklich, dich auch mal live zu sehen“, sagt er fast groupiehaft. Und übt schon mal ihren Namen auf Engisch auszusprechen "Liena" für Oslo. Er lobt ihr schön-betontes Englisch. „Manchmal singst du British und manchmal weiß man aber auch gar nicht, wo du dein Englisch her hast.“

Lenas Leichtigkeit ist plötzlich weg

Bei den ersten Nummern ist auch Lena, die Lockere von den beiden Sängerinnen auf der Bühne. Sie plaudert zwischendrin, dass sie ihre Cola und Fanta-Geschmackslippenstifte zum "Mezzo-Mix" zusammenmischt. Doch als die Zuschauer abstimmen und sie nicht ihren Favoriten-Titel „Love me“, sondern „Satellite“ singen soll, ist sie fertig und ihre allzeit gelobte „Leichtigkeit“ ist plötzlich weg. Jennifer Braun darf dagegen ihren Favoritentitel singen und gewinnt an Selbstbewusstsein und, so das einstimmige Urteil der Jury, total an Dynamik.

Katarina Witt twittert ununterbrochen

Ex-Eiskunstläuferin Katarina Witt scheint auch die Sendung zu verfolgen. Denn sie twittert ununterbrochen. Sie bewegt vor allem, das unglamouröse Outfit von Jennifer und Lena. „Warum sind diese beiden hübschen, talentierten jungen Mädchen so unauffällig gekleidet? Überhaupt keine Farben:(. " Und als ob das Stefanie Kloß gelesen hätte, betont sie nochmal vor der finalen Entscheidung: „Die Mädchen sind so wie sie sind super, sie brauchen keine langen Röcke und Stöckelschuhe.“ Nachdem die Eurovisions-Sternchen gefallen sind, muss Siegerin Lena nochmal singen, „Satellite“, das rockig-poppige abgedrehte Lied, das an Lilly Allen-Melodien erinnert. Tränenerstickt fragt sie: "Kann ich erst nochmal was trinken?“ Zittrig beginnt sie das Lied, hält sich die Hände übers Gesichtchen. Kurz fürchtet man, dass sie es nicht schafft. Doch dann fasst sie sich. Und sie schreit vor Freude und mitten im Song: „Verdammte Scheiße“.

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