Interview mit Anna Netrebko

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Opern-Diva Anna Netrebko.

München - Opern-Diva Anna Netrebko im Interview über Opernstars, Traumpaare und ihr neues Leben mit ihrem Sohn Tiago.

Gerade hat sie als Mimi im Münchner Nationaltheater einen triumphalen Erfolg gefeiert, da rüstet sich Anna Netrebko schon für eine noch größere Bühne: Am 10. Juli tritt sie auf dem Königsplatz auf, es dirigiert ihr Mentor Valery Gergiev. Mit von der Open-Air-Partie ist Bariton Dmitri Hvorostovsky.

-Ihr Leben hat sich durch Ihren Sohn Tiago sehr verändert. Wenn Sie zurückblicken: Wie sah Ihre Karriere vorher aus?

Zuvor gab es oft diese Momente des Alleinseins, auch der Trauer. Ich hatte mich nur auf meine Karriere konzentriert und musste viel reisen. Alles drehte sich ums Singen. Damals gab es diese großen Leerräume. Und jetzt...

-Ist es stressig, mit der Familie zu reisen?

(lächelnd und sehr leise:) Ja. Aber Tiago mag Menschen, er liebt es zu reisen. Das hilft.

-Bald wollen Sie auch dramatischeres Repertoire singen. Elisabeth in Verdis „Don Carlos“, die Leonora im „Troubadour“. Und wie sieht’s mit Wagner aus?

Ich muss vorsichtig sein. Wenn ich mir meine jetzigen Rollen so anschaue, dann sind die schwer genug. Da ist keine Zeit für Scherze. Ich glaube aber zum Beispiel nicht, dass es bei Wagners Elsa Probleme mit der Stimme geben könnte. Schwierig ist es vielmehr, Deutsch zu lernen, vor allem diesen besonderen Stil. Das wird mich viel Zeit kosten.

-Sie gelten als der Opernstar unserer Zeit. Was hat sich verändert im Vergleich zu den Stars vor 40, 50 Jahren?

Es gab wohl damals nicht so viele gute Sänger. Das Niveau der heutigen Aufführungen ist viel höher. Allerdings: Von der italienischen Belcanto-Technik ging auch einiges verloren. Und das heutige Marketing... Man kann es mögen oder nicht.

-Und Sie?

(verzieht das Gesicht.) Ich liebe es, auf der Bühne zu singen. Der Rest gehört eben dazu. Gut, ich mag es, Interviews zu führen und mich mit den Leuten zu unterhalten. Insofern ist es doch nicht so schlimm.

-Falls Rolando Villazón zurückkehrt...

Natürlich wird er das!

-Was haben Sie von ihm gehört?

Er kommt zurück, auch wenn es nicht leicht sein wird. Er ist sehr stark, und er liebt es zu singen. Er hat womöglich diese Probleme, weil er das Singen so liebt.

-Braucht man denn unbedingt Traumpaare auf der Bühne?

Sobald man mit jemandem singt, ist man gleich das Traumpaar. Es liegt eben am Zusammentreffen von Sopran und Tenor, die sind ja meistens das Liebespaar im Stück. Doch damit es zu einem Traumpaar kommt, braucht es eine bestimmte Chemie zwischen beiden, auch eine Harmonie der Stimmen. Es ist überhaupt für mich ganz wichtig, einen starken Bühnenpartner zu haben. Abgesehen davon: So viele gute Tenöre gibt es ja gar nicht...

-Das mit dem Traumpaar wird aber mit Ihrem Mann Erwin Schrott schwierig. Er ist Bariton...

Genau drei Opern würden passen. Gounods „Faust“, Donizettis „Liebestrank“ und Mozarts „Don Giovanni“. Es gibt Pläne. Aber wir forcieren das alles nicht. Ich glaube nicht an Familien auf der Bühne. Das funktioniert doch meistens nicht.

-Sie schwärmen ständig von der Zeit Ihrer Schwangerschaft. Ein Da Capo?

Ja, schon. Aber wir müssen etwas warten. Jeder fragt zurzeit nach einem Geschwisterchen. Tiago will’s bestimmt auch.

-Fürchtet man denn in der Pause von vier, fünf Monaten, dass man nicht mehr so gefragt sein könnte?

Eigentlich nicht. Man muss einige Termine eben absagen. Und manche hassen mich bestimmt deshalb.

-Wie hat sich Ihre Stimme verändert?

Sie wurde größer – wie mein Körper (lacht). Das ist nicht lustig! Und sie wurde dunkler, schwerer, lauter. Aber das kann auch mit dem Alter oder einer natürlichen Fortentwicklung zusammenhängen.

-Wenn wir hier zusammensitzen, wissen Sie eigentlich schon, was Sie in fünf, sechs Jahren machen. Ist das nicht merkwürdig oder beängstigend, dauernd in der Zukunft leben zu müssen?

Das ist gut für mich, weil es mich in einer gewissen Spannung hält und weil es mir Kraft gibt. Außerdem: Viele meiner Freunde sind hervorragende Sänger. Sie sagen mir oft: Ich habe keine Engagements im nächsten Jahr. Grauenhaft. Dazu kommt noch die Wirtschaftskrise, an der Kultur wird überall gespart. Opernproduktionen werden abgesagt. Warum also sollte ich Angst vor meinen Engagements haben?

-Ihr Mann war im Nationaltheater der Erste, der „Brava“ nach Ihrer Mimi-Arie gerufen hat.

Es hat ihm wohl gefallen. Er ist sehr kritisch mit mir. Er korrigiert mich dauernd im Stile von „Im ersten Akt war die Intonation nicht gut“ und so weiter. Er ist sehr streng.

-Und kritisieren Sie ihn auch?

Klar. Aber nicht viel. Er ist doch Latino! Uuuuh...

Das Interview führte Markus Thiel

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